Lídia Jorge: die Autorin ist das Gedächtnis und Gewissen Portugals

Keystone-SDA
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Bern,

Lídia Jorge, Grande Dame der portugiesischen Literatur, wurde gerade 80 Jahre alt. Am 30. Internationalen Literaturfestival Leukerbad (26.-28.6.) liest sie aus ihrem aktuellen Buch. In der Schweiz ist sie öfter: Seit fünf Jahren lehrt sie an der Universität Genf.

Die Autorin Lídia Jorge zählt zu den gewichtigen literarischen Stimmen Portugals. Am Internationalen Literaturfestival Leukerbad liest sie aus ihrem aktuellen Roman - und gibt ein Bei...
Die Autorin Lídia Jorge zählt zu den gewichtigen literarischen Stimmen Portugals. Am Internationalen Literaturfestival Leukerbad liest sie aus ihrem aktuellen Roman - und gibt ein Bei... - Keystone/DPA/CARMEN JASPERSEN

Ob am Nationalfeiertag in Lissabon, an einer ausländischen Uni oder an einem internationalen Literaturfestival: Lídia Jorges Auftritte geben zu reden. Zwar wirkt die portugiesische Schriftstellerin auf den ersten Blick unauffällig, fast ein wenig bieder. Beginnt sie aber zu sprechen, ruhig und dezidiert, geht eine Intensität von ihren Worten aus, die alle in ihren Bann zieht.

An der diesjährigen Leipziger Buchmesse war das Publikum am Portugal-Stand mucksmäuschenstill, als die nun 80-Jährige von einem Journalisten zu ihrem jüngsten Buch «Die Stunde der Nelken» befragt wurde. Rundum brandete der Messelärm wie das Meer an die portugiesische Atlantikküste, während Jorge Sätze äusserte, die im Gedächtnis bleiben. «Die jungen Menschen in Portugal können stolz sein auf die Revolution, die in unserem Land ohne Blutvergiessen stattfand», sagte sie. «Und sie sollten darauf zurückgreifen, jetzt, wo Veränderungen überall mit Gewalt herbeigeführt werden und man uns wieder weismachen will, dass es nicht anders gehe.»

Um das Gegenteil zu Gewalt zu behaupten, nämlich die Möglichkeit zur friedlichen Transformation, hat Lídia Jorge «Die Stunde der Nelken» geschrieben. Das Buch schliesst in epischem Duktus einen Kreis zu ihrem Erstling «Der Tag der Wunder». In jenem hatte sie von eben dieser Revolution am 25. April 1974 erzählt, als Blumenverkäuferinnen den Rebellen rote Nelken in ihre Gewehrläufe steckten und diese die Salazar-Diktatur tatsächlich unblutig beendeten.

In Jorges neuem Buch steht die junge portugiesische Journalistin Ana Maria Machado im Zentrum. Sie lebt in den USA und soll für CNN eine Reportage zum 40. Jahrestag der Revolution in ihrer Heimat machen. Ana hat keine Lust, zumal ihr Vater in jener Zeit ein linker Journalist und Aktivist war, und sie sich längst von ihm losgesagt hat. Dennoch lässt sie sich überreden und reist mit zwei Kollegen nach Lissabon. Ausgehend von einem Foto des Umsturzes porträtieren sie einige der damaligen Akteure und erleben einen fruchtbaren Austausch.

Es ist das Wunschdenken der Älteren, dass die Jungen aus der Geschichte lernen mögen, statt sie beiseite zu schieben und zu vergessen. Da ist Lídia Jorge keine Ausnahme. Allerdings gibt es gegenwärtig nur wenige Autorinnen, die mit so feinem Gespür wie sie gesellschaftlichen Wandel ausloten und die Ergebnisse in Romane packen, die beim Lesen eine Sogwirkung entwickeln.

Auch Jorges Leben hat etwas romanhaftes – wie ein Fado, melancholisch, voller Saudade, der sprichwörtlichen portugiesischen Sehnsucht der Zurückgebliebenen, die jenen nachtrauern, welche aufgebrochen sind übers Meer. 1946 im Dorf Boliqueime in der Algarve geboren, wuchs Lídia allein mit ihrer Mutter und anderen weiblichen Verwandten auf. Alle Männer der Familie waren ausgewandert. Was blieb, waren Mythen, war die Landschaft, die ihre bäuerliche Prägung allmählich verlor und vom Tourismus bis zur Unkenntlichkeit umgepflügt wurde. «Wir lebten in einem anhaltenden Gefühl von Verlassenheit und Verlust», erinnert sich die Autorin.

Nach ihrer Schulzeit in Faro zog Jorge nach Lissabon und studierte Romanistik, was später auch zu ihrer Lehrtätigkeit ebendort führte. Während des Kolonialkrieges (1961-74) lebte sie mit ihrem ersten Mann, einem Offizier der Luftwaffe, einige Jahre in Angola und Mosambik, eine traumatische Erfahrung, die sie im Roman «Die Küste des Raunens» selbstkritisch verarbeitet hat. «Ich schreibe instinktiv», sagte Lídia Jorge in Leipzig, «ohne Netz und ohne Deckung».

Wie das klingt und wie Jorge auftritt, kann das Publikum in Leukerbad erleben. Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals liest sie am Samstag (12.00 Uhr) und am Sonntag (12.00 Uhr).

Acht Werke von Lídia Jorge vom Erstling 1989 bis zum aktuellen Buch «Die Stunde der Nelken» sind auf Deutsch übersetzt worden. Die drei jüngsten Romane sind im Buchhandel erhältlich. Die älteren hier aufgelisteten Werke finden sich bei Online-Anbietern.

«ERBARMEN» (2024, Original: «Misericordia», 2022): Lídia Jorges wohl persönlichster Roman. Dona Alberti sitzt im Rollstuhl im Hotel Paraíso, einem Altersheim, wo sie seit einem Unfall lebt. Dort erzählt sie einem Aufnahmegerät aus ihrem Leben. Dabei kreisen ihre Gefühle auch um die schwierige Liebe zur Tochter, einer Schriftstellerin, der sie vorwirft, nur deshalb nicht reich und berühmt zu sein, weil sie vom Elend Namenloser erzählt, anstatt Taten berühmter Menschen zu beschreiben.

«MILENE» (2024, Original: «O Vento Assobiando nas Gruas», 2002): Milene, als Waise bei ihrer Grossmutter aufgewachsen, ist auch als Erwachsene ein Kind geblieben, arglos und von erfrischender Direktheit. Nach dem Tod der Grossmutter überlassen die Verwandten die «Zurückgebliebene» sich selbst. Erst als Milene von einer kapverdischen Flüchtlingsfamilie aufgenommen wird und einen der Söhne heiraten will, tauchen sie wieder auf und wollen ein Glück verhindern, das nicht sein darf.

«DIE DECKE DES SOLDATEN» (2000, Original: «O Vale da Paixão», 1998): Die Geschichte vom Niedergang eines patriarchalischen Bauernclans im Norden Portugals. Im Zentrum steht ein halbwüchsiges Mädchen und dessen komplexe Beziehung zu seinem inoffiziellen, freiheitsliebenden Vater. Dieser ist ausgewandert, schlägt aber eine Brücke zur Tochter, indem er heimlich Briefe an sie in die Heimat schickt. Das Familiengefüge, auf Lügen, Geheimniskrämerei und überholten Moralvorstellungen gebaut, gerät ins Wanken.

«PARADIES OHNE GRENZEN» (1997, Original: «O Jardim Sem Limites», 1995): Eine Gruppe junger Aussteigerinnen und Aussteiger verweigert sich Ende der 1980er-Jahre dem bürgerlichen Lebensentwurf und zieht sich in eine Kommune zurück. Dort wird jedoch schnell klar: Die Suche nach dem Sinn des Lebens gestaltet sich schwierig. Einige suchen Innerlichkeit, andere mutieren zu ehrgeizigen Jungunternehmern, und die Omnipräsenz der Massenmedien trägt zur Zersetzung einstiger Utopien bei.

«DIE KÜSTE DES RAUNENS» (1997, Original: «A costa dos murmúrios», 1988): In diesem Roman erzählt die Protagonistin Eva Lopo im Rückblick von einem traumatisierenden Lebensabschnitt. Als Braut eines jungen Offiziers kam sie nach Mosambik und erlebte den Untergang der portugiesischen Kolonialherrschaft. Dabei wurde sie mit den Gräueltaten der europäischen Machthaber konfrontiert, an denen sich auch ihr Mann beteiligt hatte. Das Buch wurde als portugiesisch/französisch/deutsche Co-Produktion erfolgreich verfilmt («Es war einmal in Afrika»).

«NACHRICHT VON DER ANDEREN SEITE DER STRASSE» (1992, Original: «Notícia da cidade silvestre», 1984): Die Emanzipationsgeschichte handelt von der früh verwitweten Kunststudentin Julia Grei, die sich und ihren Sohn allein durchbringt, bedrängt von allerlei halbseidenen Verehrern und verrückten Freundinnen. Die Zeiten sind hart: Nach der Euphorie, welche die Nelkenrevolution zehn Jahre zuvor ausgelöst hat, ist Ernüchterung eingekehrt, man hilft sich selbst, so gut man kann. Julia versucht es mit Prostitution.

«DER TAG DER WUNDER» (1989, Original: «O dia dos prodígios», 1980): Der Erstling von Lídia Jorge machte sie über Nacht bekannt und gilt heute als eines der wichtigsten Werke der jüngeren portugiesischen Literatur. In einem fiktiven Dorf an der Algarve sehen die Leute eine Schlange davonfliegen. Sie deuten dies als Ankündigung einer neuen Zeit, während in Lissabon die Nelkenrevolutionäre das Salazar-Regime stürzen. Bald erreicht die neue Zeit auch die südliche Provinz und bringt einiges durcheinander.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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