Flüchtlinge reisen über Ostern in die Ukraine – SVP-Asylchef tobt
Flixbusse von Zürich nach Kiew sind über Ostern ausgebucht. SVP-Asylchef Pascal Schmid stellt den Schutzstatus S infrage. Ein ukrainischer Vertreter erklärt.

Das Wichtigste in Kürze
- Trotz Krieg in der Ukraine fahren volle Flixbusse nach Kiew.
- SVP-Nationalrat Pascal Schmid vermutet «Scheinflüchtlinge», die Ferien machen.
- Sasha Volkov vom «Ukrainischen Verein der Schweiz» widerspricht.
Die Flixbusse ins Kriegsland Ukraine sind voll. Am Karfreitag starten in den frühen Morgenstunden fünf Flixbusse die rund 40-stündige Fahrt vom Zürcher Hauptbahnhof nach Kiew.
Alle sind ausgebucht. «Die grünen Flix-Busse erleben einen Oster-Run der Spezialsorte», schreibt das Portal «Inside Paradeplatz».
SVP-Nationalrat Pascal Schmid reagiert mit Unverständnis auf die ausgebuchten Fahrten über Ostern.
«Osterferien in Kiew bis Montag, Schweizer Sozialhilfe ab Dienstag?», tobt er auf Instagram. In der Ukraine drohe «angeblich Kriegsgefahr, Folter oder Verfolgung.»
Wer in einem solchen Heimatland Ferien mache, müsse seinen Asyl- oder Schutzstatus umgehend verlieren, fordert er. «Wir dürfen es nicht länger zulassen, von Scheinflüchtlingen aus aller Welt derart ausgenutzt zu werden! »
Schweizer wettern über Ukraine-Flüchtlinge
Der Post von Pascal Schmid hat über Ostern rund 800 Likes und zahlreiche Kommentare erhalten.
«Allen direkt die Wiedereinreise in die Schweiz verbieten!», doppelt ein User nach. «So schlimm kann es ja demnach nicht sein, wenn man in die Heimat kann, obwohl Krieg herrscht.»
Eine Userin schreibt wegen der Reisen über Ostern erstaunt: «Das darf nicht wahr sein???» Sie ruft die Geflüchteten auf: «Bleibt, wo ihr herkommt.»
«Vielerorts sehr unangenehm»
Flixbus bestätigt gegenüber Nau.ch, über das Osterwochenende eine «leicht erhöhte Nachfrage» auf dieser Strecke verzeichnet zu haben.
Auch die nächsten Tage fahren Passagiere mit Flixbus von Zürich nach Kiew. Viele Busse sind «fast voll» besetzt, wie ein Blick auf den Fahrplan am Mittwoch zeigt. Mehrere Rückfahrten von Kiew nach Zürich sind bis nächste Woche ausgebucht.
Ostern finden in der Ukraine erst kommendes Wochenende statt. Zum Vergnügen fahren die Flüchtlinge aber nicht in die Heimat.
Sasha Volkov ist Vorstandsmitglied des «Ukrainischen Vereins der Schweiz». «Alle Politiker sind herzlich eingeladen, einmal ein paar Monate in der Ukraine zu leben», sagt er zu Nau.ch. Dann sähen sie die Realität.
«Die Ukraine ist nicht überall eine Todeszone, aber es ist vielerorts sehr unangenehm zum Leben», sagt Volkov. «Man weiss nie, wo eine Drohne einschlägt.»
Er erinnert daran, dass bei Drohnenangriffen auf einen Bus im südukrainischen Nikopol am Dienstag drei Personen ums Leben kamen. Auch forderte die Attacke mindestens 16 Verletzte.
Ukrainer müssen nach leerstehenden Häusern sehen
Zum Alltag in der Ukraine gehören regelmässige Luftalarme, auch in der Nacht. Die Luftalarme rauben den Ukrainerinnen und Ukrainern laut Sasha Volkov den Schlaf.
«Viele gehen deshalb nachts nicht mehr in den Keller.» Die Bevölkerung habe sich daran gewöhnt, in ständiger Gefahr zu leben.
Warum aber reisen Flüchtlinge mit Schutzstatus S trotzdem über Ostern in die Ukraine? «Man hat gar keine Zeit, sich Sorgen zu machen», sagt Volkov.
«Manche müssen nach ihren Immobilien sehen, die seit vier Jahren leer stehen.» Auch erledigten sie administrative Dinge oder unterstützten Familienmitglieder, die noch im Land lebten.

«Kämpfen Verwandte an der Front, fühlen sie sich zum Helfen vor Ort verpflichtet», sagt Sasha Volkov. So helfen sie, mangelnde Ausrüstung zu beschaffen.
«Ein Soldat in der Killing-Zone braucht wahnsinnig viel Material.» Dazu gehörten auch spezielle Drohnendetektoren.
Auch aus religiösen Gründen reisen Flüchtlinge zu Ostern in ihre Heimat. «In der orthodoxen Kirche ist es am Ostersonntag Tradition, die Gräber von verstorbenen Verwandten zu besuchen», sagt Volkov.
Diese Tradition habe wegen der vielen Kriegsopfer umso mehr an Bedeutung gewonnen.
Russen sollen gezielt Züge angreifen
Sasha Volkov, der schon vor dem Krieg in der Schweiz lebte, reist selbst regelmässig in die Ukraine. Er liefert gebrauchte Fahrzeuge für die Front in die Ukraine. Auch hilft er seiner Mutter, die in der Nähe von Kiew wohnt.
Als die Redaktion ihn am Dienstag erreicht, befindet er sich gerade auf dem Heimweg in die Schweiz.
Er reist mit dem Zug über Polen. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer nähmen aber lieber den Bus, sagt er.
«Weil die Russen jetzt auch noch angefangen haben, Züge gezielt anzugreifen.» Zudem sei eine Busfahrt zwar ermüdend, aber in der Regel am günstigsten.
SVP-Nationalrat bleibt bei Kritik
Personen mit Schutzstatus S dürfen grundsätzlich 15 Tage innerhalb eines Halbjahrs in die Ukraine reisen. In dieser Zeit haben sie keinen Anspruch auf Sozialhilfe.
SVP-Nationalrat Pascal Schmid bleibt bei seiner Meinung.
«Die Schweizer Asylpolitik ist da, um Menschen zu schützen, die wirklich Schutz nötig haben», sagt er zu Nau.ch. «Wer zuhause Ferien macht, braucht unseren Schutz offensichtlich nicht.»

Die Ukraine sei 15-mal grösser als die Schweiz, sagt Schmid. «Die Front vom Westen ist gleich weit entfernt wie Madrid von Bern.»
Wenn dort Krieg herrschte, würde dort niemand Osterferien machen, behauptet er. Der grosszügige Schutzstatus S werde massiv ausgenutzt.
«Ansonsten hätten wir nicht 14'000 Wehrpflichtige, die von unseren Sozialleistungen profitieren, anstatt für ihr Land zu kämpfen.» Diese liessen die Ukraine im Stich, wirft er vor.
«Pausieren einzelne Ziele»
Flixbus teilt mit, dass die Nachfrage nach Fahrten in die Ukraine bereits seit Frühjahr 2022 sehr hoch sei. «Das unterstreicht die aktuelle Bedeutung von Mobilität für die Menschen in der Ukraine», sagt Mediensprecherin Isabella von Geyr.
Fernbusse seien für viele die einzige Möglichkeit, aus und in die Ukraine zu reisen. Auch Beschäftigte von Hilfsorganisationen sowie Medienschaffende nutzten Flixbus zur Reise in die Ukraine und wieder zurück.
Das Unternehmen gibt an, die Sicherheitslage vor Ort in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Buspartnern und den Behörden zu bewerten. «Und wir pausieren einzelne Ziele, die als vorübergehend unsicher eingestuft werden», sagt Isabella von Geyr.
Ausserdem passten sie ihr Angebot an die behördlichen Vorschriften in Bezug auf Ausgangssperren und Sicherheitsinformationen an.
«Momentan bieten wir ab Zürich keine Direktfahrt an», sagt die Mediensprecherin. Fahrten von Zürich nach Kiew sind derzeit ausschliesslich mit Umstieg beispielsweise in Berlin oder Warschau möglich. Dort steigen die Fahrgäste auf einen einzelnen direkten Bus der ukrainischen Buspartner von Flixbus um.

















