Mega-Notstand droht: Wer pflegt die Baby-Boomer?
Die Baby-Boomer-Generation wird immer älter – der Personalmangel wächst. Wer wird die geburtenstarken Jahrgänge pflegen?

Das Wichtigste in Kürze
- Soziologe François Höpfinger sagt, der Pflegenotstand sei hausgemacht.
- Die Spitex Schweiz setzt auf flexible Arbeitsbedingungen und die Pflegeinitiative.
- Die Gewerkschaft Unia spricht von Pflege-Exodus.
Der Anteil der älteren Personen in der Gesamtbevölkerung nimmt zu. Die Babyboomer-Generation umfasst Schweizerinnen und Schweizer zwischen 60 und 79 Jahren (Jahrgänge 1946 bis 1964).
Die Geburtenrate war bekanntlich vor rund 70 Jahren deutlich höher als heutzutage. Während der Babyboomer-Zeit bekamen Frauen in der Schweiz durchschnittlich etwa 2,5 bis 2,7 Kinder. Heute liegt die Geburtenrate nur noch bei ungefähr 1,3 Kindern, also gut einem Kind pro Frau weniger als damals.
Die Babyboomer-Generation neigt sich nun dem Rentenalter zu. Das bedeutet: Immer mehr Menschen benötigen Pflege – doch immer weniger Menschen können diese übernehmen. Denn die jüngeren Jahrgänge sind weniger geburtenstark.
Kosten schiessen in die Höhe
Das bedeutet eine weitere Belastung für das Gesundheitswesen, erklärt Altersforscher und Soziologe François Höpflinger bei Nau.ch.
«Das Altern geburtenstarker Jahrgänge kombiniert mit einer rasanten technologischen Entwicklung des Gesundheitssystem führen zum permanenten Anstieg der Gesundheits- und Pflegekosten.»

Eine Detailanalyse liess erkennen, dass die demografische Alterung für 15 Prozent der Kostenzunahme verantwortlich sei.
Doch nicht nur die Kosten steigen – sondern es wird auch mehr Personal nötig. Noch verstärkt wird dieser Faktor durch die Tatsache, dass viele alleine alt werden. Etwa, weil sie keine Kinder oder den Partner verloren haben.
Damit fällt etwas weg, das das Gesundheitswesen enorm entlastet: Betreuung durch Angehörige.
«Angehörige sind namentlich für die Betreuung älterer Menschen zentral. Und ihre oft unbezahlte Arbeit ist unumgänglich», sagt Höpflinger.
Boomer haben längere Lebenserwartung als frühere Generationen
Was das System zusätzlich belastet: «Die Babyboomer gehören zu den ersten Generationen, die auf ein langes Leben im Rentenalter zurückgreifen können», sagt der Experte.
Da auch die Anzahl von Menschen mit Alter 90 plus rapide steigt, wird es laut Höpflinger künftig mehr Demenzpatienten geben. Diese könnten nicht von unausgebildeten Personen betreut werden.
Gleichzeitig profitiert die Babyboomer-Generation aber auch vom Fortschritt medizinischer Massnahmen. Das wiederum bedeutet eine gewisse Entlastung. Denn es heisst, dass die Baby-Boomer «oft länger und selbständiger wohnen und leben können», sagt Höpflinger.
Trotzdem: Früher oder später haben auch diese Jahrgänge Altersbeschwerden, benötigen Pflege zuhause oder müssen ins Altersheim.
Und hier braucht es Personal – das bereits heute Mangelware ist und in Zukunft noch rarer sein dürfte. Wer also soll die geburtenstarken Jahrgänge in Zukunft pflegen?
Auch im Ausland werden Pflegefachkräfte knapp
«Bisher hat die Schweiz einen Pflegenotstand durch Zuwanderung qualifizierter Pflegefachpersonen verhindert. Angesichts der europaweit feststellbaren Verknappung an Pflegefachpersonen dürfte dies in Zukunft schwieriger werden», warnt Höpflinger.
Dann muss die Lösung aus dem Inland kommen. Sprich: Es braucht mehr Personen, die sich in der Pflege ausbilden lassen.
Doch das ist leichter gesagt als getan.
Höpflinger sagt: «Eine verstärkte Ausbildung von Pflegefachpersonen setzt voraus, dass Pflege als attraktiver Beruf betrachtet wird. Und hier zeigen sich Engpässe, als Pflegefachberufe aktuell zu wenig Anerkennung, zu viel Stress und zu viel Bürokratie erfahren.»
Das führe zu mehr Kündigungen und Berufswechsel.
Anhand von Statistiken warnt auch die Gewerkschaft die Unia vor einer Verschlechterung der Lage. Bis 2050 werden mehr als 1,1 Millionen über 80-Jährige erwartet, die in der Schweiz Pflege brauchen.
Spitex muss 7400 Vollzeitstellen mehr besetzen
Der Spitex sind die Probleme ebenfalls bestens bekannt – sie erwartet in Zukunft eine deutlich grössere Nachfrage nach ihren Leistungen.
Sprecherin Denise Birchler sagt zu Nau.ch: «Die zunehmende Ambulantisierung, die technologischen Entwicklungen und neue medizinische Möglichkeiten führen in Zukunft zu mehr Pflegeleistungen im eigenen Zuhause.»

Ambulantisierung meint die Tatsache, dass immer mehr Eingriffe ambulant durchgeführt werden. So wird eine Patientin beispielsweise nach einer Operation häufiger direkt wieder nach Hause geschickt, statt dass sie im Spital bleibt.
Eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums OBSAN hat das Ausmass der Entwicklungen berechnet: «Der Bericht prognostiziert beispielsweise, dass die Spitex im Jahr 2040 jährlich zusätzlich rund 7,6 Millionen Pflegestunden mehr erbringen muss.»
Das entspreche einem Mehrbedarf von 7397 Vollzeitstellen. Insgesamt waren laut der Studie im ersten Quartal 2026 14’732 Pflegestellen in der Schweiz unbesetzt.
Hoffnung setzt die Spitex in die bereits beschlossene Pflegeinitiative: Diese müsse rasch und richtig umgesetzt werden. Zusätzlich setzen viele Spitex-Organisationen auf flexible Arbeitsmodelle, um sich für Mitarbeitende attraktiv zu machen.
«Stress, Personalmangel und Einspringen sind an Tagesordnung»
Es braucht in Zukunft also deutlich mehr Pflegefachpersonal – und das kann nicht nur aus dem Ausland kommen.
Für die Gewerkschaft Unia ist die Lösung klar: Die Jobs müssen attraktiver werden.
Sprecherin Silja Kohler sagt zu Nau.ch: «Stress, Personalmangel und Einspringen sind an der Tagesordnung, oft haben die Pflegenden durch die Arbeit gesundheitliche Probleme.»

Gemeinsam mit dem «Bündnis Gesundheitspersonal» stellt die Gewerkschaft Forderungen auf: Eine Arbeitszeitreduktion, weniger Patienten pro Pflegefachkraft und mehr Zuschläge für Nachtschichten oder an Feiertagen.
Wenn nicht genügend Massnahmen ergriffen werden würden, sei die Zukunft klar: «Die Gesundheit des Pflegepersonals und damit auch die Versorgungsqualität für die Bevölkerung sind in Gefahr. Denn steigen immer mehr Leute aus, haben die Pflegenden noch weniger Zeit für die Pflegebedürftigen Personen.»
Das fordert die Pflegeinitiative, die 2021 angenommen wurde:
- Bessere Arbeitsbedingungen für Pflegefachpersonen, etwa bei Arbeitszeiten und Belastung.
- Mehr Aus- und Weiterbildungsplätze, damit genügend Pflegepersonal ausgebildet wird.
- Attraktivere Löhne und Berufsperspektiven, um Berufsausstiege zu verhindern.
- Mehr Kompetenzen für Pflegefachpersonen, damit sie bestimmte Leistungen selbstständig erbringen und direkt mit den Krankenkassen abrechnen können
Die Umsetzung der von Volk und Ständen angenommenen Pflegeinitiative ist umstritten. Eine bürgerliche Mehrheit der zuständigen Nationalratskommission will aus Kostengründen auf mehrere Massnahmen verzichten.








