Stadt Zürich

    Gefahr für Grundwasser? Kritiker warnen vor Limmat-Revitalisierung

    Ginger Hebel
    Ginger Hebel

    Zürich,

    Die kanalisierte Limmat soll im Grossraum Zürich wieder mehr Raum erhalten. Kritiker warnen jedoch vor den Folgen für Grundwasser und Untergrund.

    Die Limmat im Grossraum Zürich wird sich durch Bauprojekte grundlegend verändern.
    Die Limmat im Grossraum Zürich wird sich durch Bauprojekte grundlegend verändern. - Ginger Hebel

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Limmat wird sich im Grossraum Zürich durch Revitalisierungsprojekte verändern.
    • Dadurch soll der Fluss wieder natürlicher werden und mehr Raum erhalten.
    • Es gibt jedoch Kritik und Sorgen wegen möglichen Folgen für Grundwasser und Untergrund.

    An der Zürcher Stadtgrenze zwischen Unter- und Oberengstringen und Schlieren soll die heute stark verbaute Limmat wieder natürlicher werden und mehr Raum erhalten.

    Auf einem rund 3,2 Kilometer langen Abschnitt ist das bisher grösste Revitalisierungsprojekt des Kantons Zürich im städtischen Raum geplant. Die Kosten werden auf rund 95 Millionen Franken geschätzt. Der Baustart ist für Mitte 2029 vorgesehen.

    Die Revitalisierung ist Teil einer kantonalen Strategie zur ökologischen Aufwertung der Zürcher Fliessgewässer. In den kommenden 25 Jahren sollen weitere Abschnitte an Sihl, Limmat und Glatt ökologisch aufgewertet werden.

    Hier setzt die Kritik einer Arbeitsgruppe aus der Stadt Zürich an. Zu ihr zählen der Architekt und Ingenieur Norbert C. Novotny sowie Chemiker, Planer und ehemalige ETH-Professoren.

    Sie fordern, bei der Planung nicht nur den sichtbaren Flussraum zu berücksichtigen, sondern auch das Grundwasser und die Veränderungen im Untergrund stärker einzubeziehen.

    Nach Einschätzung von Novotny, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen Stadtentwicklung, Baugrund, Grundwasser und Infrastruktur befasst, stehen Limmat und Grundwasser in einem engen Austausch.

    Experten wie Norbert C. Novotny sehen das kritisch.
    Experten wie Norbert C. Novotny sehen die Veränderung an der Limmat kritisch. - PD

    Gleichzeitig werde der Untergrund entlang von Limmat und Sihl zunehmend durch Tiefgaragen, Untergeschosse und tief reichende Fundamente beansprucht. Solche Bauwerke könnten den natürlichen Grundwasserstrom behindern und die Druckverhältnisse im Untergrund verändern.

    Novotny warnt vor möglichen Folgen: «Es können unterirdische Stauseen entstehen, die ein starkes Absinken von ganzen Grundstücken verursachen, oder starken Auftrieb bestehender Gebäude.» Auch für die Wasserqualität sieht er Risiken.

    Grundwasser und Oberflächengewässer stünden miteinander in Verbindung. Dadurch könnten sich chemische oder thermische Belastungen langfristig auch auf die Flüsse und den Zürichsee auswirken.

    Welche Dimension solche Eingriffe erreichen können, zeigt Novotny anhand mehrerer Zürcher Hochhäuser. Das 1955 errichtete Cityhaus an der Sihlporte ist eines der ersten Zürcher Hochhäuser gewesen, bei dem trotz des hohen Grundwasserspiegels eine rund 25 Meter lange Pfahlfundierung im Grundwasserbereich erstellt wurde.

    Soll die Limmat mehr natürlichen Raum erhalten?

    Beim Hochhaus an der Schanzenbrücke sei wegen des hohen Grundwassers eine aufwendige Platten-Pfahlfundation sowie eine Abdichtung mit einer sogenannten «Weissen Wanne» notwendig gewesen. Das Gebäude wurde zu einem späteren Zeitpunkt wegen einer Undichtigkeit zum Schanzengraben saniert und erneut abgedichtet.

    Auch der Prime Tower verfügt über rund 45 Meter lange Bohrpfähle im Grundwasserbereich. Diese Beispiele zeigen, wie tief die Stadtentwicklung in das unterirdische Wasser- und Bodensystem eingreifen kann.

    Sorge vor Schadstoffen

    Neben den möglichen Auswirkungen auf den Grundwasserstrom sieht die Arbeitsgruppe auch Risiken durch Schadstoffe. «Durch starke Strömungsgeschwindigkeit des Grundwassers und hohen Druck infolge von Stauungen ist eine Auswaschung von Schadstoffen während des Bauens wahrscheinlich», sagt Novotny.

    Bei Abbruch- und Bauarbeiten könnten unter anderem chlorierte Kohlenwasserstoffe sowie belastetes Baustellenwasser in das Grundwasser gelangen. Die Arbeitsgruppe verweist auf das AWEL-Screening aus dem Jahr 2021. Dieses habe auf chemische Belastungen des Grundwassers hingewiesen.

    Novotny kritisiert, dass diese Problematik bei der weiteren Stadtentwicklung nicht ausreichend berücksichtigt werde. Auf Anfrage stellt das AWEL klar, dass das Grundwasser-Screening von 2021 dem Projektteam «Lebendige Limmat» bekannt gewesen sei, aber keinen relevanten Einfluss auf die Planung gehabt habe.

    Limmat
    Die Limmat in Zürich. - keystone

    In den Trinkwasserfassungen des Limmattals, die durch versickerndes Limmatwasser gespeist werden, sei die Belastung mit Pflanzenschutzmitteln und deren Abbauprodukten vergleichsweise niedrig. Weitere organische Rückstände, beispielsweise aus Arzneimitteln oder künstlichen Süssstoffen, seien teilweise in geringen Konzentrationen nachweisbar.

    AWEL betont, dass die Wasserqualität während der Bauarbeiten zur «Lebendigen Limmat» regelmässig untersucht werde. Baustellenwasser werde kontrolliert gesammelt und abgeleitet. Zudem kommen Maschinen mit biologisch abbaubarem Hydrauliköl zum Einsatz.

    «Mit diesen Massnahmen kann die Gefahr einer Verschmutzung der Limmat und des Grundwassers weitgehend ausgeschlossen werden», schreibt AWEL. Die geplante Verbreiterung des Flussbetts im Gebiet Betschenrohr in Schlieren verändert hingegen die Grundwasserverhältnisse in Ufernähe.

    Deshalb werde entlang des linken Ufers eine Drainage gebaut. So steige das Grundwasser bei Hochwasser der Limmat auf den angrenzenden Feldern und im Baugebiet künftig nicht höher als bisher.

    Für die Arbeitsgruppe stellt sich aber eine grundlegende Frage: Nicht nur, wie viel Raum der Limmat zurückgegeben werden kann, sondern auch, wie Eingriffe in den Untergrund langfristig mit dem Schutz des Grundwassers vereinbar sind.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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    Kommentare

    User #3361 (nicht angemeldet)

    Schon krank und paradox: Zuerst begradigt man Bäche/Flüsse und tunnelt sie ein, um Ueberschwemmungen zu verhindern und nun genau das Gegenteil! Aber eben: beide Male verdienen sich wieder diverse Leute eine goldene Nase damit!

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