Immer mehr Junge wollen Facelift – Ärzte lehnen ab
Auch komplexe Schönheits-OPs werden beliebter. Ein Chirurg muss inzwischen mehrmals pro Woche jungen Patientinnen erklären, dass sie kein Facelift brauchen.

Das Wichtigste in Kürze
- Schönheits-Eingriffe kommen immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an.
- Beliebter sind nicht nur Injektionen wie Lippen-Filler – auch komplexe Operationen boomen weltweit.
- Ein Schönheitschirurg erzählt: Er muss mehrmals pro Woche junge Patientinnen ablehnen, die für ein Facelift anfragen.
Die Zahl der Schönheits-Eingriffe ist weltweit massiv angestiegen. Beliebter werden nicht nur kleine Optimierungen, sondern auch komplexe Operationen.
Ein 2026 veröffentlichter Bericht der internationalen Vereinigung der plastischen Chirurginnen und Chirurgen (ISAPS) zeigt: Nicht-chirurgische Eingriffe wie Lippen-Aufspritzen oder Filler für vollere Wangen haben zwischen 2020 und 2024 um 39,6 Prozent zugenommen.
Chirurgische Eingriffe nahmen sogar um 46,3 Prozent zu. Darunter der komplexeste und risikoreichste Eingriff im Gesicht: Der Facelift. Der Bericht zeigt in dem Zeitraum eine weltweite Zunahme um satte 75,9 Prozent.
Dieser Trend zeigt sich auch in den Schweizer Schönheitskliniken. Nicht nur stellen zwei Chirurgen eine erhöhte Nachfrage fest, wie sie gegenüber Nau.ch bestätigen. Die Anfragen kommen auch von immer jüngeren Menschen.
Fünf von zehn Anfragen kommen heute von «sehr» Jungen
Christian Roessing ist plastischer Chirurg an der Metropolitan Clinic in Zürich, die sich auf Facelifts spezialisiert. «Die Anfragen steigen», sagt er im Gespräch mit Nau.ch.
«Früher kamen Personen ab 50 Jahren in die Beratung. Inzwischen erhalten wir immer mehr Anfragen von jüngeren Menschen», berichtet er.
Ein Facelift ist eine Operation, bei der erschlaffte Gesichtshaut und darunterliegendes Gewebe gestrafft werden. Es soll altersbedingte Veränderungen etwa an Wangen, Kieferlinie und Hals korrigieren. Beim neueren, sogenannten Deep Plane Facelift werden Haut und tiefer liegende Gewebeschichten gemeinsam gelöst und neu positioniert. Die Technik setzt tiefer an als ein reines Hautlifting und ist chirurgisch anspruchsvoll. Ein Facelift kostet in der Schweiz je nach Technik um die 13’000 bis über 30’000 Franken.
Im Schnitt habe die Klinik pro Woche rund zehn Beratungsgespräche für Facelifts und andere operative Eingriffe im Gesicht. Immer mehr sind erst um die 40 – das ist schon eine neue Entwicklung.
«Doch inzwischen betreffen tatsächlich vier bis fünf von diesen zehn Beratungsgesprächen sehr junge Menschen.» Einige von ihnen sind noch nicht einmal 30 Jahre alt.
«Risiko ist es nicht wert»
Roessing empfiehlt ein Facelift in der Regel erst Interessierten um die 50 Jahre. Mit 40 könne es in seltenen Fällen angebracht sein. «Jüngeren Personen erkläre ich beim Beratungsgespräch, dass ein Facelift für sie keinen Sinn macht», erzählt Roessing.
«Das Resultat bringt eine derart kleine Veränderung, dass es das Risiko nicht wert ist.»

Egal, wie professionell der Eingriff durchgeführt wird, ganz ohne Narben geht es nicht, betont Roessing. Heisst: Als junge Patientin hat man nach der OP vielleicht minim straffere Bäckchen – dafür neue Narben und ein leichteres Portemonnaie.
Chirurg Christian Köhler, ärztlicher Leiter der Zürcher Schönheitsklinik Kaleidoscop Aesthetic, stimmt zu: Ein Facelift kann ab den 40ern sinnvoll sein – oder sogar Vorteile gegenüber einem späteren Eingriff haben. Vorher in der Regel nicht.
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Auch in seiner Klinik hat die Nachfrage nach Facelifts «klar» zugenommen, wie er zu Nau.ch sagt. Er stellt ebenfalls eine gewisse Verjüngung der Patientinnen und Patienten fest. «Bei uns verschiebt sich die Nachfrage zunehmend in Richtung der 40-Jährigen.»
Beim klassischen Facelift liege das Durchschnittsalter etwa bei 45 Jahren. Die jüngste Patientin, bei der er ein Facelift nach ausführlicher Abklärung durchgeführt habe, sei 42 Jahre alt gewesen.
Wundheilungsstörungen und verletzte Nerven drohen
Christian Köhler gibt zu bedenken, wie anspruchsvoll der Eingriff ist: Je nach Umfang dauert die Operation rund vier bis sechs Stunden oder sogar noch länger.
«Wir schliessen dabei Operationen der Stirn, Augenlider, Lippen und dem Hals ein, um ein gesamthaft natürliches Ergebnis zu erreichen. Deshalb braucht es viel Erfahrung», betont er.
Viele Patientinnen und Patienten unterschätzen den Eingriff vor der Beratung offenbar. Susanne Gedamke von der Patientenschutzorganisation SPO warnt bei Nau.ch: «Schönheitsoperationen werden oft verharmlost. Social Media spielen hierbei eine sehr grosse Rolle.»

Sie erinnert daran, dass eine Schönheitsoperation ein chirurgischer Eingriff mit Risiken bleibt, auch, wenn sie nur aus ästhetischen Gründen erfolgt.
Chirurg Köhler listet die Risiken auf: «Nachblutungen und Blutergüsse, Wundheilungsstörungen (besonders bei Rauchern), Narben und in seltenen Fällen Verletzungen von Gesichtsnerven, die meist vorübergehend sind.»
Warum wollen plötzlich so viele gestrafft werden?
Fazit: Facelifts boomen und die Menschen wollen sich dafür immer jünger unters Messer legen – einige sogar vor 40.
Ein wichtiger Grund sind die sozialen Medien, vermutet Chirurg Christian Köhler. «Das Thema ist wegen Werbung und Social Media viel sichtbarer geworden.»

Doch die Eingriffe seien wohl auch beliebter, weil es neue, schonendere Techniken gibt. Zudem würden sich immer mehr Chirurginnen und Chirurgen auf das Gesicht spezialisieren.
Patientenschützer beraten immer mehr Personen wegen Schönheits-OP-Komplikationen
Die Auswirkungen dieser grösseren Sichtbarkeit spüren nicht nur die Kliniken, sondern auch die Schweizerische Patientenschutzorganisation SPO.
Geschäftsführerin Susanne Gedamke sagt zu Nau.ch: «Schönheitsoperationen und die damit verbundenen Probleme oder Komplikationen sind ein zunehmendes Thema in unserer Beratung.»
Konkrete Zahlen zu Beratungen wegen Facelifts hat sie nicht. Was sie jedoch sagen kann: «In unseren Beratungen geht es unter anderem um Komplikationen und unerwartete Behandlungsergebnisse.»
Oftmals kämen Patienten auch mit der Frage, ob sie genügend über die Risiken informiert wurden oder ob ein Behandlungsfehler vorliegt.
Schweizerin stirbt nach Facelift in Istanbul
Fälle mit besonders schweren unerwünschten Folgen eines Facelifts sind aus der Schweiz bislang keine bekannt. Für Schlagzeilen sorgte im September jedoch ein Todesfall in der Türkei.
Eine 51-jährige Waadtländerin unterzog sich in Istanbul einem Facelift – und verstarb wenige Tage später. Die Umstände sind noch immer unklar.

Auch nicht bekannt ist, ob die Frau wegen Komplikationen nach der Operation ums Leben kam. Ihre Familie ist jedoch überzeugt davon. Über den Fall berichtete «20 Minuten».
Dass Schönheitsoperationen im Ausland mit grösseren Risiken verbunden sein können, ist bekannt.
Im Februar warnte Schönheitschirurgin Kelly Vasileiadou bei Nau.ch: «Wir sehen regelmässig Patienten, die nach Schönheitsoperationen im Ausland mit Komplikationen zurückkehren und in der Schweiz medizinisch versorgt werden müssen.»
Darauf sollten Patienten achten
Wie kann man sich schützen?
«Gerade bei rein ästhetischen Eingriffen ist eine umfassende Aufklärung zentral», betont Patientenschützerin Susanne Gedamke. Darunter: Mögliche Komplikationen, Grenzen des Eingriffs, Alternativen und notwendige Nachbehandlung.
«Patientinnen und Patienten sollten zudem ausreichend Zeit haben, diese Informationen abzuwägen, ohne sofort unterschreiben zu müssen. Leider ist dies häufig nicht der Fall.»
Wer an einem Eingriff interessiert ist, sollte zudem unbedingt auf die Qualifikation der behandelnden Person achten. In der Schweiz sind Bezeichnungen wie «Schönheitschirurg» oder «ästhetischer Chirurg» keine geschützten Facharzttitel.
Laut Gedamke kommt es nach Eingriffen im Ausland vor, dass Klinik oder Operateur, Operateurin nicht mehr einfach erreichbar seien. «Auch eine frühzeitige Rückreise nach einer Operation kann zusätzliche medizinische Risiken mit sich bringen», warnt sie.

Zu den medizinischen Risiken kommen natürlich auch finanzielle Risiken hinzu, sagt die Patientenschützerin. «Ein rein ästhetischer Eingriff wird grundsätzlich selbst bezahlt. Vorher sollte deshalb geklärt sein, was im Preis enthalten ist.»
Ein Facelift kostet in der Schweiz je nach Technik um die 13’000 bis über 30’000 Franken. Ist man mit dem Resultat nicht zufrieden und möchte eine Nachjustierung, trägt man auch dafür die Kosten selbst.
Nur medizinisch notwendige Behandlungen von Komplikationen können in der Schweiz unter bestimmten Voraussetzungen von der obligatorischen Krankenversicherung übernommen werden.













