Markus Somm fordert Atombombe für die Schweiz

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Der bekannte Schweizer Publizist fordert nichts Geringeres als die ultimative Abschreckung für die Schweiz. Gesprächspartner Roger Schawinski ist entsetzt.

Markus Somm Roger Schawinski
Markus Somm fordert bei «Roger gegen Markus» auf Radio1, dass die Schweiz eine Atombombe entwickelt. Gesprächspartner Roger Schawinski findet das einen Unsinn. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Publizist Markus Somm will, dass die Schweiz eine eigene Atombombe entwickelt.
  • Es gebe keine guten Argumente dagegen, behauptet der «Nebelspalter»-Chef.
  • Sein Gesprächspartner Roger Schawinski findet die Idee einen «völligen Unsinn».
  • Gegen das Vorhaben einer Schweizer Atombombe sprechen auch ganz praktische Gründe.

Europa fühlt sich unsicher wie lange nicht mehr: Wladimir Putin droht, die USA wanken als Schutzmacht der Nato. Und die Schweiz steht plötzlich mitten in einer geopolitischen Zeitenwende.

Die grosse Frage: Wie verteidigt sich ein neutrales Land, wenn die Welt aus den Fugen gerät?

Diese Woche gab Verteidigungsminister Martin Pfister bekannt, dass die Schweizer Armee in den kommenden Jahren rund 31 Milliarden Franken braucht. Finanziert werden soll dies mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Soll die Schweiz militärisch aufrüsten?

Für Markus Somm ist die Antwort radikal. Der bekannte Schweizer Publizist fordert nichts weniger als die ultimative Abschreckung: Eine eigene Atombombe!

«Nur wer nuklear bewaffnet ist, wird ernst genommen»

In der wöchentlichen Diskussionssendung «Roger gegen Markus» auf Radio1 erklärt Somm sein Argument: «Nur wer nuklear bewaffnet ist, wird ernst genommen.»

«Nordkorea ist unantastbar, weil es eine Atombombe hat», erklärt er.

Sein Gegenüber, der Medien-Pionier Roger Schawinski, reagiert fassungslos. Als «völligen Unsinn» bezeichnet er Somms Vorschlag.

Will der «Nebelspalter»-Chef nur provozieren? Keineswegs!

Auf Anfrage bleibt Markus Somm standhaft. «Es gibt keine guten Gründe, warum die Schweiz keine Atombombe besitzen sollte. Auch, wenn die Forderung politisch leider keineswegs realistisch ist», sagt er am Telefon zu Nau.ch.

Seine Begründung: «Unsere Armee ist am Boden, die Aufrüstung wird lange dauern. Es wäre günstiger und effizienter, wenn wir einfach ein paar Atombomben entwickeln würden. Dann würde uns garantiert niemand mehr angreifen.»

Der studierte Historiker sagt: «Dass die Schweiz auch eine nukleare Abschreckung braucht, war in den 50er- und 60er-Jahren ein No-Brainer.»

Tatsächlich erwog die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg aus Angst vor dem Kommunismus ernsthaft den Bau eigener Atomwaffen.

Ab 1945 arbeiteten Militär und Politik im Geheimen an entsprechenden Konzepten, wie ein Blogeintrag des Schweizerischen Nationalmuseums aufschlüsselt. Getragen wurden sie von der Überzeugung, nur atomare Abschreckung sichere Unabhängigkeit und Neutralität.

Trotz wachsendem Widerstand in der Bevölkerung hielt der Bundesrat lange an diesen Plänen fest. Erst technische, finanzielle und politische Hürden sowie wachsender internationaler Druck führten zum Verzicht.

Mit der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1969 war die Schweiz Atombombe komplett vom Tisch.

Die Idee hinter dem Vertrag: Das «Gleichgewicht des Schreckens» soll die Welt vor einem Atomkrieg bewahren.

Der Vertrag erlaubt Atomwaffen nur den fünf offiziellen Nuklearmächten USA, Russland, China, Frankreich und Grossbritannien. Alle anderen Staaten dürften eigentlich keine haben.

Somm: Kein Verlass auf USA als Schutzschild unter Trump

Doch die Zeiten hätten sich geändert, findet Somm.

«Auf den nuklearen Schutzschild der USA können wir uns unter Trump nicht mehr verlassen», sagt Der Publizist.

Braucht die Schweiz eine eigene Atombombe?

Die Risiken der Bombe räumt er ein – relativiert sie aber sofort: «Aber nur, wenn sie in die Hände von Diktaturen gelangen, bei demokratischen Staaten ist das doch kein Problem.»

Als Vorbild nennt er Israel.

«Wir sind reicher als Israel. Die einzige Hürde wäre es, den politischen Konsens zu finden.» Alles andere lasse sich regeln, ist er überzeugt.

Schawinski zerlegt Somms Plan

Roger Schawinski bleibt auch gegenüber Nau.ch bei seiner harten Kritik.

«Atombomben dienen in erster Linie der Abschreckung eines Gegners. Diese muss aber glaubwürdig sein», erklärt er.

Dafür brauche es erstens ein «riesiges Überwachungssystem im All», um bei einem Angriff reagieren zu können. «So etwas könnte die Schweiz nicht aufbauen.»

Zweitens brauche es geeignete Trägersysteme. «Auch dies könnte die Schweiz nicht finanzieren.»

Roger Schawinski
Roger Schawinski talkt jeden Montag mit Markus Somm. Einig sind sich die beiden nur selten. - keystone

Drittens müssten die Bomben geschützt werden. «Dies geschieht am sinnvollsten nicht in geschützten Kavernen, sondern in U-Booten, deren Aufenthaltsort nicht geortet werden kann.»

Für die Schweiz sei das «nicht erreichbar», so Schawinski.

Bundesrat wäre bei Atombombe «überfordert»

Hinzu komme der Zeitfaktor. Voraussetzung wäre eine Reaktion innerhalb von Minuten. Deshalb ist etwa beim amerikanischen Präsidenten der rote Koffer immer in unmittelbarer Nähe.»

In der Schweiz sei eine solche Kommandostruktur «undenkbar». «Mit unseren sieben Bundesräten, die entschieden müssten, wären wir in einer heiklen Situation völlig überfordert.»

Sein Fazit fällt schonungslos aus: «Der Vorschlag von Markus Somm ist daher unbedacht, dumm und nicht umsetzbar, und dies aus einer Vielzahl von Gründen.»

Und weiter: «Dass er ihn trotzdem öffentlich macht, zeigt, wie wenig reflektiert er öffentlich mit ernsthaften politischen Themen umgeht.»

«Gefährlicher Mythos» – Kritik von links-grüner Seite

Auch Florian Eblenkamp vom Initiativkomitee der eingereichten Atomwaffenverbots-Initiative hat «gar keine Freude» an Somms Idee.

Die Initiative aus links-grünen Kreisen strebt eine Welt ohne Atomwaffen an. Die neutrale Schweiz soll sich international für ein komplettes Verbot einsetzen – auch gegenüber Staaten wie den USA oder Russland.

Dies passe zu einer auf Neutralität, Völkerrecht und Diplomatie ausgerichteten Sicherheitspolitik und erhöhe die Glaubwürdigkeit der Schweiz, so die Initianten.

Atomwaffenverbots-Initiative
Am 23. Dezember 2025 wurde die Atomwaffenverbots-Initiative mit 135'000 Unterschriften eingereicht. - keystone

«Die Idee, dass Atomwaffen ein Land ‹unantastbar› machen, ist ein gefährlicher Mythos», warnt Eblenkamp bei Nau.ch.

«Atomwaffen haben weder Kriege verhindert noch Sicherheit garantiert, im Gegenteil. Sie haben nukleare Erpressung salonfähig gemacht und das Risiko einer Eskalation massiv erhöht.»

Nordkorea sei nicht wegen der Bombe sicher, sondern weil der Staat isoliert, wirtschaftlich geschwächt und Teil hochriskanter Krisendynamiken sei.

«Für die Schweiz wäre ein eigenes Atomwaffenprogramm sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und völkerrechtlich ein Desaster. Es wäre völlig unvereinbar mit ihrer Geschichte und ihrer Rolle im internationalen System.»

Nordkorea
Nordkoreas Diktator Kim Jong Un will der Welt immer wieder Angst mit seinem Atomwaffenprogramm machen. - keystone

Die Risiken seien enorm: «Mehrfach stand die Welt durch Irrtümer oder Beinahe-Unfälle am Rand einer nuklearen Katastrophe», so Eblenkamp.

«Ein Sicherheitskonzept, dessen Versagen Millionen von Menschenleben bedroht, ist keine Versicherung, sondern ein existenzielles Risiko.»

Das hätte «weniger Sicherheit für alle, auch für die Schweiz», zur Folge.

«Im Engadin? Im Tessin?»

Eblenkamp bringt auch praktische Argumente:

«Wo sollte die Schweiz beispielsweise eine eigene Atomwaffe testen? Im Engadin? Im Tessin? Über dem Bodensee

Markus Somm bleibt unbeeindruckt: «Die Schweiz ist ein reiches Land. Dann geben wir halt Polynesien etwas Geld und testen die Bombe dort.»

Atomwaffen
Russland und die USA haben die meisten, China holt auf: So viele Atomwaffen gibt es schätzungsweise weltweit. - Statista (Creative Commons Lizenz)

Und erneut verweist er auf Israel: «Israel beweist, dass auch ein Kleinstaat ein eigenes Atom-Arsenal aufbauen kann.»

Die links-grüne Atomwaffenverbots-Initiative bezeichnet er als «birreweich».

«Wie dumm muss man sein? Dann würden die Demokratien ihre Atomwaffen abschaffen, nur dass Diktaturen wie Russland uns dann abschlachten können.»

Militärische Experten winken ab

Vielsagend: In militärischen Kreisen scheint Markus Somms Idee derzeit kein Thema zu sein. Mehrere angefragte Experten wollten sich nicht äussern. Die Situation sei heute eine andere als im letzten Jahrhundert.

Für die Aufrüstung brauche es andere, moderne und politisch umsetzbare Ideen, heisst es hinter vorgehaltener Hand.

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