No-Shows reservieren Berghütte - und gehen dann ins Ausland

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Uri,

Gäste reservieren, tauchen aber nicht auf: Das geht dem Hüttenwart der Urner Etzlihütte gegen den Strich. Eine Hütte reagiert mit einer Anzahlungspflicht.

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Das Hüttenwartpaar Res und Rita Streiff von der Etzlihütte kämpft mit No-Shows. - SRF

Das Wichtigste in Kürze

  • Zehn Prozent des Einkommens der Etzlihütte sind No-Show-Gebühren.
  • Bei den Absagen musste sich Hüttenwart Res Streiff schon viele «dumme Ausreden» anhören.
  • Die Lötschenpasshütte führt im Kampf gegen No-Shows eine Anzahlungspflicht ein.

Die No-Shows haben die Berge erreicht. Res Streiff ist Hüttenwart der Etzlihütte in den Urner Alpen. Regelmässig hält er mit dem Feldstecher Ausschau nach Gästegruppen.

Diese haben in der Etzlihütte reserviert, tauchen aber nicht auf. Greift er zum Telefon, ertönt die Combox.

«Zehn Prozent unseres Einkommens sind No-Show-Gebühren», sagt Res Streiff in der SRF-Serie «Winterhüttengeschichten». Die Hütte des Schweizer Alpenclubs (SAC) führt er gemeinsam mit seiner Frau Rita Streiff. Diese Bilanz macht ihn nachdenklich, sagt er.

Es handle sich um Leute, die bei ihnen in der Hütte reserviert hätten, sagt der Hüttenwart. Er rufe dann an und frage, was los sei.

«Oh, ich bin jetzt gerade im Ausland», heisse es dann etwa, sagt Streiff kopfschüttelnd. «Wir durften auch einmal eine halbe Woche Fleischkäse essen», sagt er trocken. Denn die Hüttenchefs müssen Menüs anhand von Reservationen planen und einkaufen. Taucht jemand nicht auf, bleibt sein Essen übrig.

«Keine Chance, Hütte zu füllen»

Stornieren Gäste ihre Reservation in der Etzlihütte nicht oder weniger als 48 Stunden im Voraus, müssen sie bezahlen. Dabei handelt es sich um eine Stornierungs- beziehungsweise No-Show-Gebühr. Diese beträgt 60 Franken und gilt pro Person und Übernachtung.

Die Aufnahmen für die Serie fanden letzten Winter statt, sagt Res Streiff zu Nau.ch. «Damals war es extrem mit den No-Shows.» Im langjährigen Mittel bewege sich der No-Show-Anteil bei etwa zwei Prozent der Übernachtungen.

Sollen SAC-Hütten Reservationsgebühren einführen?

Doch zurück zur letzten Saison. Der Höhepunkt gewesen sei, als eine Zehnergruppe für zwei Übernachtungen reserviert habe, aber nicht aufgetaucht sei, sagt Streiff. Plätze bleiben so leer.

«Mit weniger als 48 Stunden Vorlaufzeit haben wir keine Chance, die Hütte noch zu füllen», sagt Streiff. Auch drohten in solchen Situationen die für das Abendessen vorbereiteten Lebensmittel zu verderben. «Wir können den gebackenen Fleischkäse zum Beispiel nicht nochmals in den Tiefkühler stellen.»

Zudem seien die No-Shows für das Team frustrierend. «Hier ist nicht nur Alpenidylle, wir arbeiten hier viel, damit sich die Gäste wohlfühlen.»

Todesfall als Ausrede

Bei den kurzfristigen Absagen hat sich der Hüttenwart schon viele «dumme Ausreden» anhören müssen.

«Bei Gruppen, die am Samstag auf die Hütte wandern wollen, gibt es eine gewisse Übersterblichkeit von Grossmüttern.» Dies sagt Res Streiff mit einem Augenzwinkern.

Andere behaupteten, dass die Wetterprognose auf ihrer App «doch nicht so gut sei». «Auch wenn alle seriösen Wetter-Apps das Gegenteil prognostizieren», sagt Streiff.

Für den Hüttenwart widerspiegeln die No-Shows die heutige Gesellschaft. «Wenn der Tag der Wanderung da ist, kann es sein, dass etwas anderes schon wieder interessanter ist.»

«Kassieren nicht rigoros ein»

Trotz des Frusts ist das Hüttenwartpaar bei den No-Show-Gebühren zurückhaltend.

«Wir kassieren nicht rigoros No-Show-Gebühren ein», sagt Res Streiff. Wenn zum Beispiel im Winter jemand in einer Nebelbank festsitzt und deshalb umkehren muss, verzichteten sie auf die Gebühr.

«Sagt jemand zu spät ab, kommt dafür aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder, verrechnen wir die Gebühr auch nicht.» Dies sei in der Regel der Fall.

Wichtig seien ihnen Gäste mit gesundem Menschenverstand. «Die sich die Probleme der Hütten vorstellen können und sich entsprechend in Verbindung setzen.» Aber grundsätzlich mache ihnen der Job als Hüttenwarte grossen Spass. «Und das Positive überwiegt.»

«Den Zug verpasst»

Mit No-Shows kämpfen auch andere Berghütten.

Andrea Strohmeier ist Präsidentin des Vereins Schweizer Hütten. «Wir hören immer wieder, dass Hüttenwarte wegen No-Shows auf leeren Plätzen sitzen bleiben», sagt sie.

Ein weiteres Problem seien Doppel- und Mehrfachbuchungen. «Sie buchen in verschiedenen Hütten und gehen am Schluss dorthin, wo sie gerade Lust haben.»

Hütte
Andrea Strohmeier ist Präsidentin des Vereins Schweizer Hütten und Hüttenwartin der Lötschenpasshütte. - zVg.

Selbst betreibt Strohmeier die Lötschenpasshütte in den Berner Alpen. Sie stellt fest, dass Gäste teilweise kurzfristig absagen, weil sie sich nicht genügend vorbereitet haben.

«So geben sie an, dass ihr Material nicht funktioniere, oder sie mussten wegen falscher Routenplanung umkehren», sagt Strohmeier. «Andere sagen ab, weil sie den Zug verpasst haben oder gerade noch spontan eine spannendere Aktivität dazwischengekommen ist.»

Keine Gebühren für SAC-Hütten

Strohmeier hat den Eindruck, dass viele Leute davon ausgehen, eine Berghütte nach Belieben besuchen zu können. «Sie sind der Meinung, dass wir sowieso dort sind und es auf einige Gäste mehr oder weniger nicht ankommt.»

In der Lötschenpasshütte greift sie deshalb zu einer neuen Massnahme. «Kommenden Sommer planen wir, bei der Reservation eine Anzahlung einzuführen», sagt die Hüttenwartin. «Damit wollen wir die Verbindlichkeit erhöhen.»

Hütte
Die Hörnlihütte in Zermatt VS verlangt eine Anzahlung von 50 Franken. - keystone

Auch bei der Hörnlihütte in Zermatt VS müssen Gäste eine Anzahlung machen, 50 Franken beträgt diese. Als private Hütten dürfen die Lötschenpasshütte und die Hörnlihütte Vorauszahlungen erheben.

Hütten, die dem SAC angeschlossen sind, ist dies hingegen nicht möglich. «Grund dafür ist, dass Reservationsgebühren oder Anzahlungen für kleinere Gruppen nicht im Hüttenreglement des SAC verankert sind», sagt Andrea Strohmeier.

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