Am Montag ging die Schweiz einen weiteren Schritt in Richtung Normalität. Doch vielen fällt die Rückkehr zum Alltag nach der Krise um das Coronavirus schwer.
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Nach dem Coronavirus wird uns das Thema Angst vermehrt beschäftigen, weiss ein Psychologe. (Symbolbild) - Pixabay

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Lockdown haben überdurchschnittlich viele Menschen psychologische Hilfe beansprucht.
  • Symptome von Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen verschlimmerten sich.
  • Betroffenen kann die allmähliche Rückkehr zum Alltag besonders schwerfallen.

Im ersten wie auch im zweiten Lockdown wegen des Coronavirus ist die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung gestiegen. Mit Öffnungsschritten und Lockerungen stehen die Zeichen nun ein zweites Mal in Richtung Rückkehr zum Alltag. Für psychisch Angeschlagene eine schwierige Umstellung.

Im März 2020 ging es Schlag auf Schlag: Innert kürzester Zeit krempelte das Coronavirus unser Leben komplett um. Nach einem ersten Lockdown-Ende folgte im Herbst die zweite Schliessung – und gestern Montag auch die zweite Wiedereröffnung. Die Umstellungen können belastend sein, wie ein Psychologe weiss.

Isolation macht soziale Ängste schlimmer

«Ich denke, dass uns vor allem das Thema Angststörungen noch ziemlich beschäftigen wird. Angst ist eine der häufigsten Diagnosen», erklärt der Berner Psychotherapeut Andi Zemp auf Anfrage von Nau.ch.

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Menschen mit sozialen Ängsten konnten sich wegen des Coronavirus mit gutem Gewissen zurückziehen. Der Wiedereinstieg ist nun besonders schwierig. (Symbolbild) - Pixabay

«Menschen mit sozialen Ängsten konnten sich im Lockdown mit gutem Gewissen zurückziehen.» Das fühle sich am Anfang gut an – doch mit der Zeit würden die Ängste immer schlimmer.

Heisst: Die Rückkehr an die Uni nach dem Fernunterricht oder an den Arbeitsplatz nach dem Homeoffice fällt ihnen schwer. «Dann wird ihnen die Angst viel mehr bewusst.» Immer wieder höre Zemp von Unternehmen, dass sich ihre Mitarbeiter weigern, vor Ort zu kommen, sich draussen nicht treffen wollen. «Und da spreche ich nicht von Risikopatienten», so der Therapeut.

«Nach den Lockerungen wird Angst vermehrt zum Thema»

Doch was tun, wenn man merkt, dass man wegen sozialer Ängste das Haus kaum noch verlassen will? «Letztlich geht es darum, sich dieser Angst zu stellen», so Zemp. «Am Anfang hilft es, sich von jemandem mit nach draussen begleiten zu lassen. Also beispielsweise vor der Uni mit einem Kollegen abzumachen und gemeinsam hinzugehen.»

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Wer unter sozialen Ängsten leidet, sollte in einem ersten Schritt eine Begleitung organisieren, um nicht alleine nach draussen gehen zu müssen. (Symbolbild) - Keystone

Würde die Angst so massiv, dass die Bewegungsfreiheit eingeschränkt werde, dann sei es an der Zeit, professionelle Hilfe zu holen. «Ich gehe davon aus, dass es das bald mehr brauchen wird. Im Moment haben wir vor allem mit Depressionen zu tun, aber nach den Lockerungen wird Angst vermehrt zum Thema.»

Das Coronavirus als psychologische Krise

Dass die psychische Belastung zu Zeiten des Coronavirus zunahm, ist längst bekannt. Zuletzt zeigte das eine im März veröffentlichte Umfrage der Schweizer Psychologie-Berufsverbände.

Rund 60 Prozent der 1700 befragten Psychologen gaben darin an, dass die Auslastung seit September 2020 weiter zugenommen habe. Dabei mussten laut Umfrage zwei Drittel regelmässig Anfragen aus Mangel an Kapazitäten abweisen.

Fanden Sie sich nach dem ersten Lockdown schnell im Alltag zurecht?

Fast 90 Prozent der Befragten sagten, dass sich die Symptome ihrer Patienten während der Pandemie verschlimmert hätten. Oder auch, dass neue Probleme und Symptome entstanden seien. Die meist genannten Symptome waren Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen. Aber auch Probleme in der Familie, Beziehung sowie Probleme am Arbeitsplatz und in der Schule.

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