Gewalt

Expertinnen warnen: «Wohnungsnot verschlimmert häusliche Gewalt»

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Gerade in der Stadt gibt es kaum freie Wohnungen. Wegen der Wohnungsnot harren Betroffene länger beim gewalttätigen Partner aus. Fachpersonen schlagen Alarm.

Wohnungsnot
Gerade in urbanen Gegenden ist die Wohnungsnot stark ausgeprägt. Eine der Folgen: Betroffene von häuslicher Gewalt müssen länger mit dem gewalttätigen Partner ausharren. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der ausgedünnte Wohnungsmarkt belastet nicht nur das Portemonnaie.
  • Fachpersonen sehen darin einen Verstärker von häuslicher Gewalt.
  • Betroffenen fehlt so eine niederschwellige Möglichkeit, sich der Situation zu entziehen.
  • Auch auf die Täter wirkt sich die Wohnungsnot aus.

Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in der Schweiz steigt und steigt.

Im Jahr 2024 – dem aktuellsten verfügbaren Datensatz – wurden 11'849 geschädigte Personen registriert.

Das ist ein neuer Höchstwert – die mutmasslich hohe Dunkelziffer ist dabei noch nicht eingerechnet.

Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2014, lag die Zahl der von der Polizei erfassten Opfer noch bei 8971.

Häusliche Gewalt
Die Zahl der Geschädigten von häuslicher Gewalt nimmt zu. Die Mehrheit der Betroffenen ist weiblich. - Bundesamt für Statistik

Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. Eine Rolle spielt laut Fachpersonen auch die angespannte Wohnungssituation.

Brigitte Kämpf sagt zu Nau.ch: «Die Wohnungsnot ist ein Treiber für häusliche Gewalt.» Die Sozialarbeiterin ist Co-Geschäftsleiterin der «Frauenberatung sexuelle Gewalt».

Kämpf erklärt: «Je schwieriger es ist, eine Wohnung zu finden, desto höher wird die Hürde, auszuziehen. Für Betroffene bedeutet das oft, länger in einer gewaltvollen Situation zu bleiben.»

Wohnungsnot macht es schwieriger, sich der Gewalt zu entziehen

Gerade der Auszug sei normalerweise der niederschwelligste Weg, um sich einer eskalierenden Situation zu entziehen. «Diese Möglichkeit fällt für viele immer häufiger weg», sagt sie.

Besonders deutlich beobachtet Kämpf das in urbanen Gebieten.

«Doch auch in ländlichen Regionen wird es teilweise schwieriger, eine passende Wohnung zu finden. Oder die verfügbaren Wohnungen kommen nicht infrage, etwa weil der Arbeitsweg zu lang würde oder Kinder die Schule wechseln müssten.»

Andere Auswege seien meist mit noch höheren Hürden verbunden. «Der Schritt ins Frauenhaus ist für viele Betroffene deutlich schwieriger», sagt Kämpf.

«Beengte Wohnverhältnisse und finanzielle Belastungen erhöhen den Druck im Alltag», sagt die Expertin. «Unter solchen Bedingungen kann die Schwelle für gewalttätige Eskalationen sinken.»

Auch Blertë Berisha von der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) bestätigt gegenüber Nau.ch: «Die Wohnungsnot verschärft und verschlimmert die häusliche Gewalt – sie verursacht sie aber nicht.»

Wusstest du, dass Wohnungsmangel häusliche Gewalt verstärken kann?

Genaue Statistiken zum Zusammenhang gebe es nicht.

Klar sei jedoch: «Viele Frauen merken früh, dass die Situation mit häuslicher Gewalt untragbar ist. Trotzdem können sie oft nicht ausziehen. Schlicht, weil sie keine Wohnung finden.»

Frauenhäuser sind am Limit

Schutzplätze gibt es in der Schweiz zu wenige.

Berisha erklärt: «Wir haben rund 0,26 Familienzimmer pro 10’000 Einwohnerinnen in den Frauenhäusern und dem einzigen Mädchenhaus der Schweiz. Der Europarat empfiehlt ein Familienzimmer pro 10’000. Wir erreichen also nur etwa einen Viertel dieser Norm.»

Frauenhaus
In der Schweiz gibt es zu wenig Schutzplätze in Frauenhäusern. - keystone

Die Folge: Viele Frauenhäuser sind am Limit. «Frauen müssen teilweise warten oder werden vorübergehend in Hotels untergebracht», sagt Berisha.

«Auch wenn Frauenhäuser kurzfristig Soforthilfe für Frauen und Kinder organisieren, bedeutet das für sie einen enormen Mehraufwand. Zudem bieten Hotels nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie Frauenhäuser, weshalb diese Lösung nicht tragbar ist.»

Im schlimmsten Fall kehren Betroffene aus Mangel an Alternativen zum gewalttätigen Partner zurück.

Frauen bleiben wegen Wohnungsnot länger im Frauenhaus

Die Wohnungsnot kann zu einem längeren Aufenthalt im Frauenhaus führen, Berisha betont aber: «Frauenhäuser sind nur als temporäre Krisenintervention gedacht. Frauen sollen danach ein selbstbestimmtes Leben führen können.»

Dafür spielten sozio-ökonomische Bedingungen eine grosse Rolle.

«Wichtig wären Anschlusslösungen – etwa Übergangswohnungen nach dem Aufenthalt im Frauenhaus», sagt Berisha. «Doch auch solche Angebote gibt es viel zu wenige.»

Hinzu komme die finanzielle Situation nach einer Trennung. «Viele Frauen sind danach alleinerziehend und haben deutlich höhere Wohnkosten», sagt Berisha.

Wohnungspolitik soll häusliche Gewalt berücksichtigen

Oft sei die finanzielle Situation für Betroffene ohnehin angespannt. «Die steigenden Wohnkosten schlagen hier umso mehr ein.»

Für Blertë Berisha ist klar: «In der Wohnungspolitik muss geschlechterspezifische Gewalt unbedingt berücksichtigt werden.»

Wohnungsnot
Die Zahl der leerstehenden Wohnungen in der Schweiz nimmt ab. - Bundesamt für Statistik

Grundsätzlich werde das Thema noch immer zu wenig in anderen gesellschaftlichen Bereichen mitgedacht, sagt sie. «Ob am Arbeitsplatz, in Schulen oder in der Wohnpolitik: Das Thema taucht oft gar nicht auf, obwohl es alle Gesellschaftsbereiche betrifft.»

Klar sei auch: «Ein angespannter Wohnungsmarkt trifft besonders armutsbetroffene Menschen und Alleinerziehende», sagt Berisha. Diese gesellschaftlichen Faktoren müsse man zusammendenken.

Auch auf der Seite der Täter spielt die Wohnsituation eine Rolle.

Polizei kann Täter aus Wohnung verweisen

Tomas Vollenweider ist Männerberater beim Mannebüro Züri. Er arbeitet mit gewalttätigen Männern, die nach polizeilichen Einsätzen wegen häuslicher Gewalt die Wohnung verlassen müssen.

Seit 2007 kann die Polizei eine Person kurzfristig aus der gemeinsamen Wohnung weisen und ein Kontakt- oder Betretungsverbot aussprechen. Ziel ist es, die Situation sofort zu beruhigen und Betroffene zu schützen.

In den meisten Fällen trifft die Massnahme Männer. Denn: «In rund 85 Prozent der Fälle ist der Gefährder ein Mann», sagt Vollenweider zu Nau.ch.

Die Aufgabe der Polizei sei dabei klar: Schutz herstellen. Was danach mit der weggewiesenen Person passiert, liege nicht mehr in deren Verantwortung.

Polizei
Die Polizei hat die Möglichkeit, Gewalttäter zu verweisen. - keystone

Genau hier beginnen laut Vollenweider oft neue Probleme.

«Je nach Lebenssituation geraten manche Männer durch eine Wegweisung sehr schnell in eine prekäre Lage», sagt er. Wer kein stabiles Netzwerk habe, stehe plötzlich ohne Unterkunft da.

Grundsätzlich haben die Täter Anspruch auf eine kostenlose Beratung. Das Mannebüro kontaktiert alle der gewalttätig gewordenen Männer aktiv und zeigt ihnen auf, wo sie Unterstützung finden können. Etwa bei Notschlafstellen oder Beratungsangeboten.

In Einzelfällen könne auch kurzfristig ein Hotel organisiert werden. «Doch langfristige Lösungen gibt es oft nicht», sagt er.

20 Prozent der gewalttätigen Männer hat keine Anschlusslösung

Rund 20 Prozent der Männer haben gemäss den Erfahrungen des Mannebüros keine direkte Anschlusslösung. «Einige haben kein Netzwerk. Doch viele trauen sich auch nicht, Freunde oder Familie um Hilfe zu bitten.»

«Manchen ist es extrem unangenehm, ihre Situation offenzulegen.»

In extremen Fällen endet das sogar damit, dass Männer vorübergehend auf der Strasse schlafen.

Häusliche Gewalt
Um häusliche Gewalt zu bekämpfen, braucht es auch Täterarbeit. - keystone

Die Wohnungsnot erhöhe den Druck in angespannten Situationen zusätzlich: «Je mehr Stressoren zusammenkommen, desto schneller kann eine Situation eskalieren», erklärt Vollenweider.

Das bedeute allerdings nicht, dass Gewalt entschuldbar sei. «Gewalt ist nie in Ordnung. Es gibt immer einen anderen Weg.»

Arbeit mit Tätern «ist immer auch Opferschutz»

In der Beratung gehe es deshalb darum, Verantwortung zu übernehmen und neue, gewaltfreie Handlungsstrategien zu entwickeln. Für manche Männer könne eine Wegweisung auch ein Moment der Reflexion sein.

Langfristig brauche es aber mehr als nur kurzfristige Schutzmassnahmen. Neben Opferschutz müsse auch die Prävention stärker ausgebaut werden. «Täterarbeit ist immer auch Opferschutz.»

Braucht es mehr Mittel für die Bekämpfung häuslicher Gewalt?

Ein weiterer möglicher Hebel: Unterkünfte für Männer nach einer Wegweisung.

«Solche Angebote könnten verhindern, dass Betroffene in akute Wohnungslosigkeit geraten. Gleichzeitig würden sie Raum für Beratung und Reflexion schaffen», sagt Vollenweider. «Aber am Ende stellt sich immer die Frage der Finanzierung.»

Brauchst du Hilfe?

Bist du von Gewalt betroffen oder hast du Gewalt erlebt? Unterstützung findest du bei der Opferhilfe Schweiz. Dort erhältst du kostenlose und vertrauliche Beratung sowie Informationen zu deinen Rechten und möglichen nächsten Schritten:
--> https://www.opferhilfe-schweiz.ch

Wenn du kurzfristig Schutz brauchst, kannst du dich an ein Frauenhaus in deiner Region wenden. Eine Übersicht der Frauenhäuser in der Schweiz findest du hier:
--> https://www.frauenhaeuser.ch/de/frauenhaeuser

«Auch wenn die Frauenhäuser vielerorts an ihre Grenzen stossen, soll das niemand davon abhalten, sich zu melden. Wir finden immer eine Lösung», sagt Blertë Berisha, Co-Geschäftsleitung des Dachverbands der Frauenhäuser.

Mehr Infos zum Thema findest du bei der Präventionskampagne des Bundes:

--> https://www.ohne-gewalt.ch

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