Patienten fühlen sich nach Abnehmspritzen immer noch dick
Immer mehr Menschen nehmen mit GLP-1-Medikamenten wie Ozempic und Wegovy drastisch ab. Doch das neue Körperbild kommt im Kopf oft erst viel später an.

Das Wichtigste in Kürze
- GLP-1-Spritzen wie Ozempic verbreiten sich stark – auch in der Schweiz.
- Doch nach schnellem Abnehmen sehen sich manche weiterhin als übergewichtig.
- Betroffen sind besonders Frauen und Jüngere mit starkem Schlankheitsdruck.
Immer mehr Menschen setzen bei der Behandlung von Übergewicht auf Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy.
Wie stark sogenannte GLP-1-Medikamente auch hierzulande auf dem Vormarsch sind, zeigt eine Ende Mai veröffentlichte Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.
Demnach nehmen bereits ganze neun Prozent der Schweizerinnen und Schweizer solche Medikamente, um überschüssige Pfunde loszuwerden.
Auch die CSS-Gesundheitsstudie 2025 ergab: Rund 15 Prozent der Bevölkerung können sich vorstellen, Abnehmspritzen selbst anzuwenden oder haben dies bereits getan.
Doch wer viel Gewicht verliert, nimmt sich selbst nicht automatisch anders wahr.
Manche greifen weiterhin zu grossen Kleidergrössen, meiden Fotos oder fühlen sich in engen Räumen breiter, als sie tatsächlich sind.
Abnehmspritzen verändern das Selbstbild nicht automatisch
In den USA wird dieses Phänomen derzeit unter dem Begriff «Ghost fat», Deutsch «Geister-Fett», diskutiert. Fachleute sprechen nüchterner von einer Körperwahrnehmungsstörung.
Auch Patrick Pasi hat mit solchen Fällen zu tun. Er ist Leitender Oberarzt im Zentrum für Essstörungen des Universitätsspitals Zürich. Zudem sitzt er im Vorstand der Allianz Adipositas Schweiz.
Das Phänomen trete vor allem nach starker und relativ schneller Gewichtsabnahme auf, sagt Pasi. Etwa nach einer Magenoperation – oder im Rahmen einer Behandlung mit GLP-1-Medikamenten.
Der Körper verändert sich schneller als das Gehirn
Psychologisch biete sich der Vergleich mit Phantomschmerzen an: Nach einer Amputation kann sich eine fehlende Gliedmasse noch immer vorhanden anfühlen.
Ähnlich könne es nach starker Gewichtsabnahme sein, erklärt der Psychiater. Der Körper verändere sich schneller als die «innere Landkarte» im Gehirn.
Das Selbstbild zieht also nicht automatisch mit dem Körper mit. Wer jahrelang Übergewicht erlebt hat, hat oft auch Scham, Abwertung oder negative Erfahrungen mit dem eigenen Aussehen gespeichert. Der neue Körper ist dann nicht sofort auch innerlich angekommen.
Fälle dürften mit Ozempic und Wegovy zunehmen
Wie viele Menschen nach einer starken Gewichtsabnahme unter einer solchen Körperwahrnehmungsstörung leiden, lässt sich bisher nicht genau sagen. Grosse Studien zu «Ghost fat» – auch Phantom-Fett genannt – fehlen.
Hinweise gibt es vor allem aus Untersuchungen nach Magenoperationen. In einer US-Studie sah sich eine Mehrheit der Teilnehmerinnen auch 18 bis 30 Monate nach dem Eingriff innerlich als adipös.
Pasi geht davon aus, dass solche Fälle zunehmen werden. Denn mit Medikamenten wie Ozempic und Wegovy verlören mehr Menschen deutlich an Gewicht als zuvor. Dadurch steige auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine verzerrte Körperwahrnehmung auftrete.
Frauen und Jugendliche sind häufiger betroffen
Diese ist nicht bei allen gleich ausgeprägt. Laut Pasi zeigen psychologische Untersuchungen, dass Frauen und jüngere Menschen häufiger betroffen sind.

«Frauen sind einem höheren gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, schlank zu sein. Zudem fokussieren sie nach einer Gewichtsabnahme eher auf vermeintliche Problemzonen als Männer», erklärt der Adipositas-Spezialist.
Bei Jugendlichen wiederum sei der Selbstwert oft besonders eng mit dem Aussehen verbunden. Darum könne das eigene Aussehen übermässig wichtig werden.
Psychotherapie soll Selbstakzeptanz stärken
Das Gefühl, trotz erheblichen Gewichtsverlusts immer noch in einem grösseren Körper zu stecken, kann emotional sehr belastend sein. Manche ziehen sich sozial zurück, andere kontrollieren ihren Körper ständig oder suchen Bestätigung bei ihren Mitmenschen.
Was hilft? Pasi rät zu einer Psychotherapie. Betroffene könnten dort Selbstakzeptanz und Abgrenzung von Perfektionismus lernen.
«Das führt auch zu mehr Selbstbewusstsein und dadurch schrittweise zur realistischeren Einschätzung des eigenen Körpers.»











