Junge Flüchtlinge suchen verzweifelt WG-Zimmer

    Riccardo Schmidlin
    Riccardo Schmidlin

    Bern,

    Viel Kontakt, viel Sparen: WG-Zimmer sind beliebt – auch bei Flüchtlingen. Das fördert nebenbei auch die Integration, erfordert aber auch einen Mehraufwand.

    WG
    Auch der knappe und teure Wohnraum bereitet Probleme – Skischulen setzen deshalb auf WGs und Personalhäuser. (Symbolbild) - pexels

    Das Wichtigste in Kürze

    • Ein Berner wird mit WG-Bewerbungen von jungen Flüchtlingen geflutet.
    • «Innerhalb eines halben Tages erhielt ich rund ein Dutzend solcher Anfragen», sagt er.
    • Der Asylsozialdienst erklärt: Nicht nur spart man mit WGs Geld, man lernt auch Deutsch.

    «Ich bin 18 Jahre alt und komme aus Afghanistan. Wann kann ich eure WG besichtigen?» Solche Nachrichten erhält Jan Willen* (25) derzeit zuhauf.

    Der Student sucht für seine WG in der Stadt Bern gerade per Online-Inserat einen neuen Mitbewohner. Dabei wird er von Anfragen junger Flüchtlinge gerade überrannt.

    «Allein innerhalb eines halben Tages erhielt ich rund ein Dutzend solcher Anfragen. Von 17- bis 19-Jährigen aus der Türkei und Afghanistan.»

    «Mietzins gesichert»

    Allfällige Vorbehalte wollen die Bewerbenden möglichst rasch aus dem Weg räumen. «Der Mietzins ist durch den Sozialdienst gesichert», heisst es zum Beispiel.

    Der Grund für die hohe Nachfrage an WG-Zimmern bei Flüchtlingen ist vermutlich der Preis. «Aber auch die Möglichkeit, in einer WG schneller Deutsch zu lernen und sich somit schneller integrieren zu können.» Das sagt Reyhan Pektaş vom Asylsozialdienst der Stadt Bern zu Nau.ch.

    Grundsätzlich ermöglichen WGs ein Zusammenleben mit Personen aus anderen Kulturen oder der Schweizer Kultur. Aus diesen Gründen – und der geringeren Mietkosten – unterstütze der Asylsozialdienst grundsätzlich die Möglichkeit von Wohngemeinschaften.

    «Leben in Kollektivunterkunft ist belastend»

    Lionel Walter, Sprecher der Flüchtlingshilfe erklärt gegenüber Nau.ch, dass Geflüchtete im Kanton Bern in der ersten Phase in Kollektivunterkünften leben. «Das Leben in einer Kollektivunterkunft ist grundsätzlich belastend. Und viele Personen ziehen es vor, so rasch wie möglich in eine Individualunterkunft zu wechseln.»

    Dafür müssen sie verschiedene Integrationskriterien erfüllen: Sprachniveau A1 und eine Erwerbstätigkeit oder eine Ausbildung.

    Reyhan Pektaş vom Asylsozialdienst der Stadt Bern erklärt weiter: «Gemäss Gesetz gelten Klientinnen und Klienten bis 25 als junge Erwachsene.» Je nach Wohngemeinde ist die Mietzinslimite bei jungen Erwachsenen geringer als bei Einpersonenhaushalten nicht junger Erwachsener.

    Sozialdienst
    Diese Tabelle gibt Orientierung bei den Mietzinslimiten für die Sozialhilfe im Kanton Bern - Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern

    Die Sozialarbeitenden helfen den Geflüchteten aber nicht bei der Suche nach einer WG. Dafür hätten sie keine Kapazität – nebstdem sei dies auch nicht der gesetzliche Auftrag.

    «Jedoch zeigen sie ihnen, auf welchen Plattformen sie suchen können und welche Unterlagen sie für eine Bewerbung organisieren. Und woher sie Unterlagen bekommen.»

    Der Nachteil, wenn junge Flüchtlinge nicht in WGs sind, ist, dass sie auf sich «allein» gestellt sind. «Die Sprachkenntnisse werden dann nur im Selbststudium erlernt oder aus der Deutschkursen. Und nicht wie in einer WG, wo aus einem täglichen Austausch die Sprachkenntnisse automatisch erweitert werden.»

    Könntest du dir vorstellen, mit Flüchtlingen in einer WG zu leben?

    WG mit Flüchtlingen bedeutet gewissen Mehraufwand

    Und was bedeutet ein geflüchteter Mitbewohner für den Rest der WG? «Eine Offenheit gegenüber einer eventuell neuen Kultur muss sicher vorhanden sein.»

    Und: «Es muss auch beachtet werden, dass es sich hier unabhängig der Kultur oder dem Geflüchtet-Sein um junge Menschen handelt.» Daher seien sie auch mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie junge Personen aus der Schweiz.

    Reyhan Pektaş rät: «Sprache ist immer der Schlüssel einer Kultur, daher ist es das elementare Kriterium einer Integration.» Alles andere, wie Ausbildung und Arbeit, komme später respektive parallel dazu. «Wenn es das ermöglicht.»

    Flüchtlinge brauchen Ansprechperson

    Lionel Walter von der Flüchtlingshilfe ergänzt: «Eine Schwierigkeit in WGs ist sicher die Organisation des Zusammenlebens. Hier braucht es eine gute Kommunikation und gegenseitige Verständigung bezüglich der Erwartungen.»

    WG
    Das Zusammenleben in WGs kann herausfordernd sein. - pexels

    Das sei aber eine allgemeine Herausforderung in WGs – auch ohne Flüchtlinge. Doch: «Sprachbarrieren und unterschiedliche Erfahrungen aus den Herkunftsländern stellen eine zusätzliche Komponente dar», so Walter.

    Und: «Wichtig ist auch beim Wohnen in WGs, dass die jungen Geflüchteten genügend Begleitung und eine Ansprechperson haben, die verfügbar ist.»

    Für Nau.ch-Leser Jan Willen wirkt das abschreckend. Er hat sich dazu entschieden, die Anfragen der jungen Flüchtlinge nicht zu berücksichtigen. «Mein derzeitiger Mitbewohner und ich verbringen zu wenig Zeit zu Hause, als dass man mit uns gut Deutsch lernen könnte.»

    Aufruf

    Wohnst du mit jungen Flüchtlingen in einer WG und möchtest uns vom Zusammenleben berichten? Dann melde dich unter [email protected].

    * Name von der Redaktion geändert

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    Kommentare

    User #3145 (nicht angemeldet)

    Mit unserem Land geht es bachab im freien Fall. Menschlicher Zerfall und Zerrissenheit unter der Bevölkerung werden immer grösser.

    Imperator

    Mietzins durchs Sozialamt gesichert 😂😂😂 durch die Steuerzahler! Schreibt und sagt doch endlich einmal die Wahrheit.

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