Lehre oder Studium? So wirst du eher reich
Wer eine Lehre macht, verdient früher Geld. Wer studiert, hat später meist den höheren Lohn. Doch welcher Weg führt langfristig zu mehr Vermögen?

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Lehre bringt einen frühen finanziellen Vorsprung.
- Ein Studium hingegen führt langfristig zu höheren Löhnen.
- Eine Beispielrechnung zeigt, welcher Weg langfristig zu mehr Vermögen führt – mit überraschendem Ergebnis.
Lehre oder Studium? Für viele Jugendliche ist das eine wichtige Entscheidung. Doch welcher Bildungsweg bringt langfristig mehr Geld?
Die Vermögensverwaltung Selma Finance hat dafür zwei fiktive Schwestern verglichen: Lea absolviert eine KV-Lehre, während Sandra die Matura macht und anschliessend studiert. Beide beginnen ihre Ausbildung mit 15 Jahren.
Der entscheidende Unterschied: Lea verdient bereits während der Lehre Geld und beginnt früh zu investieren. Sandra steigt erst nach dem Studium ins Berufsleben ein.
Früher Start zahlt sich aus
Lea investiert bereits während ihrer Lehrzeit einen Teil ihres Einkommens. Nach der Lehre beginnt sie mit einem Bruttolohn von 60'000 Franken im Jahr (5000 im Monat).
Sandra verdient erst ab 24 Jahren Geld. Dafür startet sie mit einem höheren Einkommen von 78'000 Franken (6500 pro Monat).
Beide investieren im Modell zehn Prozent ihres Bruttolohns. Für die Berechnung wird eine durchschnittliche Rendite von fünf Prozent pro Jahr angenommen.
Der frühe Start verschafft Lea zunächst einen deutlichen Vorsprung. Mit 30 Jahren besitzt sie gemäss der Berechnung rund 136'000 Franken Anlagevermögen. Sandra kommt zu diesem Zeitpunkt auf rund 71'000 Franken.
Obwohl Sandra bereits mehr verdient und entsprechend höhere Beträge investieren kann, dauert es Jahre, bis sie ihre Schwester einholt.
Erst mit 55 Jahren zieht Sandra vorbei
Mit zunehmendem Alter holt die studierte Sandra auf. Ihr höheres Einkommen ermöglicht grössere Investitionen.
Mit 40 Jahren liegt Lea beim Anlagevermögen noch vorne. Erst mit 55 Jahren überholt Sandra ihre Schwester.
Und mit 60 Jahren ist der Unterschied schliesslich relativ klein: Sandra verfügt über rund 1,17 Millionen Franken, Lea über rund 1,12 Millionen.
Das zeigt: Obwohl Sandra nach ihrem Studium deutlich mehr verdient, kann Lea durch ihren früheren Start lange von ihrem Vorsprung profitieren.
«Höheres Einkommen allein baut kein Vermögen auf»
Für Patrik Schär, Gründer und CEO von Selma Finance, zeigt die Rechnung deshalb: Ein Studium ist nicht automatisch der finanziell bessere Weg.
Schär begründet: «Ein höheres Einkommen allein baut noch kein Vermögen auf. Lehre und Studium sind beides tolle Wege.»
Denn wer studiert, verdiene später oft mehr. Wer eine Lehre macht, habe dafür die Zeit auf seiner Seite. Entscheidend sei, den eigenen Vorteil zu nutzen und früh mit dem Investieren zu beginnen.
Zeit ist beim Vermögensaufbau entscheidend
Der Grund für den Vorsprung der Lehrabsolventin ist der Zinseszinseffekt. Geld, das früh investiert wird, hat länger Zeit, sich zu vermehren.
In der Rechnung macht deshalb nicht allein das Einkommen den Unterschied. Auch der Zeitpunkt, zu dem jemand mit dem Vermögensaufbau beginnt, ist entscheidend.

Noch grösser als der Unterschied zwischen Lehre und Studium ist jedoch ein anderer: Hätten beide ihr Geld auf dem Sparkonto liegen lassen, statt zu investieren, hätten sie mit 60 rund 700’000 Franken weniger.
Für Schär ist genau das der Kern: «Der grösste Unterschied entsteht nicht durch den Abschluss, sondern durch die Entscheidung, Geld zu investieren.» Denn viele unterschätzten, wie viel regelmässiges Investieren auch mit kleinen Beträgen ausmache.
Der CEO von Selma fasst zusammen: «Beim Investieren geht es nicht darum, schnell reich zu werden. Wer früh anfängt, regelmässig dranbleibt und auch in schwierigen Börsenzeiten nicht aufgibt, hat am Ende die besten Karten. Egal ob mit Lehre oder Studium.»
Sandra kann einfacher sparen
Doch die Rechnung hat ihre Tücken. Joël Grandchamp, Mediensprecher bei Raiffeisen Bank, sieht im Zinseszinseffekt zwar eine zentrale Erkenntnis: «Die Beispielrechnung zeigt, wie stark der Zinseszinseffekt wirkt.» Gleichzeitig sei es für Sandra dank ihres höheren Einkommens einfacher, zehn Prozent ihres Lohns zu investieren.
Zudem greife der Vergleich zu kurz. Wer früher ins Erwerbsleben einsteige, könne früher Vorsorgekapital aufbauen. «Die obligatorischen Einzahlungen in die Pensionskasse beginnen jedoch erst ab 25 Jahren.» Wer später einsteige, dafür mehr verdiene, könne diesen Rückstand unter Umständen rasch aufholen, so der Mediensprecher.

Entscheidend ist nicht, wie viel jemand verdient – sondern wie viel am Ende übrig bleibt. Die Rechnung geht bei beiden Schwestern von einer Sparquote von zehn Prozent des Bruttolohns aus. Für den Vergleich zwar praktisch, aber nicht aussagekräftig: «Entscheidend ist, wie viel nach Steuern, Sozialabgaben und Lebenshaltungskosten für den Vermögensaufbau übrigbleibt», sagt Grandchamp.
Studium ist keine Garantie
Auch beim Lohn gibt es keine Garantie. Ein Studium führe nicht automatisch zu einem höheren Einkommen oder einer steileren Karriere. «Ebenso wenig schliesst eine Berufslehre eine erfolgreiche Karriere mit überdurchschnittlichem Einkommen aus.»
Und wie realistisch sind die angenommenen fünf Prozent Rendite? Laut Grandchamp ist dieser Wert durchaus plausibel. «Das bedeutet aber auch, dass man risikotechnisch während der gesamten Anlagedauer voll auf Aktien setzt.» Eine Anpassung des Risikoprofils mit zunehmendem Alter finde beispielsweise nicht statt.
Joël Grandchamps Fazit: «Die wichtigste Erkenntnis ist, dass nicht die Höhe des Einkommens über den langfristigen Vermögensaufbau entscheidet. Sondern vor allem der Umgang mit diesem Einkommen.»
Früh anlegen lohnt sich
Wer früh beginne, konsequent spare und sein Geld langfristig investiere: Der könne auch mit einem vergleichsweise bescheidenen Einkommen ein beträchtliches Vermögen aufbauen. «Umgekehrt führt selbst ein hohes Einkommen nicht automatisch zu finanziellem Wohlstand.»
Ob sich eine Lehre oder ein Studium finanziell mehr lohnt, lasse sich aus der Modellrechnung deshalb nicht pauschal ableiten.













