Gleisschubser: Wie sicher sind Pendler auf Perrons?
Ein Mann schubste kürzlich in Grenchen SO einen Senioren vor den Zug. Der Senior wurde schwer verletzt. Solche Vorfälle beunruhigen Pendlerinnen und Pendler.

Das Wichtigste in Kürze
- Am Sonntag stösst ein Mann einen Rentner am Bahnhof Grenchen Nord vor einen Zug.
- Das ist kein Einzelfall.
- Der SBB bereiten «tendenziell gröber werdende Vorfälle» Sorgen.
Beim Warten auf dem Perron denkt sich wohl kaum ein Pendler Böses. Ein Vorfall vom Sonntag zeigt aber, dass der Schein trügen kann.
Kurz vor 15 Uhr steht ein Rentner beim Perron 1 am Solothurner Bahnhof Grenchen Nord. Dann der Schock: Plötzlich stösst ihn ein Unbekannter auf die Gleise.
Der einfahrende Zug der BLS kann nicht mehr rechtzeitig anhalten und erfasst den Mann. Mit schweren Beinverletzungen wird er in ein Spital geflogen.
Bisherigen Erkenntnissen der Polizei zufolge hat der mutmassliche Täter den Pendler zuvor nach Geld gefragt. Auch soll er weitere Personen im Bereich des Bahnhofs angesprochen haben.
Passant rettet Buben
Das ist kein Einzelfall.
2021 schubst ein 27-jähriger Eritreer im Zürcher Hauptbahnhof eine ihm unbekannte 40-jährige Frau vor einen einfahrenden Zug.
Dank seiner schnellen Reaktion und der eingeleiteten Notbremsung kann der Lokführer verhindern, dass die Frau überrollt wird.
Auch Kinder sind vor solchen Tätern nicht gefeit. 2023 versucht ein 42-Jähriger am Zürcher Bahnhof Hardbrücke, einen 10-jährigen Knaben auf ein Gleis zu stossen. Der Bub hat Glück: Ein Passant kann ihn auffangen, bevor der Zug einfährt.
Mann reisst Frau in Tod
In Deutschland ist die Situation noch dramatischer. Die Bundespolizei registriert 2021 fast 50 Fälle von Gleisschubsern.
Besonders tragisch endet ein solcher Fall 2019 am Hauptbahnhof in Frankfurt: Ein in der Schweiz wohnhafter Eritreer schubst einen achtjährigen Buben und dessen Mutter vor den heranrollenden ICE. Die Mutter kann sich retten, der Bub stirbt.
Auch dieses Jahr endet eine solche Attacke tödlich. Ende Januar packt ein Mann in einer Hamburger U-Bahnstation eine Pendlerin und springt vor eine einfahrende U-Bahn. Die 18-jährige Frau und der 25-jährige Mann sterben.
Pendler verunsichert
Nach dem Vorfall in Grenchen reagieren User entsetzt und besorgt. «Wie sicher ist die Schweiz?», fragt eine Userin auf Facebook. «Müssen wir uns langsam Gedanken machen, ob wir noch rumlaufen dürfen, ohne Angst zu haben?»
Eine Userin verrät: «Ich meide den Bahnhof in meiner Stadt allgemein, abends gehe ich nicht mehr alleine raus.» Ein User stimmt zu: «Bahnhöfe sind längst schon keine sicheren Orte mehr.»
Andere User halten mehr Sicherheitsvorkehrungen für nötig. «Bahnsteigtüren hätten das verhindert …», ist ein Kommentierender überzeugt.
Ein weiterer fordert «schwer bewaffnete Polizei oder mobilisierte Armeeangehörige an Bahnhöfen und anderen Hot-Spots».
«Sind sehr bestürzt»
Der Gleisschubser-Fall vom Sonntag passierte auf einem Bahnhof der BLS.
«Wir sind sehr bestürzt über den Vorfall in Grenchen Nord», sagt Tamara Traxler, Mediensprecherin der BLS AG, zu Nau.ch.
Ihre Gedanken seien beim Betroffenen und seiner Familie. «Auch für unseren Lokführer war es ein sehr bewegendes Ereignis.»
Wie sicher sind Pendlerinnen und Pendler auf Perrons vor Gleisschubsern?
Ihr Personal sei regelmässig in Zügen und auch an Bahnhöfen unterwegs, sagt die BLS-Mediensprecherin. «Wenn uns vor Ort negatives Verhalten auffällt, versuchen unsere Leute, zu deeskalieren.»
«Vorfälle werden tendenziell gröber»
Die SBB schliesst sich dem Vorgehen der BLS an. «Für die SBB steht die Sicherheit der Kundinnen und Kunden an erster Stelle», sagt Mediensprecher Moritz Weisskopf. Sie sollten sich in Bahnhöfen und Zügen sicher und wohlfühlen.
Bahnhöfe seien sichere Orte, sagt Weisskopf. Regelmässige Umfragen der SBB mit stabilen Resultaten unterstrichen dies.
Die Gewaltdelikte pro Million Reisende seien in den vergangenen Jahren stabil geblieben und vergleichsweise niedrig.
Dennoch kann es laut Weisskopf zu Vorfällen kommen. Jeder Vorfall sei einer zu viel, sagt der Mediensprecher – und ergänzt: «Vorfälle werden auch tendenziell gröber. Das macht uns Sorgen.»
Die SBB setzte deshalb auf Präsenz und Prävention. Dafür sorgten die Transportpolizei, der Sicherheitsdienst Transsicura, Bodycams, die Kooperation mit Kantons- und Stadtpolizeien oder Sensibilisierungskampagnen.
«Auffälligkeiten an einzelnen Bahnhöfen werden mit ortsspezifischen Massnahmen und gut abgestimmter Polizeipräsenz angegangen.»
Verhaltenstipps fürs Perron
Die Attacken auf den Perrons beschäftigen auch Eric Gold. Der deutsche Kickbox-Weltmeister und Mindset-Coach hat auf Instagram kürzlich Tipps für das Verhalten an Bahngleisen gepostet.
Er rät, das Handy wegzulegen und die Umgebung wahrzunehmen. Auch solle man die Umgebung nach Personen scannen, die sich auffällig verhielten.
Niemals sollten Pendler mit dem Rücken, zu nah oder zu frontal zu den Gleisen stehen. «Bleib mindestens zwei Meter weg vom Gleis und halte Sichtkontakt zu deiner Umgebung», rät Gold.















