Oper und Metal: Mezzosopranistin Marina Viotti singt beides
Ob Oper, Operette, Jazz oder Metal: Marina Viotti fühlt sich in vielen Musik-Genres heimisch. Im Gespräch mit Keystone-SDA bezeichnet sie sich selbst als Chamäleon.

Marina Viotti, welche ist die bedeutendere Sängerin: die Punk-Grandma Patti Smith oder die Primadonna Maria Callas?
Viotti: «Das ist eine knifflige Frage. Ich denke, sie sind beide auf ihre eigene Art und Weise und in ihrer eigenen Welt sehr bedeutend. Ich könnte mich nie zwischen diesen beiden entscheiden, weil sie beide viel für ihre Musikrichtungen getan haben.»
Sie selber singen klassische Partien, Jazz und bei der Eröffnungsszeremonie zu den Olympischen Spielen in Paris 2024 sind sie zusammen mit der Metal-Band Gojira aufgetreten. Das ist ungewöhnlich.
Viotti: «Schon als Kind war ich sehr neugierig auf unterschiedliche Welten. Ich bin ein Chamäleon und begebe mich gern auf Entdeckungsreisen, probiere gesanglich immer wieder neue Farben aus. Die Stimme ist ein Instrument, es ist wichtig, damit spielen zu können. So versuche ich, Jazz-Farben zum Beispiel in Barockmusik umzusetzen. Ich denke, es ist ein bisschen wie bei einem Maler, der viele Farben und Nuancen auf seiner Palette hat. Ich versuche, dasselbe mit der Stimme zu tun, aus jedem Musikstil zu lernen und als Künstlerin auf diese Weise zu wachsen.»
Lassen sich die Grenzen zwischen klassischer Musik und Jazz also gar nicht so klar ziehen?
Viotti: «Wenn ich mich von der Operette über das Lied bis zum Chanson und Jazz bewege, bin doch immer ich es, die singt. Am Ende kommt es nicht mehr darauf an, was ich singe, es ist wichtiger, worum es geht, um welche Emotionen es sich handelt. Man muss authentisch bleiben und hart arbeiten.»
Sie sind Mezzosopranistin. Diese Stimmlage ist auf der Opernbühne, mit wenigen Ausnahmen wie etwa Carmen, auf Neben- oder Hosenrollen beschränkt. Stört Sie das?
Viotti: «Nein, es gefällt mir. Ich würde nicht jeden Abend die Primadonna sein wollen, weil es viel Druck bedeutet. Ich freue mich sehr, auch kleinere Rollen zu singen. Ich habe dadurch mehr vom Leben, ich kann feiern gehen und Crossover-Projekte machen. Ich bin also dankbar, dass ich ein Mezzosopran bin, weil ich so Frau, Mann, jung, alt, gemein und nett sein kann. Es gibt so viele verschiedene Charaktere im Mezzosopran, das macht es so interessant.»
Sie treten in der Strauss-Operette «Die Fledermaus» am Opernhaus Zürich auf und jetzt steht ein Offenbach-Abend vor der Tür. Haben Sie eine besondere Vorliebe für Operette?
Viotti: «Ja, ich liebe die Operette, weil sie für mich auch ein Crossover-Genre ist: Man muss spielen, man muss sprechen, man muss tanzen. Es ist eine Herausforderung für eine Sängerin. Ich mag zudem an Operetten, dass sie normalerweise sehr lustig sind und ich mag es, lustig zu sein, Leute zum Lachen zu bringen. Ich gehe gerne mit einem Lächeln zur Arbeit und mit einem Lächeln nach Hause. Genau das passiert mir immer mit Offenbach oder Strauss. Es sind normalerweise auch sehr starke Charaktere, die ich zu singen und zu spielen bekomme.»
Von lustig-leichten Johann zur expressiven Hochromantik von Richard Strauss: Könnten Sie sich vorstellen, zum Beispiel die tragisch dramatische Rolle der Klytämnestra in «Elektra» zu singen?
Viotti: «Ja, in Zukunft könnte es sein. Ich weiss nicht wirklich, wie sich meine Stimme entwickeln wird. Aber warum nicht? Ich hoffe es, denn es ist eine sehr schöne Musik.»
Im Opernhaus Zürich treten Sie zusammen mit ihrem Bruder Lorenzo Viotti auf. Er wird dort neuer Generalmusikdirektor. Werden Sie zukünftig mehr am Opernhaus Zürich zu erleben sein?
Viotti: «Ich hoffe und werde es. Es ist ein Haus, das ich liebe. Es ist nicht zu gross, es herrscht eine familiäre Atmosphäre, es ist von sehr guter Qualität und es liegt im meinem Land – ich bin sehr gerne in der Schweiz.»
Sie sprechen die familiäre Atmosphäre an. Wie viel hat das mit Ihrem Bruder zu tun?
Viotti: «Zusammen zu arbeiten, ist wunderbar, weil wir uns sonst nicht so oft sehen; wir haben beide einen sehr vollen Terminkalender und sehr unterschiedliche Repertoires. Wir können nun auch neben der Arbeit viel Zeit miteinander verbringen, Paddel-Tennis spielen und zusammen etwas essen. Ich kann auf sein Baby, meine kleine Nichte, aufpassen. Ich bin ein Familienmensch. Es ist fantastisch, mit ihm zu arbeiten. Wir treiben uns gegenseitig zu Spitzenleistungen an.»
Die ganze Welt verfolgte die in Lausanne geborene Mezzosopranistin Marina Viotti bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris, als sie gemeinsam mit der Metal-Band Gojira auftrat. Aufgewachsen in einer ausgesprochen musikaffinen Familie ist die französisch-schweizerische Sängerin, die dieses Jahr ihren 40. Geburtstag feiern wird, Gast auf wichtigen Opernbühnen, von der Mailänder Scala bis zur Berliner Staatsoper.
Im Januar wird Viotti zu einer kleinen Konzerttournee in der Schweiz aufbrechen. Am Sonntag wird sie im Künstlerhaus Boswil mit einem Rossini-Recital auftreten, bevor sie vom 19. bis 21. Januar drei Offenbach-Konzerte in der Tonhalle Zürich, der Victoria Hall in Genf und der Salle de musique in La Chaux-de-Fonds geben wird.






