Fleur Jaeggy verfasst ihre kurze Prosa wie mit dem Skalpell

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Bern,

Der Schweizer Grand Prix Literatur ist 2025 an die italienischsprachige Autorin Fleur Jaeggy gegangen. Damit rückt ein Werk ins Rampenlicht, das lange Zeit bloss als Geheimtipp galt. Jetzt erscheinen essayistische Porträts von ihr unter dem Titel «Mutmassliche Leben».

Die Schweizer Autorin Fleur Jaeggy im Jahr 1998: Sie lebt seit Jahrzehnten zurückgezogen in Mailand. Der Schweizer Grand Prix Literatur (2025) und der Gottfried-Keller-Preis (2024) sor...
Die Schweizer Autorin Fleur Jaeggy im Jahr 1998: Sie lebt seit Jahrzehnten zurückgezogen in Mailand. Der Schweizer Grand Prix Literatur (2025) und der Gottfried-Keller-Preis (2024) sor... - Keystone/CHRISTOPH RUCKSTUHL

Fleur Jaeggy ist 1940 in Zürich geboren. Nach ihrer Schulzeit liess sie sich in Rom nieder, wo sie unter anderem mit Ingeborg Bachmann befreundet war. Seit 1968 lebt sie zurückgezogen in Mailand. Sie war bis zu dessen Tod mit dem Autor und Verleger Roberto Calasso verheiratet.

Nach ersten Publikationen erschien 1989 die Novelle «Die seligen Jahre der Züchtigung», die zum Welterfolg wurde. Das Buch über die Erfahrungen in einem Schweizer Mädchenpensionat begründete einen Stil, der fortan mit Jaeggy assoziiert wurde: eine reduzierte, kristalline Sprache von schmerzhafter Ungerührtheit. Besonders ausgeprägt manifestiert sich diese Schreibweise in ihrer Kurzprosa.

Warum glauben alle, fragt die zehnjährige Hannelore in der Erzählung «Die Erbin», dass hinter dem menschlichen Tun und Wollen «ein lächerliches Warum» stecken müsse. «Mit triumphierendem und bösem Blick» schaut sie zu, wie eine Frau im Feuer verbrennt, die ihr Gutes getan und sie zur Erbin bestimmt hat. «Nichts ist von Bedeutung», geht es dem Kind dabei durch den Kopf.

Seine Frage trifft ins Zentrum von Jaeggys Erzählungen. Viele ihrer Figuren sind verstossene, gepeinigte, melancholische Charaktere, die nicht ins gesellschaftliche Schema passen. Oft sind sie an ihren glasigen, verschleierten, schmutzigen Augen zu erkennen. Ihr Tun ist erratisch, unverständlich, manchmal boshaft, und es entzieht sich der Frage nach dem Warum.

Gleichwohl gibt es Gründe für ihr Verhalten, die in gestörten Familienbeziehungen, sozialer Isolation oder Gefühlen der Entfremdung liegen. Viele empfinden, wie der Bruder von XX in der gleichnamigen Erzählung, dass «der wahre und einzige Albtraum» das Leben selbst sei.

Jaeggys Figuren sind vielfach nicht zu retten, wie in «Die perfekte Entscheidung». Ein Sohn lässt sich von einem Felsen fallen, den er als Kind mit der Mutter besucht hatte. «Verständnis und Barmherzigkeit beginnen im Mutterleib. In der Via Mala» – endet diese Erzählung mit einem traurigen Bild der Ausweglosigkeit.

Solche Geschichten neigen sich (fast) immer ins Abgründige, als ob es kein Recht auf menschliche Wärme und Glück geben würde. Und wenn trotzdem Hoffnung besteht, dann auf ein Glück, wie es Marie Anne in «Ohne Schicksal» empfindet: «Das Glück war schneidend wie eine glühende Klinge.» Es besänftigt ihren Hass nicht.

Die Autorin erzählt davon in einer Sprache, so die Jury des Grand Prix Literatur, «in der jedes Wort mit chirurgischer Präzision ausgewählt ist». Ihre Prosa gibt sich kompromisslos nüchtern, mitunter kalt. Zwischen den Worten und Sätzen aber vibriert sie förmlich vor aufgestauter Emotionalität. Und die vordergründig klare Dramaturgie ist im Kern oft heillos verwirrt und mit privaten Mysterien verknotet.

In der Form lesen sich Jaeggys Geschichten ebenso überzeugend wie bitter und für manche Leser und Leserinnen womöglich allzu trist. Die schonungslose Direktheit erzeugt Unbehagen. Es spiegelt sich im frostigen Wetter. Der Winter sei «die wahre Jahreszeit», notiert Jaeggy im Porträt über ihren Dichterfreund Joseph Brodsky. Der wiederum lässt sich wie folgt zitieren: «Fleur Jaeggys Stift ist eine Graviernadel, die Wurzeln, Zweige und Äste des Baumes des Wahnsinns abbildet.»

In der Erzählung «Katze» beleuchtet sie die eigene Schreibweise. Sie gleiche einer Katze, die sich fokussiert auf ihre Beute stürzt und sich dann sofort davon abwendet. In diesem «Übersprung» manifestiert sich, mutmasst die Autorin, «das melancholische Abschütteln jeglicher Verbindung mit dem Opfer». Es wird zum reinen Objekt der Beobachtung.

Einen anderen Beweggrund des Schreibens ortet sie beim englischen Romantiker Thomas de Quincey und seinem «dunklen Rausch des Grauens». Er schlägt den Bogen zu Jaeggys jüngstem Buch «Mutmassliche Leben».

In drei kurzen essayistischen Texten porträtiert sie das Leben der von Opium benebelten Dichter de Quincey, John Keats und Marcel Schwob. Nebst ihrer Sucht und ihrer Melancholie teilten die Drei – ähnlich wie viele Figuren Jaeggys – eine schwierige Kindheit voller Angst und Einsamkeit.

Nicht zuletzt deshalb neigten sie zu einem literarischen «Rausch des Grauens». Um die Zeichen seiner Krankheit zu verscheuchen, verfasste Marcel Schwob etwa den Band «Vies imaginaires», den Jaeggy ins Italienische übersetzte und der Vorbild für «Mutmassliche Leben» war. In ihm hat sie eine geradezu rauschhaft verdichtete Erzählform gefunden.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung realisiert.

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