Hunderttausende nehmen nicht in Anspruch, was ihnen zusteht
Rund 200'000 Menschen im Rentenalter leben in der Schweiz in Armut. Ergänzungsleistungen und weitere Hilfsangebote können Betroffene finanziell entlasten.

Die nackten Zahlen zur Altersarmut in der Schweiz überraschen und erschrecken zugleich: Von den rund 1,7 Millionen Menschen im Rentenalter (BFS, Stand 2021) leben etwa 200'000 unter der Armutsgrenze, weitere 100'000 liegen nur knapp darüber. Besonders gefährdet sind Frauen, sagt Alexandra Fischer, Sozialarbeiterin HFS bei der Pro Senectute. Ihre Erwerbsbiografien haben oft Lücken, bedingt durch die Lebensrealität vergangener Jahrzehnte.
Das rächt sich im Alter häufig.
Anspruch, kein Almosen
Abhilfe schaffen können die Instrumente unter dem Dach der Sozialversicherungsanstalt (SVA), etwa die Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV und IV. Sie greifen dort, wo Renten und übriges Einkommen die minimalen Lebenskosten nicht decken. Wichtig dabei: Sie sind Bedarfs- und keine Fürsorgeleistungen wie die Sozialhilfe.
Auf sie besteht ein Rechtsanspruch. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllt, wer weniger Einnahmen als Ausgaben hat. Zudem muss das Vermögen unter 100'000 Franken liegen (bei Ehepaaren unter 200'000 Franken, pro Kind kommen 50'000 Franken dazu).
Angerechnet wird auch Vermögen, das ohne Gegenleistung verschenkt wurde. Doch zu den wirtschaftlichen Hürden gesellt sich allzu oft eine persönliche: Falscher Stolz oder Scham halten viele davon ab, finanzielle Hilfe anzunehmen. Alexandra Fischer kennt das.
«Sie haben mehr als genug gearbeitet und so manches Jahr Steuern gezahlt», sagt sie. Von diesen Steuern nun zu profitieren, sei kein Grund, sich zu schämen.

Wenn der Alltag Unterstützung braucht
Wer dauerhaft auf persönliche Hilfe angewiesen ist, kann zusätzlich zur Rente eine Hilflosenentschädigung (HE) der AHV beantragen. Gemeint sind Alltagsverrichtungen wie An- und Auskleiden, Aufstehen und Zubettgehen, Essen oder Körperpflege, die man nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigt. Die AHV unterscheidet drei Stufen: leichte, mittlere und schwere Hilflosigkeit.
Je höher der Hilfsbedarf, desto höher die monatliche Entschädigung. Diese ist unabhängig von Einkommen und Vermögen. Die leichte Stufe gibt es allerdings nur, wenn man zu Hause lebt.
Anspruch haben Personen mit Wohnsitz in der Schweiz, die eine Altersrente oder Ergänzungsleistungen beziehen. Wie die EL muss auch die HE aktiv beantragt werden.
Diskrete Beratung und Unterstützung
Was auf dem Papier übersichtlich aussieht, kann sich als «halbe Dok torarbeit» herausstellen, wie Alexandra Fischer schmunzelnd sagt. Sowohl bei den Ergänzungsleistungen als auch bei der Hilflosenentschädigung gilt es, zahlreiche Anforderungen zu erfüllen. Hier springt unter anderem die Pro Senectute ein.
Sie bietet Menschen im AHV-Alter eine kostenlose und absolut diskrete Sozialberatung, klärt ab, ob ein Anspruch besteht, und hilft beim Antrag bei der SVA Aargau. Die Beratungsstelle des Bezirks Zofingen befindet sich an der Vorderen Hauptgasse 21 in Zofingen und ist per E-Mail ([email protected]) oder Telefon (062 752 21 61) erreichbar. Eine unkomplizierte erste Einschätzung ermöglichen auch die EL-Rechner der Pro Senectute, die Zweigstelle Sozialversicherung der Wohngemeinde oder das Kundenzentrum der SVA Aargau am Bahnhofplatz 3C in Aarau (Telefon 062 836 81 81).
Weitere Hilfen für knappe Budgets
Neben den Ergänzungsleistungen gibt es niederschwellige Angebote für Menschen mit wenig Geld. Bei «Tischlein deck dich» erhalten Armutsbetroffene mit einem entsprechenden Ausweis regelmässig Lebensmittel, die im Handel nicht mehr verkauft werden können, gegen einen symbolischen Betrag. Eine Abgabestelle gibt es Oftringen und Oberentfelden.
Ähnlich funktioniert «Cartons du Cœur», das Lebensmittelpakete für Bedürftige zusammenstellt. «Spiis und Gwand» bietet zudem günstige Kleidung und Nahrungsmittel an. Und wer wenig Geld hat, muss nicht auf Kultur und Freizeit verzichten: Die KulturLegi der Caritas, die es auch im Kanton Aargau gibt, ermöglicht Ermässigungen auf Eintritte, Kurse und Sportangebote.
Der Zugang zu Kursen oder Sportangeboten von Pro Senectute ist sogar kostenlos. Apropos: Welche Angebote vor Ort bestehen und wie man sie nutzt, weiss auch die Pro Senectute. Ein Angebot liegt Alexandra Fischer besonders am Herzen: die ChostBar in Zofingen, in welchem sie im Vorstand Einsitz nimmt.
Das Projekt gegen Lebensmittelverschwendung sammelt in Geschäften und bei Privatpersonen Lebensmittel ein, die nicht mehr verkauft oder rechtzeitig konsumiert werden können und gibt sie kostenlos ab.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.






