Martin Jucker über Kürbisse: «Darf man mit Essen spielen?»
Kürbisse als Kunst statt als Nahrung: Martin Jucker erklärt, warum solche Ausstellungen nicht automatisch Verschwendung bedeuten.

Das Wichtigste in Kürze
- Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
- Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Jucker über Kürbiskunst und Lebensmittelverschwendung.
Die Kürbisausstellungen der «Jucker Farm» sind ein Publikumsmagnet und locken jedes Jahr tausende Menschen auf unsere Höfe. Die meisten staunen und fotografieren. Sie geniessen den Tag und essen vielleicht sogar das eine oder andere Kürbisgericht.
Aber natürlich gibt es auch kritische Stimmen. Ein Vorwurf taucht zuverlässig auf: «Mit Essen spielt man nicht.» Diesen Satz haben wohl die meisten von uns als Kind gehört. Und grundsätzlich ist er richtig.
Wenn ein Kind mit Kartoffelstock auf dem Teller «herummatscht» oder ihn mit dem Löffel durch die Küche spickt, sind wir uns vermutlich einig: Das muss nicht sein.
Aber: Gilt derselbe Satz auch, wenn Künstlerinnen und Künstler aus Kürbissen eine ganze Welt erschaffen?
Ist Kunst mit Kürbissen Verschwendung?
Genau hier wird es interessant. Denn ein Kürbis, der Teil einer Ausstellung ist, wird nicht einfach sinnlos herumgeworfen. Er wird gestaltet, inszeniert und zum Teil eines kulturellen Erlebnisses.

Natürlich kann man sich trotzdem fragen, ob das sein muss und ob dafür Lebensmittel nötig sind. Zu Recht. Nur ist die Antwort nicht so einfach, wie der Satz «Mit Essen spielt man nicht» vermuten lässt.
Und was ist mit Zierkürbissen?
Ein Teil der Ausstellung besteht aus Zierkürbissen. Die werden von Anfang an nicht zum Essen angebaut. Man kann sie anschauen, dekorieren und bestaunen – aber nicht verspeisen. Das gäbe Bauchschmerzen.
Dann folgt meist der nächste Vorwurf. Für die Ausstellung werde wertvolles Ackerland verschwendet, heisst es. Auch das klingt im ersten Moment logisch.
Aber ziehen wir diesen Gedanken wirklich konsequent durch? Wo wachsen die Blumen für unsere Blumensträusse? Auch auf Blumenfeldern könnte man ja Lebensmittel anbauen. Trotzdem verlangt kaum jemand, dass wir statt Pfingstrosen nun Kichererbsen anbauen.
Oder nehmen wir den Wein. Für Reben werden weltweit riesige landwirtschaftliche Flächen genutzt. Am Ende entsteht ein Genussmittel, das Alkohol enthält – und dem Körper erwiesenermassen nicht guttut.
Trotzdem käme kaum jemand auf die Idee, jeden Rebberg zur Verschwendung zu erklären. Warum nicht? Weil wir akzeptieren, dass Landwirtschaft nicht nur Kalorien produziert. Sie produziert auch Genuss, Kultur, Landschaft und Erlebnisse.
Das Leben ist keine Kalorientabelle
Wenn wir jede Fläche ausschliesslich nach der maximal möglichen Nahrungsmittelproduktion beurteilen, wird die Sache rasch absurd. Dann müssten wir Blumen, Wein, Weihnachtsbäume und wahrscheinlich noch einiges mehr verbieten. Aber der Mensch lebt nicht von Kalorien allein.
Natürlich müssen zuerst die Grundbedürfnisse gedeckt sein. Wir brauchen genügend gesunde Lebensmittel. Wir brauchen Effizienz. Und wir tragen Verantwortung dafür, wie wir mit Böden, Wasser und Nahrungsmitteln umgehen.
Aber wir brauchen auch Kultur, Freude, Schönheit und gemeinsame Erlebnisse. Ein gutes Leben besteht nicht nur aus möglichst vielen Proteinen pro Quadratmeter.
Kürbisse bringen Menschen auf den Geschmack
Unsere Kürbisausstellungen haben noch einen zusätzlichen Effekt: Sie machen den Kürbis sichtbar.
Menschen entdecken Sorten, die sie vorher nicht kannten. Sie kaufen Kürbisse, probieren Rezepte aus – und essen am Ende mehr Gemüse. Das ist ein ziemlich guter Nebeneffekt für eine angeblich sinnlose Spielerei.
Und die Speisekürbisse verschwinden nach der Ausstellung nicht automatisch im Abfall.
Der Kürbis ist von Natur aus ein Lagergemüse. Viele Exemplare lassen sich nach der Saison weiterhin verwenden. Und wärmen uns an kalten Winterabenden in Form von Suppe, Ofengemüse oder Risotto.
Aus Dekoration wird also wieder Nahrung. Nicht bei jedem Kürbis und nicht in jedem Fall. Aber deutlich öfter, als viele Kritikerinnen und Kritiker glauben.
Entscheidend ist nicht ob, sondern wie
Darf man nun mit Essen spielen? Ich finde: Ja – wenn man es richtig macht.
Spielen ist eine der besten Arten, Neues zu entdecken. Es weckt Neugier, schafft Verbindungen und bringt Menschen dazu, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Auch mit Landwirtschaft und Lebensmitteln.

Wenn hinter dem Spiel eine positive Absicht steht und verantwortungsvoll mit den Ressourcen umgegangen wird, kann daraus etwas Wertvolles entstehen. Wenn es bloss um Verschwendung oder Zerstörung geht, ist es falsch.
Wie so vieles im Leben ist auch diese Frage nicht schwarz oder weiss. Entscheidend ist nicht, ob wir mit Essen spielen. Entscheidend ist, wie wir es tun.
Zur Person
Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat als bisher einziger Bauer zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.








