Explodieren jetzt Schlangen-Zahlen wegen Rekordhitze?
Schlangen und Echsen mögen es warm – ein Experte beruhigt Schlangenphobiker jedoch: Sie breiten sich wegen der Rekordhitze nicht gleich im grossen Stil aus.
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Das Wichtigste in Kürze
- Trotz des Hitzesommers gibt es in der Schweiz nicht grundsätzlich mehr Reptilien.
- Schlangen bleiben bei grosser Hitze und Trockenheit häufiger in ihren Verstecken.
- Die Mauereidechse breitet sich dagegen seit Jahren in der Schweiz aus.
Sonnig, heiss – und plötzlich wimmelt es überall von Schlangen und Eidechsen? Dieser Eindruck dürfte in diesem Rekordsommer bei manchen entstanden sein.
So postete der Jagdverein Klosters letzte Woche ein Video einer Kreuzotter auf Facebook. In Regensdorf ZH wurde eine Ringelnatter von der Feuerwehr aus einem Keller befreit. Und: Gerade in Siedlungsgebieten scheinen derzeit auffällig viele Eidechsen unterwegs zu sein.
Doch hängt das tatsächlich mit der Hitze zusammen?

Andreas Meyer, Leiter Fachbereich Reptilien der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz, muss über diese Vermutung schmunzeln. Denn zumindest bei den Schlangen sei genau das Gegenteil der Fall.
Er sagt: «Es ist schon sehr auffällig, wie sehr unsere heimischen Reptilien und insbesondere die Schlangen mit hohen Temperaturen assoziiert werden.» Die verbreitete Annahme laute: «Wetter sonnig und heiss = viel mehr Schlangen.»
Doch Meyer stellt klar: «Das Gegenteil ist der Fall.» Seit Beginn der ersten Hitzewelle im Juni seien bei seiner Fachstelle auffällig wenige Schlangenmeldungen eingegangen.
Schlangen mögen es nicht zu heiss
Der Grund liegt in der Biologie der Tiere. Schlangen und Eidechsen sind wechselwarm. Sie können ihre Körpertemperatur nicht wie Menschen, Säugetiere oder Vögel selbst regulieren.
Deshalb sind sie auf Wärme von aussen angewiesen. Die bevorzugte Körpertemperatur einer Eidechse oder Schlange liegt laut Meyer bei rund 30 Grad.
Bei kühlem und bedecktem Wetter müssen Reptilien ihre Verstecke häufiger verlassen und Sonnenbäder nehmen. Dadurch werden sie für Menschen sichtbar.
Bei Temperaturen von deutlich über 30 Grad ist das nicht nötig. «Dann bleiben die Tiere lieber in ihren sicheren Verstecken», erklärt Meyer. Dort sei es bereits warm genug.
«Vor allem Schlangen haben deshalb ihre Verstecke in den vergangenen Wochen viel seltener verlassen als normalerweise.» Auch die Trockenheit mögen insbesondere Schlangen nicht. Sie hat deren Aktivität zusätzlich reduziert.
Mehr Begegnungen an Gewässern
Eine Ausnahme bilden teilweise die Wassernattern. Dazu gehören in der Deutschschweiz die beiden Ringelnatterarten sowie örtlich die Würfelnatter.
Alle drei sind harmlos und leben gerne in der Nähe von Gewässern. Deshalb leiden sie weniger unter der Trockenheit und waren auch während der Hitzeperioden aktiv.

Falls diese Schlangen im Sommer 2026 häufiger aufgefallen sind, dürfte das laut Meyer vor allem an den Menschen liegen. Die Hitze und die Ferienzeit locken besonders viele Personen an Seen und Flüssen.
Damit steigt die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung. Es gibt also nicht zwingend mehr Schlangen – sondern mehr Menschen dort, wo die Tiere leben.
«Vom Himmel fallen sie auch nicht»
Dass ein einzelner Hitzesommer die Zahl der Reptilien sprunghaft ansteigen lässt, ist biologisch ausgeschlossen.
Schlangen und Eidechsen sind vergleichsweise langlebig und vermehren sich langsam. Eine Ringelnatter kann mehr als 30 Jahre alt werden. Heimische Schlangen werden erst nach vier bis sechs Jahren geschlechtsreif, Eidechsen nach zwei bis vier Jahren.
Reptilien-Beobachtungen melden
Wer eine Schlange oder Eidechse entdeckt, kann die Beobachtung an [email protected] melden. Idealerweise enthält die Nachricht ein Foto, den Fundort und das Beobachtungsdatum. Die Fachstelle hilft auch bei der Bestimmung des Tieres und beantwortet Fragen zu Reptilien.
Meyer: «Ein überdurchschnittlich warmer Sommer allein kann kurzfristig gar nicht dazu führen, dass es von heute auf morgen mehr Reptilien hat.»
Oder anschaulicher: «So schnell können sich Reptilien gar nicht vermehren, und vom Himmel fallen sie auch nicht.»
Langfristig kann die Klimaerwärmung gewisse Arten begünstigen. Ob eine Population wächst, hängt aber ebenso von Nahrung, Krankheiten und vor allem vom verfügbaren Lebensraum ab.
Eine Eidechse ist auf dem Vormarsch
Ganz falsch ist der Eindruck von mehr Reptilien dennoch nicht. Bei einer Art hat sich in der Schweiz tatsächlich viel verändert: Bei der Mauereidechse.
Sie dürfte hinter vielen Beobachtungen in Siedlungsgebieten stecken. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren ist sie in weiten Teilen des Landes häufiger geworden. Mancherorts ist sie sogar neu aufgetaucht.
Noch in den 1990er-Jahren lebte die wärmeliebende Art hauptsächlich im Tessin, in den Bündner Südtälern und im Wallis. Weitere Verbreitungsgebiete lagen am Genfersee und am Jurasüdfuss.
Inzwischen findet sie auch im Mittelland und am Alpennordhang passende Temperaturen vor. «Heute kommt die Mauereidechse tatsächlich fast in der ganzen Schweiz vor», sagt Meyer.
Dabei hilft ihr nicht nur der Klimawandel. Die Mauereidechse kommt ausgesprochen gut mit den Menschen zurecht. Selbst unscheinbare Lebensräume in Städten reichen ihr.
Zudem wird sie immer wieder mit Gütertransporten verschleppt. Von neuen Standorten aus breitet sie sich weiter aus. Gerade in Wohngebieten fällt das auf, weil es dort früher vielerorts überhaupt keine Eidechsen gab.
Zauneidechse geht stark zurück
Die Erfolgsgeschichte der Mauereidechse lässt sich jedoch nicht auf alle Arten übertragen.
Zaun-, Smaragd- und Waldeidechse breiten sich nicht aus und sind auch nicht häufiger geworden. Die Zauneidechse sei im Gegenteil sogar stark zurückgegangen, erklärt Meyer.
Auch mit der Hitze kommen die Arten unterschiedlich zurecht. Die Waldeidechse bevorzugt kühle, feuchte Lebensräume wie Moore oder höhere Gebirgslagen. «Sie wird in den tiefen Lagen unter den Wetterbedingungen dieses Sommers eher gelitten haben.»
Die Mauereidechse ist dagegen selbst bei grosser Hitze noch unterwegs. Andere Eidechsen und vor allem Schlangen lassen sich bei kühlem, feuchtem Wetter leichter beobachten.
Manche Reptilien ziehen höher hinauf
Welche langfristigen Folgen Sommer wie jener von 2026 haben, ist noch nicht abschliessend geklärt.
Modelle deuten darauf hin, dass sich das Schweizer Verbreitungsgebiet einiger Arten vergrössern könnte. Andere dürften Lebensraum verlieren. Dazu zählt etwa die Kreuzotter, die es eher kühl und regenreich mag.

Am wahrscheinlichsten sei, dass gewisse Reptilien in den Alpen höher gelegene Gebiete besiedeln. Bei der Barrenringelnatter lasse sich dieser Trend bereits beobachten.
Dass im Mittelland künftig plötzlich deutlich mehr Schlangen auftauchen, hält Meyer hingegen für unwahrscheinlich. Geeignete Lebensräume werden durch intensive Landwirtschaft und den Ausbau von Siedlungen und Infrastruktur vielerorts knapper.
Kommt eine neue Schlange?
Theoretisch könnten sich durch den Klimawandel zusätzliche Arten in der Schweiz ansiedeln. Ein Kandidat wäre die Girondische Glattnatter.
Die kleine, ungiftige Natter lebt in Italien und Frankreich unweit der Schweizer Grenze. Die Temperaturen hierzulande könnten mittlerweile für sie geeignet sein.

Allerdings kommen Schlangen nur langsam vorwärts. Landwirtschaftsflächen, grössere Siedlungen und Autobahnen bilden nahezu unüberwindbare Barrieren.
Meyer: «Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass es die Girondische Glattnatter aus eigener Kraft bis in die Schweiz schafft.»
Gelegentlich reisen Schlangen in Holz, Stroh oder anderen Gütern als blinde Passagiere aus Südeuropa ein. Dabei handelt es sich aber um Einzeltiere. Dass diese eine Population aufbauen, sei äusserst unwahrscheinlich.
Kleiner Exot lebt bereits im Tessin
Ein anderes Reptil aus dem Süden hat den Sprung dagegen bereits geschafft: Der Mauergecko. Viele Ferienreisende kennen ihn aus den Mittelmeerländern.
Dank Haftlamellen an den Zehen kann er glatte Wände und Glasscheiben hochklettern. Sogar kopfüber an Zimmerdecken jagt er nach Insekten.

Vor knapp zehn Jahren erreichte der Mauergecko das Tessin. Dort hat er sich mittlerweile etabliert und dürfte sich weiter ausbreiten.
Dabei hilft ihm neben dem Klimawandel auch der Güterverkehr. Meyer vermutet, dass unter anderem Olivenbäume aus Gartencentern Geckos aus dem Süden in die Schweiz bringen.
Nun könnte der Mauergecko irgendwann sogar den Sprung über die Alpen schaffen. Sorgen bereitet das Meyer nicht: «Ein Problem stellt er für die heimische Fauna kaum dar.»















