Erkältet durch die Klimaanlage? Das sagt die Wissenschaft

Keystone-SDA
Keystone-SDA

Bern,

Draussen 35 Grad, drinnen angenehm kühl – und am nächsten Morgen kratzt der Hals. Für viele ist der Fall klar: Die Klimaanlage ist schuld. Doch stimmt das wirklich?

Die regelmässige Wartung von Klimaanlagen hilft, Keime und Schimmelbildung zu vermeiden. (Symbolbild)
Die regelmässige Wartung von Klimaanlagen hilft, Keime und Schimmelbildung zu vermeiden. (Symbolbild) - KEYSTONE/ADRIAN REUSSER

MACHT DIE KLIMAANLAGE KRANK?

Die kurze Antwort lautet: Nein – zumindest nicht direkt. Der kalte Luftstrom einer Klimaanlage kann weder eine Erkältung noch eine Grippe oder Lungenentzündung auslösen. Für eine Infektion braucht es Erreger – also Viren, Bakterien oder Pilze.

Dass Kälte und Zugluft keine Erkältung verursachen, haben Forschende der Common Cold Unit in Salisbury (Grossbritannien) bereits in den 1950er-Jahren festgestellt. In mehreren Experimenten infizierten sie Freiwillige gezielt mit Erkältungsviren und verglichen sie mit Kontrollgruppen ohne Infekt. Einige der Teilnehmenden wurden zusätzlich Zugluft ausgesetzt oder mussten mit nassen Socken in der Kälte sitzen. Das Ergebnis: Erkältungssymptome entwickelten nur diejenigen, die tatsächlich mit einem Virus infiziert worden waren nicht aber die Personen, die lediglich froren.

WARUM HABEN DANN SO VIELE MENSCHEN DAS GEFÜHL, DIE KLIMAANLAGE MACHE SIE KRANK?

So einfach ist es dann doch nicht. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen sich nach dem Aufenthalt in klimatisierten Gebäuden häufiger unwohl fühlen. Eine Studie aus Brasilien fand 2005 beispielsweise mehr Atemwegsbeschwerden bei Büroangestellten in klimatisierten Räumen. Eine indische Studie von 2023 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Menschen, die täglich mehrere Stunden in klimatisierten Büros arbeiteten, klagten häufiger über Kopfschmerzen, gereizte Atemwege und andere Beschwerden, hatten mehr krankheitsbedingte Fehltage und teils schlechtere Lungenfunktionswerte.

Dieses Phänomen nennen Forschende Sick-Building-Syndrom. Gemeint sind Beschwerden, die gehäuft in einem bestimmten Gebäude auftreten und nach dem Verlassen meist wieder nachlassen. Schuld ist aber nicht die Kühlung der Klimaanlage an sich. Fachleute gehen heute davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenspielen: zu wenig Frischluft, trockene Raumluft, chemische Ausdünstungen aus Möbeln oder Teppichen, Staub – oder eine schlecht gewartete Lüftungs- beziehungsweise Klimaanlage.

KÖNNEN ALSO NUR SCHLECHT GEWARTETE KLIMAANLAGEN KRANK MACHEN?

Sie sind zumindest das grösste Risiko. Problematisch wird es, wenn Filter verschmutzt sind oder sich in wasserführenden Bauteilen Feuchtigkeit sammelt. Dann können sich Bakterien oder Schimmelpilze vermehren. Das bekannteste Beispiel sind Legionellen. Werden bakterienhaltige Wassertröpfchen eingeatmet, kann die Legionärskrankheit entstehen – eine schwere Form der Lungenentzündung. Solche Ausbrüche werden immer wieder auf schlecht gewartete Kühltürme oder grosse Klimaanlagen in Hotels, Spitälern oder Bürogebäuden zurückgeführt.

Aber: Auch eine gut gewartete Klimaanlage kann Beschwerden auslösen. Beim Kühlen entzieht eine Klimaanlage der Raumluft Feuchtigkeit. Die trockene Luft entzieht wiederum den Schleimhäuten in Nase, Rachen und Augen Wasser. Dadurch werden sie gereizt und verlieren einen Teil ihrer natürlichen Schutzfunktion. Sie fangen Krankheitserreger und Partikel zwar weiterhin ab, transportieren sie aber weniger effizient aus den Atemwegen. Das kann Halskratzen, Hustenreiz oder trockene Augen verursachen – Beschwerden, die sich wie eine beginnende Erkältung anfühlen, meist aber wieder verschwinden.

WÄRE ES DANN NICHT AM KLÜGSTEN, ALS VORSICHTSMASSNAHME GANZ AUF KLIMAANLAGEN ZU VERZICHTEN?

Nicht unbedingt. Denn auch zu heisse Innenräume können krank machen. Der Körper muss dann stärker arbeiten, um sich abzukühlen: Er schwitzt, die Blutgefässe erweitern sich, Herz und Kreislauf werden belastet. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, kleine Kinder, Schwangere und Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation warnt deshalb ausdrücklich vor Gesundheitsrisiken durch überhitzte Innenräume.

Ausserdem kann eine gut gewartete Klimaanlage Staub, Pollen und einen Teil der Keime aus der Luft filtern und so die Luftqualität verbessern und das Erkrankungsrisiko senken.

Kommentare

User #3246 (nicht angemeldet)

Was ich nicht verstehe: Warum sind es ausgerechnet die Kreise, die hartnäckig behaupten, dass es das früher schon gegeben habe und die Hitze wieder vorübergehe, die jetzt nach Klimaanlagen schreien? Früher war es doch angeblich auch so lange heiss – und ihr habt das ja ebenfalls problemlos weggesteckt. Und bevor das missverstanden wird: Gegen Klimaanlagen ist grundsätzlich nichts einzuwenden – sofern die baulichen Gegebenheiten es zulassen und sie sinnvollerweise mit Strom aus einer PV-Anlage oder einem Balkonkraftwerk betrieben werden. Öffentliche Gebäude, Spitäler und Schulhäuser verfügen zudem über zahlreiche ungenutzte Dachflächen für Photovoltaik. Wenn sich Wärmepumpen-Klimaanlagen zusätzlich in das bestehende Heizsystem integrieren lassen, entsteht eine nachhaltige Lösung: Im Sommer wird gekühlt, im Winter effizient geheizt. Genau so habe ich es bei mir zu Hause mit meiner bestehenden Fussbodenheizung umgesetzt. Statt kalter Luft zirkuliert im Sommer gekühltes Wasser aus der Wärmepumpe durch die Bodenheizung. Das sorgt für eine angenehme Kühlung, ohne Zugluft, und dieselbe Anlage übernimmt im Winter wieder das Heizen. Kosten: Etwa soviel wie eine fetter Mittelklassewagen.

User #4301 (nicht angemeldet)

Also wenn in Dehli eine Anlage krank macht ist es ja logisch wieso. Es kommt Luft von aussen und die ist in Dehli extrem schmutzig. So passierts.

Weiterlesen

Jens Spahn
522 Interaktionen
Spahn-Affäre
Feraud Gemeinderäte Wallis
62 Interaktionen
Wallis

MEHR AUS STADT BERN

aare
Bern
Neuer Hauptaktionär
funiciello
«Beschämend»
koch kolumne
88 Interaktionen
Daniel Koch