Gefährliche Dosierungen! Zürich testet mehr Drogen
Noch nie wurden in Zürich so viele Drogenproben getestet wie 2025. Joël Bellmont, Co-Leiter Drogeninformationszentrum, spricht über hohe Reinheitsgrade und gefährliche Dosierungen.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Zürcher Drogeninformationszentrum (DIZ) hat 2025 so viele Proben getestet wie noch nie.
- Dabei waren hohe Reinheitsgrade sowie Dosierungen besonders auffällig.
- Der Co-Leiter des DIZ erklärt im Interview unter anderem, welche neuen Risiken ihm am meisten Sorge bereiten.
2025 verzeichnete das Drogeninformationszentrum Zürich (DIZ) eine Rekordnachfrage mit 4685 getesteten Proben – 663 mehr als im Vorjahr. Am häufigsten wurden Kokain, MDMA, Cannabis und Amphetamin getestet. Auch Ketamin und Cathinone gewinnen an Bedeutung.
Besonders auffällig waren die hohen Reinheitsgrade und Dosierungen: Kokain erreichte mit durchschnittlich 87,3 Prozent den höchsten je gemessenen Reinheitsgrad. Bei MDMA-Pillen waren über 90 Prozent der Proben zu hoch dosiert.
Auch fast die Hälfte der Amphetaminproben war hoch bis sehr hoch dosiert. Die Mehrheit der Ratsuchenden war männlich, das Durchschnittsalter lag bei 35 Jahren. Die jüngste DIZ-Besucherin war 14, die älteste 80 Jahre alt.
Redaktion: 25 Jahre Drug Checking: Welche Erfolge konnten erzielt werden und wo stösst das Angebot bis heute an seine Grenzen?
Joël Bellmont: Das Stadtzürcher Drug Checking startete 2001 mit mobilen Einsätzen an Partys. 2006 kam das stationäre Angebot hinzu.
Seither wurde es kontinuierlich erweitert: um Cannabis-Drug-Checking (2020), einen zusätzlichen Standort an der Langstrasse (2023) und das Anabolika-Drug-Checking (2025).
Damit konnten wir neue Zielgruppen erreichen und auf veränderte Konsummuster reagieren. Seit letztem Jahr testen wir zudem Substanzen in der K&A Kaserne, einem der städtischen Drogenkonsumräume, um Veränderungen auf dem Heroinmarkt frühzeitig zu erkennen.

Aktuell bestehen beim Anabolika-Drug-Checking Kapazitätsengpässe, die übrigen Angebote sind gut ausgelastet.
Redaktion: Die Nachfrage nach Drug Checking ist so hoch wie nie. Welche Entwicklungen bei Substanzen, Reinheit und Dosierung beobachten Sie besonders?
Bellmont: Der Substanzmarkt ist dynamischer und für Konsumierende riskanter geworden. Besonders die sogenannten neuen psychoaktiven Substanzen (NPS), etwa synthetische Cannabinoide, Opioide und Cathinone, bergen Risiken.
Dabei handelt es sich um synthetisch im Labor hergestellte Substanzen, die die Wirkung «klassischer» Drogen imitieren, aber einfacher und günstiger sind in der Herstellung. Gefährlich ist, dass sie als Substanzen unerforscht sind und entsprechend unberechenbare Risiken bergen. Zudem haben sich Ketamin und synthetische Cathinone als eigenständige Substanzgruppen auf dem Markt etabliert.
Redaktion: Welche neuen Risiken bereiten Ihnen am meisten Sorgen?
Bellmont: Besonders Sorgen bereiten uns synthetische Opioide wie Fentanyl. Sie können bis zu hundertmal stärker wirken als Heroin und haben im Ausland bereits zu zahlreichen Todesfällen durch Überdosierungen geführt.
Auch in der Schweiz und in Zürich ist ihr Auftreten im nicht-medizinischen Kontext möglich bis wahrscheinlich. Die Stadt Zürich hat deshalb bereits vor drei Jahren einen entsprechenden Massnahmenplan erarbeitet.
Ein weiteres Risiko sind verunreinigte MDMA-Pillen, die wir dieses Jahr wieder vermehrt getestet haben. Für dieses Phänomen gibt es bislang keine Erklärung.
Redaktion: Zürich gilt als Kokain-Hochburg. Welche Veränderungen braucht es, um Konsumierende noch besser zu schützen?
Bellmont: Angesichts des hohen Kokainkonsums in ganz Europa braucht es auch in Zürich gut etablierte und von den Konsumierenden akzeptierte Angebote zur Schadensminderung. Diese müssen erhalten und bei Bedarf weiterentwickelt werden, damit Risiken frühzeitig erkannt und Konsumierende erreicht werden können.
Redaktion: Wie lässt sich der Erfolg von Drug Checking messen?
Bellmont: Die steigende Nachfrage zeigt, dass Konsumierende Risiken bewusst wahrnehmen und gezielt wertfreie Informationen suchen, um ihr Konsumverhalten und ihre persönlichen Risiken besser einzuschätzen.
Wer aufgrund einer Analyse auf den Konsum einer besonders riskanten Substanz verzichtet, kann damit im Extremfall sein Leben retten.
Redaktion: Diaphin ist pharmazeutisch hergestelltes Heroin und wird in der Schweiz zur heroingestützten Behandlung von Abhängigen eingesetzt. Zunehmend taucht es auf dem Schwarzmarkt auf. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Bellmont: Zur aktuellen politischen Anfrage kann sich die Verwaltung nicht äussern.
Grundsätzlich gilt: Bei auf dem Schwarzmarkt erworbenen Präparaten ist häufig unklar, ob es sich um Originalprodukte handelt und ob Wirkstoffgehalt und Dosierung der Deklaration entsprechen. Das birgt zusätzliche Risiken beim Konsum.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.












