Expertin warnt vor Abnehmspritzen-Hype: «Kein Lifestyle-Produkt»
Ernährungstherapeutin Janine Jung kritisiert im Nau.ch-Interview: «Abnehmspritzen werden zunehmend auch von Menschen verwendet, die sie gar nicht benötigen.»

Das Wichtigste in Kürze
- Immer mehr Menschen greifen zu Abnehmspritzen, obwohl sie medizinisch nicht dafür infrage kommen.
- Expertin Janine Jung warnt vor Risiken wie Muskelverlust und einer erneuten Gewichtszunahme nach dem Absetzen.
- Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage mangelnder Disziplin – Medikamente sollten Teil einer medizinisch begleiteten Therapie sein.
Ozempic, Wegovy und Mounjaro: Abnehmspritzen boomen – auch in der Schweiz. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer nehmen sogenannte GLP-1-Medikamente.
Doch längst greifen nicht nur Menschen mit medizinisch bedingtem Übergewicht zu den Präparaten. Immer häufiger werden sie zum vermeintlichen Weg zur Traumfigur. Wo wird aus medizinisch sinnvoller Behandlung ein gefährlicher Schlankheitswahn?
Im Interview warnt Expertin Janine Jung davor, dass Menschen die Spritzen nutzen, obwohl sie medizinisch gar nicht dafür infrage kommen.
Nau.ch: Wenn eine Ihnen nahestehende Person sagt, sie wolle mit einer Abnehmspritze Gewicht verlieren. Wie würden Sie reagieren?
Janine Jung: Ich würde zuerst wissen wollen, ob die Person tatsächlich übergewichtig ist oder lediglich das Gefühl hat, zu schwer zu sein. Viele Menschen empfinden sich als übergewichtig, obwohl sie medizinisch gesehen normalgewichtig sind.

Genau hier liegt ein Problem. Diese Medikamente wirken und werden deshalb zunehmend auch von Menschen verwendet, die sie gar nicht benötigen. Wir beobachten zunehmend, dass Menschen zur Abnehmspritze greifen, obwohl sie medizinisch gar nicht dafür infrage kommen.
Adipositas hingegen ist eine chronische Erkrankung, die behandelt werden darf und soll. Dafür haben wir heute gute Medikamente. Es geht dabei um Gesundheit, nicht um die Optik. Adipositas erhöht das Risiko für Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und ist damit Teil des metabolischen Syndroms.
Nau.ch: Was macht die Spritze für viele so attraktiv?
Jung: Ihre Wirkung ist sichtbar. Menschen nehmen damit ab, und Abnehmen gilt für viele als erstrebenswert. Wir beurteilen andere Menschen stark nach ihrem Körpergewicht und verbinden Schlankheit häufig mit Disziplin und Selbstkontrolle.
Nau.ch: Wer zugibt, beim Abnehmen auf die Spritze zu setzen, kriegt allerdings auch Kritik ab.
Jung: Die Abnehmspritze kann Neid auslösen. Wer damit abnimmt, scheint es auf einfache Weise geschafft zu haben.
Andere strengen sich an, verändern ihren Alltag und nehmen trotzdem nicht wie gewünscht ab. Dann entsteht schnell der Eindruck: Die eine Person nimmt einfach eine Spritze, sieht gut aus und hat Erfolg – während andere mit eigenen Bemühungen scheitern.
Dabei ist Abnehmen viel komplexer, als weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Auch Hormone, genetische Faktoren und die Lebensumstände spielen eine Rolle.
Dazu kommt die Scham. Viele Betroffene sagen gar nicht, dass sie die Spritze anwenden, weil sie Vorwürfe befürchten. Das ist problematisch, denn wer schweigt, spricht auch Nebenwirkungen seltener an.
Zur Person
Janine Jung ist Ernährungstherapeutin und Ernährungsberaterin in der Schweiz. Am Kantonsspital Graubünden ist sie stellvertretende Leiterin der Ernährungstherapie und begleitet Patientinnen und Patienten in ernährungsmedizinischen Fragestellungen. Ausserdem arbeitet sie als Dozentin am Institut für körperzentrierte Psychotherapie (IKP).
Nau.ch: Ist es also falsch, die Spritze als Abkürzung zu betrachten?
Jung: Ich vergleiche die Abnehmspritze gerne mit einem E-Bike. Manche Menschen kommen mit einem normalen Velo gut voran, andere brauchen elektrische Unterstützung. Das macht ihre Leistung nicht weniger wertvoll.
Ähnlich kann ein Medikament Menschen dabei unterstützen, Veränderungen umzusetzen. Entscheidend ist aber, was sie aus diesen Möglichkeiten machen. Wer nur das Medikament nimmt und im Alltag nichts verändert, wird nach dem Absetzen wahrscheinlich wieder zunehmen.
Nau.ch: Sie sehen also durchaus einen Nutzen – aber nicht für alle?
Jung: Richtig. Ich bin skeptisch, wenn Menschen die Medikamente verwenden, obwohl sie medizinisch nicht dafür infrage kommen. In der Schweiz braucht es dafür ein ärztliches Rezept.
Trotzdem gibt es einen Schwarzmarkt, etwa über das Internet. Davon rate ich klar ab. Herkunft und Inhaltsstoffe der Präparate sind oft nicht bekannt. Zudem können sie deutlich teurer sein.
Wer unsicher ist, ob er medizinisch infrage kommt, sollte das mit dem Hausarzt oder der Hausärztin klären.
Ein weiteres Problem ist die Angst vor einer Gewichtszunahme nach dem Absetzen. Wer mit dem Medikament gute Erfahrungen gemacht hat, kann sich irgendwann kaum noch vorstellen, ohne diese Unterstützung auszukommen.
Zudem wissen wir zu wenig darüber, was passiert, wenn normalgewichtige Menschen solche Medikamente über längere Zeit einnehmen. Für diese Anwendung fehlt die entsprechende wissenschaftliche Grundlage. Deshalb sollten wir sehr vorsichtig sein.
Hinzu kommt zum Beispiel auch der Verlust der Muskelmasse. Bei Menschen mit einer Essstörung besteht zudem die Gefahr, dass sich diese verfestigt.
Nau.ch: Das Schönheitsideal «Heroin Chic», das auf extreme Schlankheit setzt, scheint zurück. Die öffentliche Debatte dreht sich um das veränderte Erscheinungsbild von Stars wie Ariana Grande. Was löst das bei Ihnen aus?
Jung: Es macht mich traurig, wenn extreme Schlankheit gesellschaftlich positiv bewertet wird. Solche Bilder prägen unser Körperbild und beeinflussen, was wir als schön oder erstrebenswert wahrnehmen. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen einem schlanken und einem gesundheitlich problematischen Gewicht.

Gleichzeitig müssen wir vorsichtig sein, wenn wir über einzelne Personen urteilen. Wir wissen nicht, ob jemand ein Medikament nimmt, an einer Erkrankung leidet oder mit einer Essstörung kämpft. Das lässt sich von aussen nicht beurteilen.
Nau.ch: Wie gross ist die Gefahr, dass Schlankheit wieder zu einem Wettbewerb wird, bei dem jedes Mittel recht ist?
Jung: Ich glaube, dass uns dieses Thema weiterhin beschäftigen wird. In vielen Köpfen gilt ein schlanker Körper noch immer als Zeichen von Attraktivität und Erfolg. Dabei kann sich das eigene Empfinden schon bei einem medizinisch normalen Gewicht in Richtung «zu schwer» verschieben.

Wenn Schlankheit als Ideal gilt, entsteht schnell ein Wettbewerb. Alles, was den Weg dorthin erleichtert, wird interessant – und kann auch missbraucht werden.
Nau.ch: Schlankheit wird oft mit Disziplin, Erfolg und Selbstkontrolle gleichgesetzt. Was müsste sich ändern, damit Menschen ihren Körper nicht ständig optimieren müssen?
Jung: Vor allem unsere Haltung gegenüber Adipositas muss sich ändern. Übergewicht wird noch immer häufig mit mangelnder Disziplin gleichgesetzt. Das stimmt nicht.
Ich kenne viele Menschen mit starkem Übergewicht, die enorm diszipliniert sind und trotzdem nicht abnehmen. Wer nicht der vermeintlichen Norm entspricht, erlebt oft Abwertung im Alltag. Diese Stigmatisierung macht krank, sie führt zu Rückzug und dazu, dass sich Betroffene oft erst spät Hilfe holen.
Wir müssen verstehen, dass Adipositas eine Erkrankung ist, die behandelt werden darf. Medikamente sind dabei ein Teil der Therapie – kein Lifestyle-Produkt für Menschen, die einfach ein paar Kilo verlieren möchten.
Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, ohne Menschen für ihr Gewicht zu verurteilen. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass nicht jede Person mit denselben Mitteln zum Ziel kommt.
Brauchst du Hilfe?
Menschen mit Essstörungen und ihr Umfeld finden in der Schweiz kostenlose Unterstützung:
• AES – Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen: Beratung für Betroffene und Angehörige per E-Mail, Telefon oder vor Ort in Zürich. Kostenlose Erstgespräche und Vermittlung an Fachpersonen möglich. Telefon: 043 488 63 73, E-Mail: [email protected].
• Die Dargebotene Hand (143): Rund um die Uhr erreichbar – anonym per Telefon, Chat oder E-Mail. Kostenlose Hilfe in Krisensituationen.











