Gute Zahlen, Aktie im Keller - ein neues Muster an der Börse?
Nestlé schneidet im Rahmen der Erwartungen ab, die Aktie taucht um 7 Prozent; Givaudan liefert überzeugende Zahlen, die Aktie gibt um fast 6 Prozent nach; Kühne+Nagel überrascht mit einem Glanzresultat, die Aktie tendiert seitwärts. Was ist los am Schweizer Aktienmarkt? Anlageexperten suchen nach Erklärungen.

Die These steht im Raum: Wer positiv überrascht, kann an der Börse derzeit nur mit einer Seitwärtsbewegung rechnen, wer solide abschneidet und im Rahmen der Erwartungen bleibt, wird brutal abgestraft. Kühne+Nagel, Givaudan und Nestlé scheinen am heutigen Donnerstag diese These zu bestätigen.
Laut Raiffeisen-Schweiz-CIO Matthias Geissbühler hat sie tatsächlich einiges für sich. «Dieses Phänomen beobachten wir bereits während der gesamten laufenden Berichtssaison», meint er. «Solide oder sogar leicht über den Erwartungen liegende Gewinnzahlen verleihen den Aktienkursen keinen zusätzlichen Rückenwind.»
Auch für Postfinance-CIO Philipp Merkt ist die These nicht völlig abwegig: «Die Messlatte liegt derzeit sehr hoch», erklärt er sich die Kursreaktionen. «Nach der starken Börsenentwicklung der vergangenen Monate sind viele positive Erwartungen bereits in den Kursen eingepreist und dementsprechend hoch bewertet.» Dies mache Gewinnmitnahmen wahrscheinlicher.
Nestlé sei ein gutes Beispiel dafür. «Operativ fielen die Zahlen durchaus solide aus: Das Mengenwachstum hat sich weiter verbessert, der Ausblick wurde bestätigt und mit der Auslagerung des Wassergeschäfts wurde ein weiterer strategischer Schritt kommuniziert», so Merkt.
Viele Investoren hätten aber nach der starken Kursentwicklung im Vorfeld auf noch mehr gehofft, beispielsweise auf eine Anhebung der Jahresziele. «Dass diese ausblieb, dürfte zu Gewinnmitnahmen beigetragen haben.»
Das spreche dafür, dass sich die Märkte insgesamt in einer «anspruchsvollen Bewertungsphase» befänden, so Merkt. «Die Investoren verlangen zunehmend positive Überraschungen; gute Resultate allein reichen vielerorts nicht mehr aus.»
Doch es gibt auch Gegenstimmen. «Generell überhöhte Gewinnerwartungen sehen wir nicht», sagt ZKB-Chefanalyst Bernd Laux. Es gebe kein eindeutiges Muster, dass die Konsens-Gewinnschätzungen überhöht seien und einer Anpassung nach unten bedürfen.
Er erklärt sich die auffälligen Kursreaktionen mit einer erhöhten Nervosität vieler Investoren. Zudem gebe es eine saisonale Tendenz, Gewinne des ersten Semesters glattzustellen und nach den Sommerferien weiterzusehen.
Und er fügt an: «Vor dem Hintergrund der Unsicherheiten aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen insbesondere in Nahost, aber auch in der Ukraine, der wieder angestiegenen Öl- und Energiepreise sowie deren Auswirkungen auf die Inflationserwartungen kann man den Marktteilnehmern nicht übelnehmen, erst einmal vermehrte Sicherheit zu suchen.»










