Politiker klagt über Kopftuch-Boom in Biel BE – und erntet Kritik
«Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich in Marrakesch befinde und nicht in Biel.» Mit dieser Aussage lanciert ein Politiker eine neue Kopftuch-Debatte.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Bieler Politiker sorgt mit einem Marrakesch-Vergleich für Aufsehen.
- Eine Bieler Muslima nennt die Kopftuch-Aussage pauschalierend und problematisch.
- Experten sehen keinen Beleg für einen Kopftuch-Boom und warnen vor Rassismus.
In Biel BE entflammt die Debatte um das Kopftuch. Grund dafür: Ein Interview, das es in sich hat.
«Ich will niemanden vor den Kopf stossen», sagt Mohamed Hamdaoui in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit «Ajour». «Aber ich habe manchmal wirklich fast das Gefühl, dass ich mich in Marrakesch befinde und nicht in Biel.»

Der Mitte-Stadtparlamentarier und frühere SP-Politiker beobachtet nach eigenen Angaben einen zunehmenden Kopftuch-Trend in Biel.
Bieler Mitte-Politiker fordert Kopftuch-Verbot für Kinder
Besonders schockiere ihn, wenn «kleine Kinder» ein Kopftuch tragen, sagt der nichtpraktizierende Muslim.
Für junge Mädchen fordert Hamdaoui sogar ein Verbot. «Wenn eine 40- oder 50-jährige Frau ein Kopftuch trägt, gehört es dazu. Für Mädchen, die noch keine 12 Jahre alt sind, ist es für mich komplett inakzeptabel. Da bin ich für ein Verbot.»
Als mögliche Ursachen nennt er den Einfluss von Social Media. Dort würden Imame jungen Menschen vermitteln, dass sie nur mit Kopftuch «eine gute Muslimin» seien.
Auch konservative Staaten wie Saudi-Arabien und Katar sieht Hamdaoui in der Verantwortung. Deren Einfluss auf junge Musliminnen sei auch in Biel spürbar.
Diese Aussagen sorgen für Kritik.
Nau.ch hat mit einer Muslimin aus Biel gesprochen, die selbst ein Kopftuch trägt. Die Studentin möchte anonym bleiben.
Sie fürchtet Reaktionen wegen des zunehmenden Hasses und der Diskriminierung gegenüber muslimischen Frauen. Zudem befürchtet sie negative persönliche und berufliche Konsequenzen.
Bieler Muslima über Marrakesch-Vergleich: «Pauschalisierend und problematisch»
«Ich habe mich vor einigen Jahren bewusst dafür entschieden, ein Kopftuch zu tragen», sagt sie. «Es ist für mich Ausdruck meines Glaubens. Und ein Ausdruck meines Wunsches, einem Gebot zu folgen, das ich als zentral für meine religiöse Überzeugung verstehe.»
Dass in Biel heute mehr Frauen einen Hijab tragen, kann sie nicht bestätigen.
«Vieles beruht auf subjektiven Eindrücken, die stark davon abhängen, wo man sich bewegt und worauf man achtet», sagt sie.
Auch sie selbst achte nicht darauf, was andere Menschen tragen. «Für mich ist Kleidung Ausdruck individueller Freiheit, die durch unsere Bundesverfassung geschützt ist.»
Zum Marrakesch-Vergleich von Hamdaoui hat die junge Frau eine klare Meinung. «Solche Aussagen empfinde ich als pauschalisierend und problematisch», sagt sie.
Mit Verweis auf die Tatsache, dass in Biel Menschen aus 154 Nationen leben, sagt sie: «Biel ist eine vielfältige, zweisprachige Stadt – genau das macht sie aus. Diese Vielfalt ist kein Fremdkörper, sondern gelebter Alltag.»
Werden einzelne Eindrücke auf ganze Bevölkerungsgruppen übertragen, entstünden schnell verzerrte Bilder.
«Solche Zuspitzungen tragen dazu bei, antimuslimischen Rassismus zu verstärken.»
Hass gegen Muslime nimmt in der Schweiz massiv zu
Der Hinweis kommt nicht von ungefähr. Laut dem neusten Rassismus-Bericht des Bundes hat antimuslimischer Rassismus im vergangenen Jahr am stärksten zugenommen.
Insgesamt wurden 281 Fälle registriert. Das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Bielerin sagt, sie erlebe Ablehnung vor allem im Berufsleben. «Aber auch im Alltag, wenn ich beschimpft oder sogar angespuckt werde.»
Besonders bewegt habe sie einen Fall aus ihrem Umfeld.
«Eine Freundin wurde als vermisst gemeldet. Auf Social Media las ich Kommentare von Menschen, die ihr den Tod wünschten oder hofften, sie werde nicht gefunden. Einzig, weil sie ein Hijab trägt.»
Die Präsidialdirektion der Stadt Biel will Hamdaouis Aussagen nicht kommentieren. «Es ist das Gefühl von Herrn Hamdaoui», schreibt ein Sprecher.
In Biel gibt es überdurchschnittlich viele Muslime
Die städtische Statistik erfasst lediglich die Konfessionszugehörigkeit. «Der Anteil der Bevölkerung islamischer Konfession ist nach einem Anstieg in den 2010er Jahren seit 2020 in Biel rückläufig.»
2022 lebten in Biel 4895 Personen islamischer Konfession. Die Gesamtbevölkerung betrug 43’897 Personen.

Der Anteil lag damit bei rund 11 Prozent. Das ist mehr als der schweizweite Durchschnitt von rund 6 Prozent.
Neuere Zahlen für Biel liegen derzeit nicht vor.
Schweiz erhebt keine Zahlen zur Anzahl Kopftuchträgerinnen
Auch auf nationaler Ebene gibt es keine Daten dazu, wie viele Frauen und Kinder ein Kopftuch tragen. Darauf verwies der Bundesrat in einem Bericht vom vergangenen Oktober.
Für Aziz Khalifa, Präsident des Islamischen Kantonalverbands Bern, sind deshalb keine gesicherten Aussagen zur Kopftuch-Debatte möglich.
Er sagt zu Nau.ch: «Aussagen über eine Zu- oder Abnahme beruhen auf individuellen Wahrnehmungen und lassen sich nicht objektiv belegen.»

Den Marrakesch-Vergleich beurteilt er kritisch. «Solche Vergleiche greifen aus unserer Sicht zu kurz und wirken pauschalisierend.»
Und: «Es ist gefährlich, individuelle Wahrnehmungen mit einer ganzen Religionsgemeinschaft zu vermischen. Solche Aussagen können antimuslimischen Rassismus verstärken.»
Ähnlich äussert sich Amir Dziri, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.
Er bezeichnet Hamdaouis Aussage bei Nau.ch als «etwas unglücklich». «Das ist keine sachdienliche Auseinandersetzung. Solche Aussagen verstärken bei Betroffenen das Gefühl, stigmatisiert zu werden.»

Auch Dziri betont, dass die Wahrnehmung des Stadtbilds subjektiv sei. Und stellt eine Vermutung auf.
«Wer sich intensiv mit dem Kopftuch beschäftigt, nimmt es im Alltag häufiger wahr. Man entwickelt einen anderen Blick dafür.»
Das beobachte er auch bei sich selbst als Forscher.
Dazu komme. «Es überrascht nicht, dass die Debatte im Sommer aufflammt. Wenn alle leichter gekleidet sind, sticht ein Kopftuch stärker ins Auge.»
Kopftuch gibt Gen-Z-Muslimas Sicherheitsgefühl in unsicheren Zeiten
Dziri ordnet die Diskussion um das Kopftuch in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang ein.
Jugendliche und junge Erwachsene seien heute stärker von Unsicherheit und Zukunftsängsten geprägt. Das könne konservativere Haltungen fördern.
Gleichzeitig wachse bei manchen Menschen das Bedürfnis nach Rückzug und Schutz.

Für einige Frauen erfülle das Kopftuch deshalb mehr als nur eine religiöse Funktion.
«Es kann auch ein persönlicher Schutzraum sein – etwas, das Sicherheit vermittelt und die eigene Privatsphäre nach aussen sichtbar macht.»
Die religiöse Bedeutung müsse dabei nicht immer im Vordergrund stehen.
«Auch Menschen anderer Religionen suchen Schutz und Sicherheit. Nur ist das im öffentlichen Raum weniger sichtbar.»
Algorithmus bevorzugt extreme Islam-Influencer
Gleichzeitig schliesst Dziri nicht aus, dass konservative bis islamistische Strömungen über Social Media Einfluss nehmen.
«Sogenannte Islam-Influencer – oft ohne fundierte theologische Ausbildung – verbreiten entsprechende Inhalte, die von den Algorithmen zusätzlich verstärkt werden.»
Zudem warnt er davor, das Kopftuch ausschliesslich als Zeichen sexueller Reife zu interpretieren.
«Aus theologischer Sicht steht das Kopftuch in erster Linie für Anstand im Gottesdienst. Ähnlich wie religiöse Gepflogenheiten in anderen Religionen.»
Mit Blick auf den Einfluss von Social Media bleibt Amir Dziri vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft zurückhaltend. Ob Social Media tatsächlich dazu führe, dass in der Schweiz mehr Musliminnen ein Kopftuch tragen, lasse sich bislang nicht belegen.
Für den Professor für Islamische Studien steht fest: «Die meisten Frauen treffen diese Entscheidung bewusst und differenziert. Auch weil das Tragen eines Kopftuchs Nachteile mit sich bringen kann.
Rassismus-Kommission sieht in Kopftuch nicht zwingend Zeichen von Unterdrückung
Auch Aziz Khalifa vom Islamischen Kantonalverband Bern verweist auf die unterschiedlichen Bedeutungen des Kopftuchs.
«Das Kopftuch hat keine einheitliche Bedeutung. Für manche Frauen ist es Ausdruck religiöser Überzeugung, für andere Teil ihrer Identität oder ihrer persönlichen Lebensweise.»
Gleichzeitig gebe es viele Musliminnen, die bewusst kein Kopftuch tragen.
Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus hält ihrerseits fest, dass das Kopftuch nicht pauschal als Symbol der Unterdrückung verstanden werden könne. Ebenso wenig sei es grundsätzlich ein Zeichen der Befreiung.
Vielmehr stünden unterschiedliche persönliche und religiöse Bedeutungen im Vordergrund.
Mohamed Hamdaoui liess eine Anfrage von Nau.ch unbeantwortet.











