Frankreich verbietet Pestizid – und die Schweiz?

Dina Müller
Dina Müller

Bern,

Frankreich verbietet nach einer landesweiten Debatte weiterhin das Pestizid Acetamiprid. Auch in der Schweiz ist der Wirkstoff umstritten.

Zuckerrüben Ernte
Frankreich will weiterhin den Einsatz des Pestizids Acetamiprid verbieten, das häufig beim Zuckerrübenanbau verwendet wird. Sollte die Schweiz dem Beispiel folgen? (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach einem grossen Aufschrei hat Frankreich die Wiedereinführung von Acetamiprid gestoppt.
  • In der Schweiz ist das Pestizid nach wie vor erlaubt.
  • Greenpeace Schweiz und Grünen-Nationalrat Baumann kritisieren die Richtlinien.
  • Der Bauernverband und SVP-Nationalrat Kolly sehen wenig Bedarf für Anpassungen.

Ohne wäre die Landwirtschaft aufgeschmissen, mit kommen die Umwelt und unsere Gesundheit zu Schaden: Pestizide sind immer wieder ein umstrittenes Thema in der Politik.

Im Zentrum der letzten Debatte in Frankreich stand der Wirkstoff Acetamiprid. Das Neonicotinoid schädigt das Nervensystem von Insekten und wird unter anderem gerne für die Schädlingsbekämpfung beim Anbau von Zuckerrüben genutzt.

In Frankreich darf Acetamiprid seit 2020 eigentlich nicht mehr eingesetzt werden. In allen anderen EU-Ländern ist der Wirkstoff erlaubt – genauso wie auch in der Schweiz.

Aufgrund der mangelnden Konkurrenzfähigkeit der französischen Bauern war allerdings eine Wiedereinführung geplant.

Der Vorschlag sorgte für grosse Kritik und eine Petition mit über zwei Millionen Unterschriften. Die Wiedereinführung wurde schlussendlich abgelehnt.

Sollte die Schweiz den grossen Aufschrei in Frankreich als Weckruf nehmen?

Befürchtung um Gesundheitsschäden

«Ja», sagt Michelle Sandmeier von Greenpeace Schweiz. «Pestizide sollten generell nicht zugelassen sein, wenn der Verdacht besteht, dass sie Mensch und Umwelt schaden könnten.»

Denn genau das wird bei Acetamiprid befürchtet: Studien legen nahe, dass der Wirkstoff auch bei Säugetieren negative Auswirkungen auf das Nervensystem und andere Organsysteme hat.

«Nur in einer gesunden Umwelt können auch wir gesund leben», meint Sandmeier.

Nationalrat fordert: «Längerfristig von gefährlichsten Insektiziden wegkommen»

Auch Kilian Baumann, Grünen-Nationalrat und selbst Landwirt, sieht Handlungsbedarf: «Um unsere natürlichen Ressourcen zu erhalten, müssen wir längerfristig von den gefährlichsten Insektiziden wegkommen.»

Der Weg dahin dürfte nicht einfach sein: «Dazu müssen alle Beteiligten ihren Beitrag leisten, von Produzenten über den Handel bis zu den Konsumenten», sagt Baumann.

Sollte Acetamiprid in der Schweiz verboten werden?

Er fordert eine Gesamtstrategie: «Die insektizidfreie Produktion muss noch besser staatlich unterstützt werden, damit sich die Umstellung für die Produzenten lohnt.»

Importprodukte, die mit gefährlichen Pestiziden produziert wurden, müssten deutlich deklariert oder gar nicht mehr importiert werden. «Und die Forschung zu Alternativen beim Pflanzenschutz sowie die Züchtung von resistenten Sorten muss ausgebaut werden.»

Ausserdem könne man mit Ernteversicherungen arbeiten. Denn eine Produktion ohne Pestizide erhöht das Risiko für Ernteausfälle. Und genau das ist auch einer der Kritikpunkte der Gegenseite.

Pestizideinsatz «alternativlos»

«Die Kulturen und damit die Ernten lassen sich dann im Bedarfsfall nicht mehr schützen, solange es keine alternativen Behandlungsmethoden gibt. Das wirkt sich auf die einheimische Lebensmittelproduktion und die Versorgungssicherheit aus», sagt Sandra Helfenstein vom Bauernverband Schweiz.

Schliesslich müssten dann wohl die fehlenden Produkte aus anderen Ländern importiert werden – «wo das Verbot nicht gilt».

Zuckerrüben Schweiz
Auch in der Schweiz wird Acetamiprid teilweise beim Zuckerrübenanbau angewendet. (Symbolbild) - keystone

Helfenstein betont: «Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist nie die erste Wahl – denn jede Behandlung geht auch ins Geld – aber bei starkem Befall ist sie je nach Kultur und Problem alternativlos, wenn man die Ernte retten will.»

Acetamiprid werde in der Schweiz für Zuckerrüben nicht regulär eingesetzt, sondern nur im Notfall zugelassen.

Diese Massnahme sei allerdings unentbehrlich. Denn: «Nach dem Verbot des Mittels «Gaucho» standen keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung, um die viröse Vergilbung durch Blattläuse effektiv zu bekämpfen.»

«Strenge Richtlinien»

Helfenstein sieht keinen Bedarf, Acetamiprid in der Schweiz zu verbieten. Der Wirkstoff sei sowohl durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) umfassend geprüft worden.

«Wir haben in der Schweiz strenge Richtlinien in einem komplexen und eng überwachten Umfeld», so die Mediensprecherin.

Sollten die Pestizid-Richtlinien in der Schweiz strenger werden?

Das betont auch SVP-Nationalrat Nicolas Kolly: «Die Prüfungen sind streng, wissenschaftsbasiert und beziehen Risiken für Mensch, Tier und Umwelt umfassend ein.» Die Schweiz verfüge sogar über das strengste Zulassungsverfahren in Europa.

Denn: «Selbst wenn ein Wirkstoff auf EU-Ebene nach allen Standards zugelassen ist, kann seine Verwendung in der Schweiz erheblich verzögert oder verhindert werden.»

Das erlaube die Parteistellung von Nichtregierungsorganisationen und weiteren Akteuren in der Schweiz.

Grünen-Baumann und Greenpeace nicht einverstanden

Für Kolly ist klar: «Frankreich hat Acetamiprid aus politischen Gründen im Alleingang untersagt.»

Und: «Ohne neue Belege für ernsthafte Gefahren oder gleichwertige Alternativen besteht daher kein sachlicher Grund, dass die Schweiz denselben Schritt wie Frankreich geht.»

Baumann von den Grünen widerspricht dem. Er hält die Prüfung gesundheitlicher Auswirkungen der zugelassenen Pestizide in der Schweiz für ungenügend.

Auch Sandmeier von Greenpeace Schweiz kritisiert gegenüber Nau.ch: «Die Behörden schauen zu wenig genau hin.»

Insektizid Schweiz
Greenpeace Schweiz kritisiert die Prüfung von Wirkstoffen in Pestiziden in der Schweiz: «Die Behörden schauen zu wenig genau hin.» - keystone

In der Schweiz würden schädliche Pestizide nach wie vor zugelassen. Die Risiken würden zu wenig ernst genommen.

Sie bezieht sich dabei auf ein kürzliches Urteil des Bundesgerichts: «Greenpeace hatte sich gerichtlich gegen die Zulassung eines Syngenta-Pesitzids gewehrt und vom höchsten Gericht Recht bekommen», so Sandmeier.

Strengere Richtlinien ab Juli eingeführt

Einen ersten Schritt in Richtung der Umweltschützer hat es bereits gegeben: «Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) den Pflanzenschutzmittel-Wirkstoff Acetamiprid strenger bewertet», schreibt das BLV auf Anfrage von Nau.ch.

«Infolgedessen wurden in der EU und der Schweiz verschiedene Rückstandshöchstgehalte für Acetamiprid in Lebensmittel gesenkt.»

Diese Werte wurden von der Schweiz per 1. Juli 2025 übernommen und gelten nach einer Übergangsfrist von sechs Monaten.

«Derzeit läuft ein Überprüfungsverfahren für Acetamiprid-haltige Pflanzenschutzmittel, damit bei deren Anwendung die neuen, strengeren Rückstandshöchstgehalte eingehalten werden können», so das BLV.

Kommentare

User #5811 (nicht angemeldet)

Früher ohne Pestizide konnten sich die Dummen nicht rasend vermehren! 😹

User #4959 (nicht angemeldet)

Ohne Pestizide, keine Lebensmittel.

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