Hirten-Notstand bedroht Schweizer Alp-Sommer!
Das Schweizer Kulturgut ist in Gefahr: Auf den Alpen fehlen Dutzende Arbeitskräfte. Der Personalmangel spitzt sich zu. Expertinnen erklären, woran das liegt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Alpwirtschaft kämpft bereits seit Längerem mit Personalmangel.
- Dieses Jahr ist der Mangel in den Schweizer Bergen besonders akut.
- Die schwierige Vereinbarkeit ist die grösste Herausforderung. Aber nicht nur das.
Ist der Alpsommer in der Schweiz in Gefahr?
Die Alpwirtschaft ächzt unter akutem Personalmangel: Auf dem Stellenportal von Zalp sind derzeit noch über 100 Alpstellen unbesetzt, berichtete kürzlich die «Bauernzeitung».
Damit seien wohl noch zu viele Stellen frei, um alle rechtzeitig besetzen zu können. Insbesondere kritisch wird es bei Alpsennen – also Hirten, die unter anderem auch Alpkäse herstellen.
Selina Droz, Geschäftsführerin des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands (SAV), bestätigt gegenüber Nau.ch: «Dieses Jahr scheint es effektiv schwierig zu sein, viele Alpen suchen noch Alppersonal.»
Personalmangel auf Schweizer Alpen ist «Dauerbrenner»
Allerdings sei die Situation bereits seit Längerem angespannt. «Der Mangel an geeignetem Alppersonal ist ein Dauerbrenner», sagt sie.
«Einerseits macht den Alpen der allgemeine Fachkräftemangel zu schaffen. Andererseits weist der Alpberuf noch zusätzliche Schwierigkeiten bezüglich Vereinbarkeit auf», so Droz.
Und: «Der Arbeitsalltag auf der Alp ist zwar unvergesslich und sehr schön, aber auch sehr anstrengend: Lange Arbeitstage, zum Teil arbeiten draussen bei schlechtem Wetter, wenig Komfort und nie Ferien.»
«Man geht nicht wegen des Lohnes auf die Alp»
Diese Situation erforscht Agrarsoziologin Sandra Contzen von der Berner Fachhochschule. «Die grösste Herausforderung ist die Saisonalität des Jobs», erklärt sie.
«Ab Mai muss man auf Abruf stehen und je nach Wetter bis Oktober arbeiten. Für den Rest des Jahres braucht man einen anderen Job.»

«Den Saisonjob mit einem anderen Beruf zu verbinden, ist schwierig. Das erfordert auch die Bereitschaft der Arbeitgebenden», ergänzt Contzen.
Sie schlägt konkrete Massnahmen vor: «Arbeitszeugnisse sollten Kompetenzen ausweisen, die auch im sonstigen Berufsalltag relevant sind. Auf der Alp lernt man Verantwortung zu übernehmen – das ist sehr wertvoll.»
Diese Jobs gibt es auf der Alp
Alpsenn/Käser:
Um als Käserin oder Käser auf einer Alp arbeiten zu können, sind gewisse Vorkenntnisse erforderlich. Entweder verfügt man über eine Käserausbildung oder hat zumindest einen der Alpkäserkurse absolviert, die von verschiedenen Landwirtschaftsschulen angeboten werden und zwischen ein und drei Wochen dauern.Melker/Hirte mit Hauptverantwortung:
Für diese Funktion werden landwirtschaftliche Grundkenntnisse vorausgesetzt, wie sie beispielsweise in einer landwirtschaftlichen Lehre vermittelt werden, oder mehrjährige Erfahrung auf der Alp.Zusenn/Alphilfe:
Hier sind alle willkommen, die Freude an der Natur und an Tieren haben sowie körperlich fit sind.Weitere Anforderungen:
Zudem sind Fähigkeiten wie Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit gefragt.Quelle: Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband
Zum Lohn sagt sie klar: «Man geht nicht wegen des Lohns auf die Alp. Man arbeitet sehr hart für relativ wenig Geld.»
Richtlöhne gibt es zum Beispiel im Kanton Graubünden: Als Sennin oder Senne verdient man ohne landwirtschaftliche Ausbildung 180.40 Franken pro Tag. Mit einer landwirtschaftlichen Ausbildung sind es 197.70 Franken pro Tag.

Gleichzeitig beobachtet sie: «Es gibt kaum Lohnerhöhungen, gemäss Richtlinien erst nach sechs Jahren auf derselben Alp. Die meisten wechseln aber vorher, um neue Regionen oder Aufgaben kennenzulernen.»
Arbeitgeber sollen mehr Verständnis zeigen
Die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben sei entscheidend, besonders für Familien: «Kommen Kinder auf die Welt, wird es schwierig. Mit schulpflichtigen Kindern erst recht.»
Denn: «Nicht alle Kantone erlauben Homeschooling oder Alpschooling. Hier braucht es mehr Flexibilität und kreative Lösungen.»
Der zwischenmenschliche Umgang spielt eine zentrale Rolle: «Fehlende Wertschätzung ist einer der häufigsten Gründe, warum Mitarbeitende nicht mehr z’Alp gehen. Der Umgang mit Angestellten ist entscheidend», betont Contzen.
Um dies zu verbessern, seien Weiterbildungen für Alpverantwortliche notwendig.
Marokkaner wollen auf die Alp – dürfen aber nicht
Bereits heute ist die Schweizer Alpwirtschaft auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen, etwa aus dem Südtirol. Viele Anfragen kommen auch aus Marokko – doch die Bewerberinnen und Bewerber erhalten hier keine Arbeitsbewilligung.
Müssten die Visabestimmungen gelockert werden, um Entlastung zu schaffen?
Sandra Contzen wiegelt ab: «In der Alpwirtschaft sind die Anforderungen höher als zum Beispiel im Gemüsebau. Ein grosser Teil der Beschäftigten hat einen landwirtschaftlichen Hintergrund oder hat Alpkurse besucht.»
Besonders die Position der Sennen – inklusive Milchverarbeitung und Käseproduktion – sei anspruchsvoll. «Das kann man sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln.»
Dazu komme: «Die Alpwirtschaft ist ein Kulturgut. Für Auswärtige kann es deshalb schwierig sein, akzeptiert zu werden und die Kultur mitzuprägen.»
Seit dem Mittelalter gehen Schweizer Tierhalter aus Berg und Tal z'Alp. Die Schweizer Alpsaison wurde im Dezember 2023 von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt.











