Koffer versperren «einzige Überlebenschance» im Zug
Eine «schnelle Evakuation muss möglich sein»: Doch wie soll das gehen, wenn Koffer in den Zügen die Fluchtwege versperren?

Das Wichtigste in Kürze
- Weil der Platz fehlt, landet das Gepäck in Zügen vielfach auf den Fluchtwegen – mit fatalen Folgen.
- Die SBB kennt das Problem und reagiert auf beliebten Strecken und an stark frequentierten Tagen.
- Mehr Gepäck und grössere Koffer pro Passagier verschärfen das Platzproblem zusätzlich.
Auf vielen Bahnstrecken der SBB sind die Züge nicht nur voll – sie sind pumpenvoll. Und um einen Sitz zu ergattern, werden auch mal die Ellbogen ausgefahren.
Doch wenn selbst die Passagiere kaum noch Platz haben, wird es auch für die Koffer eng. Die Folge: Gepäck landet in Gängen und vor Türen – und damit mitten im Fluchtweg.
Wer regelmässig Zug fährt, kennt das Bild: Menschen stehen dicht an dicht, Koffer stapeln sich, Rucksäcke liegen zwischen den Beinen. Und irgendwo dazwischen sollte eigentlich noch Platz für alle sein.
Auf vielen SBB-Strecken ist davon allerdings kaum etwas übrig. Besonders zu Stosszeiten und auf beliebten Verbindungen wird der Platz im Zug zur Mangelware. Etwa Richtung Zürcher Flughafen oder ins Berner Oberland sieht man oft versperrte Gänge.
Fluchtweg komplett versperrt
Jetzt sorgt ein Foto für Aufregung: Ein Facebook-User zeigt einen komplett mit Gepäck zugestellten Gang im Eingangsbereich und fragt: «Ist das sicher? Was passiert, wenn eine dringende Evakuierung des Zuges erforderlich wird?»
Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. In den Kommentaren zeigen sich zahlreiche Nutzer hässig.

Ein Nutzer kommentiert: «Nein, das ist definitiv nicht sicher. Im Gegensatz zur Zentralbahn tun die SBB zu wenig, um genau diesem Problem Herr zu werden.»
Ein weiterer meint: «Das ist definitiv nicht sicher und schon gar nicht erlaubt.»
Tatsächlich ist die Sache klar: Versperrte Gänge sind im Notfall ein ernstes Problem.
«Schnelle Evakuation muss möglich sein»
SBB-Mediensprecherin Mara Zenhäusern bestätigt gegenüber Nau.ch: «Im Notfall muss eine schnelle Evakuation möglich sein. Wenn die Gänge im Zug mit Gepäck blockiert sind, kann dies nicht gewährleistet werden.»
Das Zugpersonal mache Reisende deshalb auf falsch abgestelltes Gepäck aufmerksam und fordere sie auf, ihre Koffer ordentlich zu verstauen.
Nur: Wo genau sollen die Koffer hin, wenn der Zug bereits aus allen Nähten platzt?

Zenhäusern: «Je nach Zugtyp stehen Ablageflächen für Gepäck über, unter und zwischen den Sitzen zur Verfügung. Auch kann das Gepäck bei der Gepäckablage oder etwa bei herunterklappbaren Sitzplätzen deponiert werden.»
Züge mit roten «Töggeli» meiden
Die Mediensprecherin rät ausserdem, vor der Reise mit Gepäck online die Auslastung zu prüfen: «Wir empfehlen, nach Möglichkeit Züge mit zwei oder drei roten ‹Töggeli› zu meiden.» Diese weisen auf eine hohe Auslastung hin.
Die SBB kennt das Platzproblem durchaus – und versucht vorzubeugen: «Indem wir an besonders nachfragestarken Tagen, etwa an Feiertagen und Wochenenden, zusätzliche Züge einsetzen oder Doppelstockzüge einplanen.»
Und nicht nur Koffer kämpfen um den letzten freien Quadratmeter: «Neben Koffern braucht es auch Platz für Velos und Kinderwagen. Die SBB trägt dem mit dem vermehrten Einbau von Multifunktionszonen in den Zügen Rechnung.»
Eine Statistik, mit wie vielen Gepäckstücken Reisende unterwegs sind, erhebt die SBB nicht, erklärt Zenhäusern.
Eine SBB-Kontrolleurin sagt aber kürzlich im Zug: «Das Problem ist, dass die Leute immer grössere Koffer mitbringen.»
Diese brauchen dann mehr Platz in der Gepäckablage. Aber nicht nur das: «Immer mehr Touristen haben mehr als einen Koffer dabei. Das führt natürlich zu Platzmangel.»
«Einzige Überlebenschance»
Auch die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) schlägt Alarm. Gewerkschaftssekretär René Zürcher sagt gegenüber Nau.ch: «Der Fluchtweg ist, wenn sich ein Zusammenprall, auch trotz einer Notbremsung nicht vermeiden lässt, die einzige Überlebenschance für das Lokpersonal.»
Denn dieser sei «für das Lokpersonal der einzige Weg nach aussen».
Für genau diese Durchgänge braucht es nicht noch mehr Stolperfallen für das arbeitende Zugpersonal im fahrenden Zug: «Die Durchgänge und die Türen sind zudem auch die Fluchtwege für die Reisenden in einem Notfall.»
*Name der Redaktion bekannt.











