Offene Drogenszene: St. Gallen ist Crack-Hochburg!
Die offene Drogenszene belastet die Stadt St. Gallen zunehmend. Polizei und Suchthilfe sprechen von grossen Herausforderungen.

Gegenüber der stark belasteten Sommerperiode des Vorjahres sind trotz starker Polizeiüberwachung kaum Verbesserungen festzustellen.
Insbesondere das um sich greifende Crack bereitet der Stadtpolizei Sorgen. Dionys Widmer, Sprecher der Stadtpolizei, weist darauf hin, dass sich die Crack-Konsumierenden sehr aggressiv verhalten, was zu zusätzlichen Problemen führt.
Hohe Polizeipräsenz
Trotz Ferienzeit bleibt die Stadtpolizei präsent, um eine neue Ausbreitung der Drogenszene zu bekämpfen, versichert Widmer. Die Planung beim Personaleinsatz sorgt dafür, dass auch jetzt die nötige Zahl von Uniformierten zur Verfügung stehen.

Indessen können nicht alle präventiven Tätigkeiten im gewünschten Ausmass vorgenommen werden. Es müssen Prioritäten gesetzt werden. Eine gewisse Erleichterung ergibt sich dadurch, dass teilweise eine Konzentration auf den Kantonsschulpark erfolgt.
Dort halten sich 50 bis 70 Drogenkonsumenten auf, dabei kommen viele von auswärts. Dies stellt eine starke Belastung der Parkanlage dar, in dem häufig auch Unrat liegen gelassen wird.
Immerhin ist eine Entlastung der Zürcher Strasse beim «Rössli» und auf Drei Weieren spürbar, doch ist auch hier Polizeipräsenz erforderlich. Hingegen ist im Quartier am Rosenberg von Anwohnern bemerkt worden, dass Drogenabhängige immer wieder in eine unbewohnte Liegenschaft an der Zwinglistrasse eingedrungen sind, wo sie auch schon einen Brand verursacht haben.
Bei der Calatrava-Wartehalle am Bohl gilt es nach Widmer darauf zu achten, dass die Sitzplätze nicht fast vollständig von Süchtigen eingenommen werden, sondern dass sich auch die auf einen Bus oder den Zug Wartenden Plätze haben und sich nicht in hohem Masse unsicher fühlen.
Wenigstens sind die neuesten ebenfalls stark gesundheitsschädigenden Drogen wie Fentanyl nach Widmer bei den polizeilichen Ermittlungen kaum festzustellen.
Info
Crack ist Kokain, das durch einen chemischen Prozess eine intensivere, aber auch kurzlebigere Wirkung bekommt. Durch das Rauchen gelangt der Wirkstoff innerhalb weniger Sekunden in die Blutbahn und löst nach ein bis fünf Minuten starken Rausch und Euphorie aus. Die Wirkung lässt schon nach zehn bis 15 Minuten nach. Die Gefahr einer schweren psychischen Abhängigkeit und gesundheitliche Schäden sind sehr gross.
Alarmierende Zahlen
Dass der Drogenplatz im Zentrum der Ostschweiz ein grosses Ausmass erreicht hat, zeigt auch einen Blick in die kantonale Kriminalstatistik.
Die Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz nahmen letztes Jahr in der Stadt schlagartig um 46 Prozent auf 1136 Fälle zu, gesamtkantonal dagegen nur um 19 Prozent.

Damit stieg die Häufigkeitszahl (Fälle pro tausend Einwohnerinnen und Einwohner) von 10 auf 14,4. Im Kanton hat nur Au mit 15,2 aufgrund der Grenzlage eine höhere Häufigkeitszahl.
Geschützter Raum tut Not
Die Situation im öffentlichen Raum beschäftigt die Stiftung Suchthilfe St. Gallen ebenfalls stark. Sichtbarer Konsum, Nutzungskonflikte und Verunsicherung stellten nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch Quartiere, Gewerbe, Behörden und unsere Mitarbeitenden vor grosse Herausforderungen, gibt die Geschäftsleiterin der Stiftung, Regine Rust, im eben veröffentlichten neuen Geschäftsbericht bekannt:
«Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig neue Wege und die Weiterentwicklung bestehender Angebote sind. Die Planung eines begleiteten Konsumraums sowie die Weiterentwicklung der Kontakt- und Anlaufstellen verfolgen genau dieses Ziel: Menschen einen geschützten Rahmen zu bieten, gesundheitliche Risiken zu reduzieren, Zugänge zu Beratung und Behandlung zu ermöglichen und gleichzeitig den öffentlichen Raum zu entlasten.»
Der Konsumraum an der Lagerstrasse 2 bis 4 ist kürzlich vom Stadtrat vorgestellt worden, doch muss das Geschäft erst noch die parlamentarischen Hürden nehmen. Es vergeht also noch viel Zeit, bis diese Einrichtung nächstes Jahr allenfalls eine Entlastung des öffentlichen Raums bewirken kann.
Auch Alkohol und Cannabis
Bei der Beratung der Suchtfachstelle war in letzter Zeit hinter Alkohol und Cannabis Kokain und Mischkonsum eines der häufigsten Themen, ist dem Geschäftsbericht der St. Galler Suchtfachstelle zu entnehmen:
«Der Konsum von Kokain, Crack und Freebase nahm auch in der Ostschweiz weiter zu. Die hohe Verfügbarkeit von Kokain sowie die vergleichsweise tiefen Preise auf dem Schwarzmarkt führten dazu, dass immer mehr Menschen Kokain konsumierten. Viele Betroffene erlebten einen schnellen sozialen Abstieg, gesundheitliche Krisen und zunehmende Ausgrenzung.»
Weiter hält der Bericht fest, dass die Belastung des öffentlichen Raums viel höher war als in den vergangenen Jahren. So bleibe auch im laufenden Jahr die drohende Entwicklung einer offenen Drogenszene ein Thema, das die Suchtfachstelle beschäftige.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.








