Geschlechtswechsel soll wieder schwierig werden – Unmut

    Bettina Zanni
    Bettina Zanni

    Bern,

    Ein neuer Vorstoss will mit strengeren Regeln für Geschlechtsänderungen Missbrauch verhindern. Transpersonen wehren sich dagegen und fordern Einzelkabinen.

    Geschlechtseintrag
    SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel ist der Meinung, dass es heute zu einfach ist, das Geschlecht zu ändern. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Seit vier Jahren können Personen ihr Geschlecht unbürokratisch ändern lassen.
    • Eine SVP-Nationalrätin will das Gesetz nach einem Vorfall in einem Freibad rückgängig machen.
    • «Zynisch», findet ein Vertreter des Transgender Networks Switzerland das Vorhaben.

    Mit Beginn der Hormontherapie fasst der Zürcher den Entschluss, sich auch amtlich von seinem männlichen Geschlecht zu verabschieden. Auf dem Zivilstandsamt seiner Wohngemeinde meldete er sich zum Termin für die Änderung des Geschlechtseintrags an. Geschminkt und in femininer Kleidung geht er eine Woche später auf die Gemeinde.

    «Die Zivilstandsbeamtin empfing mich im Trauzimmer», sagt die heutige Transfrau zu Nau.ch. «Dort fragte sie, ob ich sicher sei, worauf ich mich einlasse.»

    Sie habe die Frage mit Ja beantwortet und die Sache sei erledigt gewesen. «Vor Ort bezahlte ich 75 Franken für den neuen Geschlechtseintrag.»

    Menschen mit Transidentität oder einer Variante der Geschlechtsentwicklung können ihr Geschlecht und ihren Vornamen im Personenstandsregister rasch und unbürokratisch ändern. Möglich ist dies seit 2022, nachdem das Parlament eine entsprechende Gesetzesänderung verabschiedete.

    Jährlich registrieren die Behörden seither rund 600 Änderungen des Geschlechtseintrags. Nun soll dieses Gesetz aber wieder gekippt werden.

    «Fühlen sich verunsichert und bedroht»

    SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel reicht demnächst einen Vorstoss ein, der den «Personenstands-Eintrag für 75 Franken» rückgängig machen will. «Es ist heute zu einfach, seinen Geschlechtseintrag anzupassen», sagt Fehr Düsel zu Nau.ch. «Das Missbrauchspotenzial ist deshalb gross.»

    Ein Paradebeispiel dafür bietet für sie der Fall im Berner Marzilibad, der im Juni für Schlagzeilen sorgte.

    Fühlst du dich wohl in deinem Geschlecht?

    Eine Transfrau besuchte den dortigen FKK-Bereich für Frauen. Einige Badegäste fühlten sich durch ihre Anwesenheit jedoch gestört. Grund dafür war, dass die Transfrau männliche Geschlechtsmerkmale aufwies. Laut der Kantonspolizei Bern wollte sich die Person nicht ausweisen.

    «Viele Frauen und Kinder fühlen sich verunsichert und bedroht», schreibt die SVP-Nationalrätin im Vorstoss, welcher der Redaktion vorliegt. «Wenn plötzlich Personen, die als Frau ‹gelesen› werden, aber eigentlich Männer sind, die Bereiche betreten.» Letztere seien explizit als Rückzugsort für Frauen gedacht.

    Änderung war früher teurer

    Die Juristin Nina Fehr-Düsel fordert in ihrem Vorstoss, dass Frauenrechte wieder konsequent geschützt werden. Es dürfe nicht so weit kommen, dass sich Männer als Frauen ausgäben, sagt sie. «Um zum Beispiel in Damengarderoben und -Toiletten Frauen zu belästigen.»

    Weiteres Missbrauchspotenzial des Geschlechtseintrags sieht sie im Militär und Sport. «So kann ein Mann die Rekrutierung einfach umgehen oder für erfolgreichere Resultate in der Frauenkategorie antreten.»

    Geht es nach der Nationalrätin, soll wieder die alte Rechtslage eingeführt werden. Vor 2022 mussten Personen, die ihren Geschlechtseintrag anpassen lassen wollten, ein Gesuch beim Zivilgericht einreichen. Auch brauchten sie die Bestätigung einer psychologischen oder psychiatrischen Fachperson. Zudem kostete die Änderung mehrere hundert Franken.

    «Dann ist die Änderung auch überlegter», so Fehr Düsel.

    «Sommerloch mit transfeindlicher Panikmache»

    Beim Transgender Network Switzerland (TGNS) kommt der Vorstoss schlecht an.

    «Das aktuelle Gesetz funktioniert und es funktioniert gut», sagt Jann Kraus. Er ist Vorstandsmitglied des TGNS. Er macht auf das Mindestalter von 16 Jahren für die Änderung des Geschlechtseintrags aufmerksam. «Mit der expliziten Altersgrenze für eine alleinige Entscheidung handelt es sich sogar um eine Verschärfung im Vergleich zu vorher.»

    Der Fall aus dem Marzilibad ist für ihn kein Grund, das aktuelle Gesetz zu überdenken. «Mittlerweile ist es salonfähig geworden, das Sommerloch mit transfeindlicher Panikmache zu füllen», sagt Kraus. «Dies ändert nichts an der Sachlage und den Fakten.»

    Ein paar wenige «cis Männer» hätten in den vergangenen Jahren damit öffentlich angegeben, das Gesetz für ihre Zwecke zu missbrauchen. «Und haben schnell gemerkt, dass Täuschung und Betrug ohnehin strafbar und für sie insgesamt nicht tragbar sind.» «Cis Männer» sind Personen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden und sich selbst als Männer identifizieren.

    Einzelkabinen in Umkleiden seien eine Lösung

    Hürden bei der Anpassung des Geschlechtseintrags zu schaffen, ist für Jann Kraus nicht die Lösung gegen Belästigung in Garderoben. «Wer wirkliche Lösungen schaffen will, setzt sich ein für das flächendeckende Vorhandensein von Einzelkabinen in Umkleiden», sagt er.

    Zudem seien Nacktbereiche für eine Vielzahl von Menschen aus unterschiedlichen Gründen sehr heikle Orte. Auch seien Transpersonen häufig Opfer von Gewalt. «Deshalb meiden sie generell Orte, an denen sie sich wenig oder unbekleidet zeigen müssten.»

    Braucht es höhere Hürden, um den Geschlechtseintrag zu ändern?

    Selbst der erleichterte Prozess der Personenstandsänderung ist für Transpersonen laut Kraus mit viel Stress und Sorge um Diskriminierung verbunden. «Diese Entscheidung ist wichtig für die Betroffenen und das Coming-out vor den Behörden verursacht viel Stress.» Dies erlebten sie bei den Betroffenen Tag für Tag.

    Auch aus sportlicher Sicht unterstützt das TGNS den Vorstoss nicht. Viele Transpersonen müssten sich damit abfinden, aus allen Sportarten und Kategorien ausgeschlossen zu werden – selbst vom Dartspielen, sagt Kraus. «Es ist daher sehr zynisch, nur darüber zu reden, wie einige cis Männer dieses kleine Zugeständnis missbrauchen könnten.»

    Kommentare

    User #5506 (nicht angemeldet)

    Wieso müssen die Befindlichkeiten von maximal 3,2,1 oder weniger Prozent der Bevölkerung, über alles und allem anderen gestellt werden? Und wieso hat sich die Mehrheit all diesen Befindlichkeiten und Forderungen unterzuordnen? Ich frage für einen Freund!

    User #2954 (nicht angemeldet)

    Ich finda das ganze wiederlich! Meine persönliche Meinung!

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