Pendlerin ist genervt: «Auch Frauen manspreaden!»
Eine Pendlerin ärgert sich: Ihr Gegenüber im Zug streckt die Beine bis unter ihren Sitz aus. Eine Knigge-Expertin überrascht das Verhalten nicht.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Pendlerin hat wegen ihrem Gegenüber kaum Platz für ihre Beine.
- Sitzplätze mit Täschli oder ausgestreckten Beinen zu blockieren, ist ein ÖV-No-Go.
- Doch: Eine Expertin beobachtet die Tendenz, dass sich Pendler im ÖV immer breiter machen.
Ob Tasche auf dem Sitz oder ausgestreckte Beine: Pendler, die viel Platz einnehmen, sorgen im ÖV immer wieder für Ärger.
Ein vieldiskutiertes Phänomen ist das sogenannte «Manspreading» – Männer, die besonders breitbeinig dasitzen. «Manspreading» deshalb, weil es tatsächlich oft so ist, dass sich Männer, ob bewusst oder unbewusst, mehr Raum nehmen als Frauen.
Auf Männer ist das Phänomen jedoch nicht begrenzt, wie ein aktuelles Beispiel für ÖV-Frust zeigt.
Nau.ch-Leserin Melanie F.* steigt in Bern in einen BLS-Zug. Er ist bereits ziemlich voll, als sie einen Sitzplatz sucht.
«Also setzte ich mich in ein Viererabteil, in dem zwei Frauen sassen», erzählt sie. Eine neben ihr, eine ihr gegenüber.
«Die Frau gegenüber warf mir einen Blick zu, den ich nur als genervt interpretieren kann.»
«Auch Frauen manspreaden!»
Statt Platz zu machen, streckt die junge Frau demonstrativ ihre Beine fast bis unter den Sitz von F.
«Ich habe meine Füsse so weit zurückgezogen, wie ich konnte, trotzdem berührte sie ständig mein Bein. Und machte keine Anstalten, die Füsse auch nur einen Zentimeter einzuziehen», ärgert sich die Pendlerin.
«Geht's noch?»
Sie habe sich auch schon über männliche Fahrgäste geärgert, die «super breitbeinig» dagesessen seien und viel Platz gebraucht haben.
«Dass auch Frauen manspreaden, habe ich jetzt noch nie erlebt», sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Knigge-Expertin kritisiert: ÖV-Breitmacher nehmen zu
Knigge-Expertin Susanne Abplanalp erstaunt das Erlebnis nicht – auch nicht, dass eine junge Frau sich so aufführte. «Gespreadet», also sich ausgebreitet, wird nicht nur unter Männern, stellt sie klar.

Sie sagt zu Nau.ch: «Es ist leider eine allgemeine Tendenz, dass sich Menschen so breitmachen, dass andere Passagiere keinen Platz haben im Abteil.»
Sie erklärt das Phänomen mit der Tatsache, dass viele einfach ihre Ruhe haben wollen. So hoffen sie wohl, dass sich keiner neben sie setzt.
«Dann denke ich schon, dass es Erziehungssache ist»
«Manchmal denke ich, dass sich die meisten Pendler in einer Wolke befinden, mit Kapuzen verhüllen und in ihr Handy gucken.»
Auch Abplanalp hat diese Woche schon ein ÖV-Erlebnis zu denken gegeben. «Ich habe beobachtet, wie ein Knabe die Schuhe ausgezogen hat und sich halb liegend breit gemacht hat. Sein Grossvater vis-à-vis hat dies toleriert.»

Ihre Kritik: «Dann denke ich schon, dass es Erziehungssache ist und die Erwachsenen ein rücksichtsvolles Benehmen in der Öffentlichkeit vorleben sollten.»
Eigentlich gelte im ÖV klar: «Jede Person nimmt einen Sitzplatz ein und berücksichtigt dabei, dass die Personen im Viererabteil ebenfalls genügend Platz haben. Allerdings benötigen sehr breite oder hochgewachsene Personen etwas mehr Platz», sagt die Knigge-Expertin.
Wirklich gemeldet wird solches Verhalten der BLS kaum, wie sie auf Anfrage mitteilt. Rückmeldungen «betreffen eher Gepäckstücke auf Sitzen oder zu lautes Musikhören», heisst es.
So wehrst du dich höflich gegen ÖV-Breitmacher
Und wie damit umgehen, wenn ein Mitfahrgast nervt?
«Die allermeisten dieser Situationen lassen sich mit freundlicher Ansprache im Gespräch lösen», rät die BLS.
Knigge-Expertin Abplanalp sieht es genauso: F. hätte freundlich, aber bestimmt fragen können, ob die Pendlerin ihre Beine so platzieren kann, dass es für sie Platz hat.
«Selbstverständlich würde ich mich anschliessend bedanken.»
Mit dieser Strategie hat Abplanalp stets Erfolg, egal, auf welche Weise sich jemand zu stark ausbreitet, wie sie sagt. «Es funktioniert jedes Mal, obwohl einige dies nur widerwillig tun. Wenn ich mich anschliessend freundlich bedanke, ist die Situation wieder entspannt.»
«Störenfried ist beschämt ins nächste Abteil geflüchtet»
Manchmal hilft auch Humor, sagt die Expertin.
Kürzlich habe sie eine witzige Konfrontation mitgehört: «Ein Passagier fragte einen Pendler, der ein lautes Telefongespräch führte, was die andere Person am Handy geantwortet habe.» Das Gespräch sei sehr interessant gewesen und er möchte unbedingt die ganze Story hören.
«Darauf haben alle Passagiere im Abteil gelacht und der Störenfried ist beschämt ins nächste Abteil geflüchtet.»

Gewisse Massnahmen gegen rücksichtslose Passagiere gibt es bereits. Die SBB bittet Fahrgäste in Durchsagen, Sitzplätze und den Gang nicht mit Gepäck zu blockieren. Sie droht dabei sogar mit Bussen.
Wer auf dem Handy laut Musik hört oder ein TikTok-Video ohne Kopfhörer schaut, hat finanziell aber bislang nichts zu befürchten.
Irland hat 2025 Bussen in der Höhe von 100 Euro für solche Verstösse eingeführt. Damals bekräftigten die Schweizer ÖV-Unternehmen, in solchen Fällen auf Dialog zu setzen.
*Name von der Redaktion geändert














