Moderner Autostopp: Mitfahrbänke boomen – wie gefährlich ist das?
In der Westschweiz boomen spezielle Mitfahrbänke für ältere Menschen. Auch in der Deutschschweiz gibt es ähnliche Projekte – und der Bedarf wächst.

Das Wichtigste in Kürze
- In Château-d'Œx und Haut-Intyamon gibt es bereits Mitfahrbänke für Senioren.
- Ähnliche Projekte existieren auch in der Deutschschweiz, etwa im Kanton Luzern.
- Künftig dürften solche Angebote noch wichtiger werden.
Einfach hinsetzen und warten. Wer auf einer Mitfahrbank Platz nimmt, signalisiert automatisch: Ich suche eine Mitfahrgelegenheit. Wie beim früher verpönten Autostopp.
Heute gilt aber: Kein Daumen, keine App, keine Registrierung nötig. Vorbeifahrende wissen, was die Bank bedeutet, und können spontan anhalten.
In Château-d'Œx im Waadtland funktioniert das seit zwei Jahren.
Soziale Nähe als Ziel
Das Konzept entstand laut «RTS» auf Initiative von Seniorinnen und Senioren. Inzwischen wurden drei weitere Bänke in der Freiburger Gemeinde Haut-Intyamon installiert, jede kostet maximal 1000 Franken.
Für Pro Senectute Schweiz ist das kein Nischenthema.
Kommunikationsleiter Peter Burri Follath sagt gegenüber Nau.ch: «Für ältere Menschen ist niederschwellige Mobilität entscheidend, um Selbstständigkeit zu bewahren, soziale Kontakte zu pflegen und gesellschaftlich teilzuhaben.»
Der grösste Handlungsbedarf zeige sich dort, wo der öffentliche Verkehr ausgedünnt ist und einfache Alternativen fehlen.
«Mitfahrende und Automobilisten müssen Bescheid wissen»
Das Prinzip macht auch vor dem Röstigraben nicht halt. Die Agentur Umsicht betreibt unter dem Namen «Stop and Ride» bereits mehrere Mitfahrbänke in der Zentralschweiz.
Auch im Toggenburg (von Ebnat-Kappel bis Wildhaus) gibt es schon solche Autostopp-Bänke.
Damit das System funktioniere, brauche es allerdings mehr als nur eine Bank am Strassenrand. Entscheidend sei vor allem die Bekanntheit des Projekts.
«Mitfahrende und Automobilisten müssen über die Bank Bescheid wissen», erklärt die Agentur auf Anfrage von Nau.ch.
Das gelinge nur mit Information und Sensibilisierung. Wer eine Mitfahrbank aus der eigenen Gemeinde kenne, erkenne das Konzept meist auch andernorts wieder.
Wer nimmt auf den Mitfahrbänken Platz?
Wer auf den Bänken Platz nimmt, hängt stark vom jeweiligen Standort ab. «Wir haben unsere Bänke auch an touristisch interessanten Orten aufgestellt, da ist das Zielpublikum altermässig querbeet gemischt.»
Generell gelte: «Jeder Standort soll an die Bedürfnisse vor Ort angepasst sein.» Entsprechend unterscheide sich auch das Publikum von Bank zu Bank.

Eines dürfte jedoch insbesondere ältere Interessierte beschäftigen: Das Thema Sicherheit. Früher galt Autostopp als gefährlich, weil man schliesslich nicht weiss, bei wem man einsteigt. Wie gefährlich ist es denn nun, spätabends bei fremden Leuten ins Auto zu steigen?
«Eine 100-prozentige Sicherheit, dass niemals etwas passieren wird, können wir natürlich nicht geben», sagt die Agentur Umsicht. «Ob man die Mitfahrbank auch zu später Stunde noch benutzen will, ist allen selbst überlassen.»
Ein gewisses Grundvertrauen sei nötig, im Zweifelsfall solle man auf sein Bauchgefühl hören. «Zum Ausprobieren kann man sich auch zusammentun, was sicher angenehmer ist», schlägt die Agentur vor.
Präventiv informieren die Initianten mit Infotafeln, die bei jeder Bank angebracht werden. Dort wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass Kinder nur mit der expliziten Erlaubnis ihrer Eltern mitgenommen werden dürfen.
Als Benutzer der Mitfahrbank könne man ein Angebot zur Mitnahme auch jederzeit ablehnen. Die Agentur betont: «Kommt einem etwas komisch vor oder fühlt man sich unwohl, sollte man nicht einsteigen oder die Fahrt abbrechen.»
Gewisses Risiko besteht
Auch der Kriminologe Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften erachtet Sicherheitsbedenken als berechtigt: «Dort, wo sich Gelegenheiten bieten, Straftaten zu begehen, werden früher oder später auch Straftaten begangen.»
Es gebe durchaus ein gewisses Risiko, dass insbesondere ältere Personen bestohlen oder ausgeraubt würden, wenn sie ein solches Angebot nutzen. Doch Baier relativiert: Steigen Personen nur bei Menschen ins Auto, die sie kennen, sei es eine tolle Möglichkeit, sozial in Kontakt zu bleiben.
«Allein die Sitzbänke werden schon solch eine Wirkung entfalten», so Baier. «Weil man sich dort niederlassen und ins Gespräch mit Passanten kommen wird, ohne dass man mit irgendwem irgendwohin fährt.»

Vorsicht sei für alle Bevölkerungsgruppen wichtig. «Empfehlen würde ich immer, auf das Bauchgefühl zu hören; wenn man nicht mit jemandem mitfahren möchte, sollte man das einfach auch nicht tun.»
Dass betagte Menschen das Angebot spätabends nutzen und damit ein gewisses Sicherheitsrisiko eingehen, davon geht der Kriminologe nicht aus.
Die Sicherheitsbedenken sollten nicht zu stark in den Vordergrund gerückt werden. Dies habe gemäss Baier zur Folge, dass ein solches Angebot erst gar nicht genutzt werde.
Einmal Platz nehmen!
Ganz neu ist die Idee ohnehin nicht. Ähnliche Projekte existieren bereits im Toggenburg sowie vereinzelt in weiteren Gemeinden.
Wie gut das Konzept bei der Bevölkerung tatsächlich ankommt, lässt sich allerdings nur schwer messen.













