Mutter zweier verletzter Brandopfer trifft Morettis – Kritik
Morettis werden verhört – und die Eltern der Opfer hören zu. Eine Mutter zweier verletzter Mädchen hat sich sogar mit dem Paar getroffen. Das sorgt für Kritik.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Verfahren zur Brandkatastrophe von Crans-Montana wird immer emotionaler.
- Das Ehepaar Moretti wurde am Donnerstag vor der Anhörung von Eltern beschimpft.
- Tags zuvor trafen sich die Bar-Betreiber mit einer Mutter zweier verletzter Mädchen.
- Dafür gibt es nun Kritik an der Mutter - von anderen Opferfamilien.
Jessica und Jacques Moretti, das Besitzer-Ehepaar der abgebrannten Bar «Le Constellation» in Crans-Montana, ist unter Dauerbeschuss.
Bei den Anhörungen am Mittwoch und Donnerstag hatten sich vor dem Gebäude in Sitten VS Eltern verstorbener und verletzter Brandopfer versammelt. Sie wollten den Morettis in die Augen schauen, riefen ihnen zu, sie hätten ihre Kinder getötet, bezeichneten sie mehrfach als «Mörder».
Nur mit Müh und Not schafften es die beiden ins Innere des Gebäudes.
Am Mittwochabend waren aber noch ganz andere, versöhnlichere Töne angeschlagen worden. Leila Micheloud, die Mutter der Brandopfer Farah (20) und Meissa (18), die noch im Spital sind, traf sich mit dem Morettis zum Gespräch. Dies dauerte rund 20 Minuten.
Der Wunsch dazu sei von beiden Seiten gekommen. «Es war ein intensiver Moment, menschlich gesehen selten und sehr wichtig, damit sich die Menschen sehen und sich über das Geschehene austauschen konnten», sagte Sébastien Fanti, Anwalt von Leila Micheloud, nach dem Gespräch vor der Kamera.
Und doppelte nach: «Es war einer der berührendsten Momente, die ich je in einem Strafverfahren erlebt habe. Wir sind alle nur Menschen.»
Um sich zu verstehen, miteinander zu sprechen und einander zu vergeben, müsse man miteinander reden können. «Meine Kollegen und ich sind der Meinung, dass es sich um einen Schritt handelte, der zu einem gemeinsamen Prozess der Resilienz beigetragen hat», erklärte der Anwalt weiter.
«Teilen nicht denselben Schmerz»
Doch das Treffen stösst andere Opferfamilien vor den Kopf.
Opferanwalt Romain Jordan erklärt gegenüber SRF, er könne nicht nachvollziehen, dass man sich zum jetzigen Zeitpunkt des Verfahrens mit den Morettis treffe.
Er habe diesbezüglich «viele sehr irritierende Rückmeldungen» von seinen Mandanten erhalten, so Jordan. Er vertritt im Fall Crans-Montana gleich mehrere Opferfamilien.
Auch Laetitia Brodard-Sitre, Mutter des beim Brand verstorbenen Arthur (†16) aus Lutry VD, reagiert auf das Treffen mit den Morettis.
Auf Facebook schreibt sie: «Es ist wichtig zu erwähnen, dass diese Mutter ihre beiden Töchter noch am Leben hat.» Sie seien zwar Opfer, würden aber nicht mehr zwischen Leben und Tod schweben, so Brodard zur Situation von Leila Michelouds Töchtern.
Brodard weiter: «Wir Eltern, deren Kinder in einem Sarg liegen oder zu mehr als 60 Prozent verbrannt sind, teilen nicht denselben Schmerz.»
Sie schliesst ihren Beitrag mit dem versöhnlichen Satz: «Mit all meinem Respekt für die Eltern der lebenden Opfer.»
Lob und Kritik am Vorgehen der Mutter
In den Kommentaren gibt es Lob für Leila Micheloud und ihr Treffen mit den Morettis. Das sei mutig. Diesem Vorgehen gebühre Respekt, schreiben einige.
Andere schreiben aber, so ein Treffen komme zu früh. Es sei deplatziert, wenn Anwälte schon jetzt von Resilienz und Vergeben sprechen würden. Zu diesem Zeitpunkt eine Kehrtwende erwecken zu wollen, sei illegitim.
Sehr viele andere Stimmen in der Kommentarspalte versuchen hingegen, versöhnliche Töne zwischen den beiden Opfer-Parteien anzuschlagen: Jeder gehe seinen Weg, so gut er könne, und man sollte sich unterstützen, so der Tenor.
Zudem sei es nicht zielführend zu vergleichen, ob man stärker oder weniger stark Opfer sei.
Wiederum andere betonen, dass die Frage, wer mit wem sprechen sollte, unwichtig sei im Verhältnis zu den Hauptfragen der Katastrophe.





















