«Kindesmisshandlung»: Biel-Politiker doppelt in Kopftuchdebatte nach

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Biel/Bienne,

Ein Bieler Politiker verglich Biel mit Marrakesch. Nach Kritik, der Vergleich befeuere antimuslimischen Rassismus, nimmt Mohamed Hamdaoui jetzt Stellung.

Mohamed Hamdaoui
Der Bieler Mohamed Hamdaoui nimmt Stellung nach der Kritik an seinen Kopftuch-Aussagen und doppelt nach. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bieler Stadtrat Mohamed Hamdaoui erntete für Äusserungen übers Kopftuch Rassismus-Kritik.
  • Der Politiker sagt, sein Marrakesch-Vergleich habe viele positive Reaktionen ausgelöst.
  • Bei Nau.ch doppelt Hamdaoui jetzt nach und spricht bei Kinder-Kopftüchern von «Kindesmisshandlung».

«Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich in Marrakesch befinde und nicht in Biel.»

Mit diesem Satz hat der Bieler Mitte-Politiker Mohamed Hamdaoui in der Multikulti-Stadt (dort leben 154 Nationen) eine neue Kopftuchdebatte entfacht.

In einem Interview begründete der nicht-praktizierende Muslim dies mit der angeblich zunehmenden Zahl von Kopftuchträgerinnen in Biel. Zudem gebe es immer mehr «kleine Kinder», die einen Schleier tragen.

Belegen lässt sich die Aussage nicht. Kopftücher werden nicht gezählt, einzig die Konfessionszugehörigkeit.

Und dort zeigt sich: Die Anzahl Personen mit islamischer Konfession ist in Biel nach einem Aufstieg in den 2010er-Jahren seit 2020 sogar rückläufig.

Trotzdem bleibt der Anteil Muslime in Biel mit 11 Prozent deutlich höher als im Schweizer Durchschnitt mit 6 Prozent.

Nau.ch griff den Marrakesch-Vergleich in einem grossen Artikel am Mittwochabend auf und ordnete ihn ein.

Muslima aus Biel: «Zuspitzungen verstärken antimuslimischen Rassismus»

Nicht nur wurde Hamdaoui für die Subjektivität seiner Aussage kritisiert. Eine junge Muslima aus Biel, die anonym bleiben will, sagte: «Solche Zuspitzungen tragen dazu bei, antimuslimischen Rassismus zu verstärken.»

Ähnlich klang es beim Islamischen Kantonalverband Bern. Und auch Islam-Professor Amir Dziri bezeichnete den Vergleich als «etwas unglücklich» und als «keine sachdienliche Auseinandersetzung» mit dem Kopftuch.

Jetzt äussert sich Mohamed Hamdaoui selbst zur Kritik.

«Mein Vergleich mit Marrakesch war natürlich provokativ gemeint», sagt er zu Nau.ch.

Mohamed Hamdaoui
Mohamed Hamdaoui sagt, er fühle sich manchmal in Biel wie in Marrakesch. - keystone

Und er betont: «Ich möchte niemanden verletzen, sondern lediglich eine Debatte anstossen. Ich möchte verhindern, dass das Egerkinger Komitee dieses Thema für sich vereinnahmt. Wie es dies bereits bei der Burka getan hat»

Das Egerkinger Komitee ist ein SVP-naher Verein. Laut eigenen Angaben leistet er «Widerstand gegen die Machtansprüche des politischen Islam in der Schweiz».

Bereits zweimal konnte das Komitee die Mehrheit des Schweizer Stimmvolks überzeugen: 2009 bei der Initiative für ein Minarettverbot und 2021 für ein Verhüllungsverbot, das sich vor allem gegen die Burka richtete.

Kritik für seine Kopftuch-Aussagen erhielt Hamdaoui, der nebst seiner politischen Tätigkeit als Lokaljournalist tätig ist, persönlich keine.

Mohamed Hamdaoui kriegt für Marrakesch-Vergleich viel Zuspruch

«Seit diesem Interview habe ich ausschliesslich positive Reaktionen erhalten. Viele mir unbekannte Menschen, denen ich auf der Strasse begegne, stellen sich Fragen zu diesem Thema», sagt er.

Auch in der Nau.ch-Community stiessen seine Aussagen über das Kopftuch auf Zuspruch. 90 Prozent bezeichneten in einer Umfrage den Marrakesch-Vergleich als «zutreffend», nur zehn Prozent als «problematisch».

Umfrage
Die Nau.ch-Community findet den Marrakesch-Vergleich zutreffend. - Nau.ch

Der Mitte-Mann, der früher bei den Sozialdemokraten politisierte, trifft also einen Nerv.

Hamdaoui sieht es als seine Aufgabe als Volksvertreter und Journalist, «den Menschen zuzuhören und zu versuchen, ihnen Antworten zu geben».

Dagegen dass immer mehr Frauen ein Kopftuch tragen, habe er grundsätzlich «überhaupt nichts», beschwichtigt er. «Was mich hingegen empört, ist das Tragen des Kopftuchs durch Mädchen vor der Pubertät.»

Experte: «Kopftuch in erster Linie Zeichen für Anstand im Gottesdienst»

Diese Interpretation teilen nicht alle. Islam-Experte Amir Dziri warnte bei Nau.ch davor, das Kopftuch ausschliesslich als Zeichen sexueller Reife zu interpretieren.

«Aus theologischer Sicht steht das Kopftuch in erster Linie für Anstand im Gottesdienst. Ähnlich wie religiöse Gepflogenheiten in anderen Religionen», erklärte er.

Amir Dziri
Amir Dziri ist Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. Er betont, dass das Kopftuch aus verschiedenen Gründen getragen wird. - zvg

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus hielt fest, dass das Kopftuch nicht pauschal als Symbol der Unterdrückung verstanden werden könne. Ebenso wenig sei es grundsätzlich ein Zeichen der Befreiung.

Vielmehr stünden unterschiedliche persönliche und religiöse Bedeutungen im Vordergrund.

Für Lokalpolitiker Mohamed Hamdaoui ist hingegen klar: Durch ein Kopftuch würden Mädchen «bereits von klein auf in eine Unterordnung gedrängt». «Ich betrachte das als eine Form von Kindesmisshandlung», doppelt er nach.

Bieler Politiker über verschleierte Kinder: «Zerreisst mir das Herz»

Hamdaoui arbeitet aus einem Büro am See, in der Nähe eines Parks. Erst diese Woche beobachtete er dort eine Familie beim Picknick.

«Zwei kleine Mädchen waren von Kopf bis Fuss verschleiert. Das eine war etwa drei Jahre alt, das andere ungefähr sechs», berichtet er schockiert.

Bist du schon einmal verschleierten Kleinkindern begegnet?

«Es hat mir beinahe das Herz zerrissen», sagt er. Und fügt an: «Das ist nicht das multikulturelle Biel, das ich liebe.»

Multikulturalismus bedeute für ihn, «sich gegenseitig zu bereichern». Das sei etwas Wunderbares. «Kleine Mädchen zu verschleiern, ist jedoch keine Bereicherung, sondern Unterwerfung», meint Hamdaoui.

Bundesrat lehnt Kopftuchverbot an Schulen ab

Gegen ein Kopftuch-Verbot für Kinder, wie es der Politiker fordert, gibt es allerdings Mächtig Widerstand.

Der Bundesrat teilte erst im vergangenen Herbst mit, dass er das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Schulen nicht verbieten wolle.

Gefordert hatte dies Marianne Binder-Keller, Aargauer Ständerätin und Parteikollegin von Mohamed Hamdaoui.

Kommentare

User #3059 (nicht angemeldet)

Ach haltet doch den Latz

User #4758 (nicht angemeldet)

Bei Sozialhilfe und anderen Hilfsanspruchen sollten Inlaender nicht benachteiligt werden? Alle sollten gleich behandelt werden?

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