Knackpunkt der Cannabis-Therapie sind die hohen Kosten
Die Stauffacher Apotheke in Zürich ist auf medizinisches Cannabis spezialisiert. Seit 2023 stellt sie Cannabisarzneien gegen Schmerzen und Krampfanfälle her.

Die Kulturpflanze Hanf oder Cannabis gehört seit Jahrtausenden zu unserem Alltag, als Heil- oder Nutzpflanze: Aus deren Fasern lassen sich Seile oder Textilien herstellen.
In der Naturheilkunde hat die Pflanze seit jeher einen festen Platz, gegen Schmerzen oder zum Entspannen. Ebenso als Rauschmittel wie Haschisch oder Marihuana, die aus den weiblichen Blüten gewonnen werden.
Das hat sich jäh geändert, als Hanf 1951 als Betäubungsmittel eingestuft und verboten wurde. Doch inzwischen ist man sich des medizinischen Nutzens von Cannabis wieder bewusster geworden: 2022 wurde Cannabis als Medikament erlaubt und seitdem sind Cannabispräparate immer leichter erhältlich, in vielen Apotheken.
Vielfältige Wirkungen
Eine auf Cannabis spezialisierte Apotheke ist die Stauffacher Apotheke in Zürich. Seit 2023 stellt sie Cannabisarzneien her, vorab aus den beiden am besten erforschten Wirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). «Das THC wirkt schmerzlindernd und krampflösend, ist aber leicht psychoaktiv, das CBD ist entzündungshemmend und beruhigend sowie angstlösend», erklärt Simon Nicolussi von der Stauffacher Apotheke.
Der Apotheker beschäftigt sich seit Ende der 1990er-Jahre mit der Hanfpflanze, fasziniert von deren botanischer Komplexität, den vielen Inhaltsstoffen und der vielseitigen Verwendung.

Zum Einsatz kommt Medizinalcannabis bei chronischen oder neuropathischen Schmerzen, bei Multipler Sklerose wegen der muskelentspannenden Wirkung, bei ADHS wegen der ausgleichenden Wirkung und in der Altersmedizin als Schlafmittel oder zur Verbesserung der Symptome von Demenz. «Cannabis ist zwar kein Allheilmittel – aber es hilft mit einem breiten Wirkspektrum, wofür fortlaufend neue wissenschaftliche Belege publiziert werden», betont der Apotheker.
Risiken, Nebenwirkungen
Cannabispräparate sind gut verträglich. «Vorausgesetzt, sie werden richtig angewendet und dosiert», so Nicolussi, «Risiken und Nebenwirkungen entstehen hauptsächlich bei zu hoher Dosis.» Es gebe zudem wenige Komplikationen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.
Unerwünschte Wirkungen sind bei CBD verminderter Appetit, Schläfrigkeit oder Magen-Darm-Probleme. Für THC gilt es, die psychoaktive Dosis nicht zu erreichen, da sonst ein berauschender Zustand eintreten kann. Nebenwirkungen treten häufig zum Therapiestart auf und zeigen sich durch Schwindel, Euphorie und Müdigkeit.
Diese klingen nach einer Woche ab. Nicolussi legt deshalb Wert darauf, dass die Dosis nur langsam erhöht wird, um Beschwerden zu minimieren. Das Suchtrisiko ist laut Nicolussi bei korrekter Anwendung sehr gering.
Vorsicht gilt bei Personen mit psychiatrischen Vorerkrankungen, Schwangeren oder Stillenden. Ausserdem kann die Fahrtauglichkeit beeinträchtigt werden.
Hohe Kosten
«Trotz der vielen Therapiemöglichkeiten tun sich viele Ärzte nach wie vor schwer mit dem Verschreiben von Cannabispräparaten», sagt Reto Agosti von der Schweizerischen Gesellschaft für Cannabis in der Medizin. Der Neurologe, der vor 24 Jahren das Kopfwehzentrum Hirslanden in Zürich gegründet hat, setzt seit Jahren Medizinalcannabis gegen Migräne ein. Medizinisch interessant sei vor allem das Cannabidiol, da es keine berauschende Wirkung hat.
Allerdings kann der Kopfwehspezialist die Wirkung der verschriebenen Präparate, meist Cannabisöl, oft nicht überprüfen, da viele Patientinnen und Patienten nur einmal zur Konsultation kommen. Er weiss deshalb nicht, ob sie in andere Apotheken oder Praxen gingen oder die Therapie abgebrochen haben. «Der grösste Knackpunkt sind hier sicher die Kosten, die selbst getragen werden müssen, rund 400 Franken pro Monat», vermutet er.
Hinzu kommt, dass die Wirkung nicht so präzis messbar ist wie bei konventionellen Schmerzmitteln. Agosti: «Die Schmerzen gehen mit Cannabis in der Regel nicht komplett weg, sie werden aber schwächer, dafür verbessert sich der Schlaf, der Appetit und damit auch das allgemeine Wohlbefinden.»

Ausserdem spreche jeder Mensch anders auf diese Medikamente an, was mit der Zusammensetzung des Präparats und der Verabreichungsform zu tun habe. Die ideale Anwendungsform sei mit einem Verdampfer (Vaporizer), ähnlich den E-Zigaretten, aber ohne Nikotin und Russ, wie beim Rauchen.
Der Einsatz von Cannabis erfordert viel Fachwissen, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Deshalb lohnt es sich laut Agosti, eine Beratung bei einer spezialisierten Apotheke einzuholen. «Es gibt noch viel Forschungsbedarf», sagt der Neurologe.
Sein grösstes Anliegen als Ex-Präsident der Cannabismedizin-Gesellschaft sei es, dass Ärzte und Ärztinnen ihre Vorurteile gegenüber Medizinalcannabis ablegen würden. Denn er sei überzeugt, dass vielen Patientinnen und Patienten damit Gutes getan werden könne, mit wenig Risiko.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.












