Der japanische Künstler On Kawara gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der Konzeptkunst. Das Kunstmuseum St. Gallen widmet ihm mit Beiträgen von Bethan Huws, Tatsuo Miyajima, Aleksandra, Barbara und Roman Signer eine Hommage.
Alltägliche Dinge bilden häufig die Basis von Roman Signers Schaffen. Seine Arbeit «Tisch» war bislang nur als Fotografie bekannt, nun steht er in der Ausstellung «On - On Kawara» in der St. Galler Lokremise.
Alltägliche Dinge bilden häufig die Basis von Roman Signers Schaffen. Seine Arbeit «Tisch» war bislang nur als Fotografie bekannt, nun steht er in der Ausstellung «On - On Kawara» in der St. Galler Lokremise. - sda - Kunstmuseum St. Gallen
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Das Wichtigste in Kürze

  • «On - On Kawara» ist die letzte von Roland Wäspe kuratiert Ausstellung in der Kunstzone der St.

Galler Lokremise. Nach 33 Jahren läuft Ende November seine Zeit als Direktor des Kunstmuseums St. Gallen ab. Mit der Ausstellung will Wäspe «eine Bogen über die zentralen Figuren der Gegenwartskunst spannen».

On Kawara (1933 bis 2014), setzte sich während Jahrzehnten mit dem Thema Zeit auseinander. Er habe als Alter stets die Zahl gelebter Tage angegeben, sagte Roland Wäspe, der den Künstler mehrmals in New York besuchte. Bei On Kawara sei die biologische Lebenszeit mit der Kunst identisch geworden.

«Ich existiere nicht», soll On Kawara von sich selbst gesagt haben. Er wurde 29'784 Tage alt. Seine Lebensaufgabe war, in seiner berühmten Werkserie «Today» die Zeit systematisch in eine sichtbare Form zu bringen. Am 4. Januar 1966 schuf der Künstler das erste «Date Painting». Mit Acrylfarbe und feinem Pinsel malte er das aktuelle Datum auf kleine Leinwände. Über 2000 Bilder sind auf diese Weise entstanden.

1997 zeigte das Kunstmuseum St. Gallen in einer Einzelausstellung Kawaras berühmte Bilder. Heute besitzt es als eines von wenigen Schweizer Museen zehn dieser Tafeln aus zwei Malzyklen. Zu jedem fügte On Kawara Zeitungsausschnitte aus der lokalen Tagespresse hinzu, «I Read» hiesst diese Serie, die an ein individuelles Tagebuch erinnert.

Fünf Kunstschaffende sind in der Hommage, die bis zum 6. November in der Lokremise zu sehen ist, vertreten. Auch im Schaffen von Tatsuo Miyajima sind Zeit und Raum wiederkehrende Themen. Der Landsmann von On Kawara stellte bereits 2011/2012 in St. Gallen unter dem Titel «Three Time Train» seine riesige Modelleisenbahn aus. LED-Leuchten mit endlosen Wiederholungen der Zahlen auf den Wagen dienen dem Künstler als Metapher auf den unendlichen Kreislauf des Lebens.

Die Familie Signer ist gleich dreifach vertreten. Es habe dafür einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, sagte Wäspe. Ihre Arbeiten, die sich dem Fluss der Zeit in immer neuen Aspekten angenähert haben, stünden im Dialog mit den Werken von On Kawara.

Roman Signers «Tisch» war bislang nur als Fotografie bekannt. Für die Ausstellung hat er das Werk nachgebaut. Uhren statt Teller stellen die individuelle Lebenszeit der acht Gäste dar. Im Hintergrund ticken die Kuckucksuhren in einer Videoarbeit von Aleksandra Signer. Die Betrachtenden können vom Innern eines Antiquitätenladens das unscharfe Treiben auf der Strasse beobachten.

Auch bei Barbara Signer macht eine Videoarbeit akustisch auf sich aufmerksam. Wie eine Riesin sitzt die Künstlerin in der Wüste, während sich im Hintergrund zwei Züge kreuzen. Die Erfahrungen in der Wüste hätten sie aufmerksam werden lassen, wie in jedem Moment aus diesen Begegnungen Realität entsteht, wird die St. Galler Künstlerin zitiert.

Bethan Huws bezieht sich mit ihrer Arbeit «Reason (or Winter)» auf das Werk «Fountain» von Marcel Duchamps. Das Urinal löste 1917 bei seiner Präsentation in New York eine Kontroverse über die Definition von Kunst aus. Das rotierende Porzellanstück gefüllt mit destilliertem Wasser und Styroporkügelchen setzt das Objekt über 100 Jahre nach seiner Entstehung neu in Szene. Der künstliche Schnee falle jedes Mal anders, so Wäspe. «Trotz einer Tonne Wasser sieht das Werk leicht aus und erzeugt einen poetischen Effekt.»

Die assoziative Ausstellung lässt viel Leerraum und Zeit für die Betrachtenden. Angeregt von der Schau in der Kunstzone widmet sich das benachbarte Programmkino Kinok im September dem Thema Zeit. Im Western «High Noon» etwa dehnt sich die Zeit unendlich - wenn Filmzeit und Realzeit identisch werden.

www.kunstmuseumsg.ch, www.kinok.ch

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