Olympia 2026: Schadet Odi-Kritik der Schweizer Bewerbung für 2038?
Marco Odermatt kritisiert den fehlenden Olympischen Geist bei Olympia 2026 und löst damit die politische Debatte um Winterspiele 2038 in der Schweiz aus.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina sorgten für einen Schweizer Medaillensegen.
- Athleten wie Marco Odermatt kritisierten aber den fehlenden Olympischen Geist.
- Das dezentrale, nachhaltige Konzept gilt als Modell für eine mögliche Bewerbung 2038.
- Hat die Kritik von Odermatt also politische Auswirkungen?
Am Sonntag sind die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina zu Ende gegangen.
Es waren erfolgreiche Spiele aus Schweizer Sicht: 23 Medaillen brachte die Delegation von Swiss Olympic nach Hause. Absoluter Rekord bei Olympischen Spielen!
Das Dreifach-Gold von Franjo von Allmen, die Sensationsmedaillen von Gregor Deschwanden oder Nadja Kälin, die erfolgreichen Curler: Der Sport zeigte sich in den beiden letzten Wochen in seiner ganzen Faszination.
Odermatts Kritik an Olympia 2026 lässt aufhorchen
Und doch wurden in Italien nicht nur positive Geschichten geschrieben. Ski-Superstar Marco Odermatt gehörte mit drei Medaillen zwar ebenfalls zu den Gewinnern der Spiele. Besonders positiv wird er Olympia 2026 aber nicht in Erinnerung behalten.
«In Bormio war überhaupt kein Olympischer Spirit vorhanden. Olympia ist nur alle vier Jahre und nur wenige Male in einer Karriere. Daher dürfte die Stimmung schon ein wenig spezieller sein», kritisierte Odermatt.

Es ist eine Kritik, die aufhorchen lässt.
Die Spiele in Mailand und Cortina waren dezentral organisiert. Die Wettkämpfe fanden an verschiedenen Schauplätzen statt, die teils weit voneinander entfernt waren.
Der ursprüngliche Gedanke der Olympischen Spiele, die besten Sportler der Welt an einem Ort zu versammeln, wurde nicht berücksichtigt.
Dafür waren die Spiele verhältnismässig nachhaltig: Die Wettkämpfe fanden praktisch alle in bereits bestehenden Anlagen statt. Auf teure Bauten, extra für Olympia errichtet, konnten die Veranstalter weitgehend verzichten.
Es sind Spiele, die in ähnlicher Form auch 2038 in der Schweiz geplant sind. Das Schweizer Konzept sieht vor, Wettkämpfe in zehn verschiedenen Kantonen auszutragen. In bereits bestehenden Stadien, Anlagen und Skigebieten.
Würde man den von Odermatt vermissten Olympischen Geist also auch in der Schweiz vergeblich suchen? Und was kann die Schweiz von den Spielen in Mailand und Cortina lernen? Nau.ch hat bei Politikern und Politologen sowie bei Swiss Olympic nachgefragt.
«Dezentrale Spiele nach wie vor eine gute Sache»
Ständerätin Andrea Gmür (Mitte), Präsidentin der parlamentarischen Gruppe Sport, zieht ein positives Fazit von Olympia 2026:
«Ich habe die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina sehr positiv erlebt; natürlich auch dank dem Schweizer Medaillensegen. Die Spiele wurden in der Schweiz überall mitverfolgt.»
In der Schweiz sei die Bereitschaft für Olympische Spiele 2038 sehr gross. «Ich kann mir vorstellen, dass die erfolgreichen Spiele in Italien einen zusätzlichen Schub geben.»
Zur Kritik an der dezentralen Organisation sagt sie: «Ich finde dezentrale Spiele nach wie vor eine gute Sache. In der Schweiz sind wir mit dem öffentlichen Verkehr sehr gut bedient. Es kommt am Ende auch darauf an, wie man Olympische Spiele organisiert.»
SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr steht Olympischen Spielen 2038 in der Schweiz «sehr, sehr, sehr positiv» gegenüber. «Es würde mich unglaublich freuen, wenn sich die Schweiz international präsentieren könnte.»
Olympia kann «Kinder und junge Menschen für Sport begeistern»
Sport sei mit sehr viel Freude und Emotionen verbunden, das habe Olympia 2026 bewiesen. Olympia könne «Kinder und junge Menschen für Sport begeistern» und so eine gesamte Gesellschaft bewegen.
Der Sport könne viele positive Emotionen hervorrufen, sagt Gutjahr, die früher im Tennis selber Leistungssportlerin war. «Gerade in Zeiten, in denen man mit vielen negativen Schlagzeilen konfrontiert ist, wäre ein gemeinsames, positives Ziel absolut wünschenswert.»
Den dezentralen Ansatz der potenziellen Schweizer Bewerbung 2038 finden Gutjahr wie Andrea Gmür positiv: «In der Schweiz gibt es eine bestehende Infrastruktur, die man nutzen sollte.»

Auch bei Swiss Olympic setzt man auf das bestehende Konzept.
Mediensprecher Alexander Wäfler betont: «Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass das dezentrale Konzept mit Wettkämpfen auf mehrheitlich bestehenden Anlagen funktioniert hat. Wir haben hier in Italien viele Einblicke erhalten und viel gelernt.»
Am dezentralen Ansatz will Swiss Olympic hinsichtlich Olympische Spiele 2038 in der Schweiz festhalten: «In der Schweiz sind die Wege kürzer, und wir verfügen über ein bestens ausgebautes ÖV-Netz.»
Letztlich gehe es darum, Momente zu kreieren, in denen das olympische Erlebnis spürbar sei. «Einerseits für die Fans vor Ort, andererseits für die Athletinnen und Athleten. Und das kann gelingen!»
Zustimmung hängt an Bedingungen
Politologe Ran Grünenfelder ist Experte im Bereich Sportpolitik. Er mahnt zur Vorsicht, weil frühere Schweizer Olympia-Projekte an der Urne gescheitert sind. «Das zeigt, dass olympische Projekte in der Schweiz ohne breite gesellschaftliche Legitimation kaum realisierbar sind», sagt Grünenfelder.
Zwar habe eine Umfrage 2023 noch eine klare Zustimmung für Olympische Spiele 2038 in der Schweiz signalisiert. «Gleichzeitig machte diese Studie deutlich, dass die Zustimmung an klare Bedingungen geknüpft ist: Gewünscht werden dezentrale, nachhaltige und kostenbewusste Spiele.»
Eine neuere Erhebung zeigt hingegen, dass aktuell eine knappe Mehrheit keine Winterspiele in der Schweiz durchführen möchte. Ausschlaggebend für die Ablehnung sind vor allem finanzielle Gründe.
Auch sportliche Erfolge seien kein Selbstläufer, sagt Grünenfelder: «Solche Erfolge stärken die nationale Identifikation und können ein günstiges Klima für eine Olympiadiskussion schaffen.»
Gleichzeitig zeigt die Forschung zu Sportgrossereignissen aber: «Sportliche Erfolge allein reichen in der Regel nicht aus, um die Zustimmung zu einer konkreten Bewerbung signifikant zu erhöhen.»
Organisatoren sollten auf die Aussagen von Athleten hören
Zur Kritik von Marco Odermatt sagt Grünenfelder: «Die Aussagen von Athletinnen und Athleten, dass aufgrund der Dezentralisierung nur begrenzt Olympischer Geist aufgekommen sei, ist ernst zu nehmen.»
Denn: «Gerade Marco Odermatt ist zweifellos ein zentrales Aushängeschild des Schweizer Sports und geniesst hohe Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit.»
Entsprechend fänden seine Aussagen mediale Aufmerksamkeit und könnten die öffentliche Diskussion mitprägen.
Dass eine solche Kritik den Entscheid des Parlaments betreffend Olympischen Spielen in der Schweiz direkt beeinflusst, sei aber eher unwahrscheinlich. «Parlamentarische Entscheidungen stützen sich in erster Linie auf finanzielle, organisatorische und staatspolitische Überlegungen.»
Gleichwohl könnten prominente Stimmen den öffentlichen Diskurs mitprägen. «Dieser wiederum bildet den politischen Kontext, in dem parlamentarische Entscheidungen gefällt werden.»
Aus den Erfahrungen lernen
Grünenfelder findet daher: «Die Erfahrungen aus Mailand-Cortina sollten systematisch ausgewertet werden. Aus der Perspektive der Athletinnen und Athleten ebenso wie aus jener der Zuschauer, der Organisationsteams und der Verbände.»
Die Ausgangslage für Olympische Spiele 2038 in der Schweiz bleibt offen. Die Spiele in Italien haben gezeigt, dass nachhaltige, dezentrale Winterspiele möglich sind.
Die Aufgabe der Organisatoren der kommenden Spiele besteht darin, den Olympischen Spirit auch unter den neuen Voraussetzungen aufleben zu lassen.


















