Europas Berggipfel werden artenreicher - kein gutes Zeichen
In den Gipfelregionen Europas gibt es immer mehr Pflanzenarten. Doch das Bild täuscht: Die höhere Biodiversität geht auf Kosten von alpinen Spezialisten.

Das Wichtigste in Kürze
- In Europa gibt es immer mehr Pflanzenarten in Gipfelregionen.
- Das Problem dabei: Einige Pflanzen verdrängen dabei kälteangepasste Arten.
- Forschende fanden auf 62 Gipfeln zunehmend Artenverluste an warmen Standorten.
In Europa gibt es in Gipfelregionen immer mehr Pflanzenarten, was zunächst positiv tönt. Die höhere Biodiversität geht jedoch auf Kosten von Arten, die wirklich für diese Bedingungen gemacht sind.
Vor allem besser an Kälte angepasste Arten verschwinden zunehmend, berichtet ein Forschungsteam unter österreichischer Leitung im Fachjournal «Science».
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzten für ihre Studie das Netzwerk Gloria (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments). Das in den 1990er-Jahren auf österreichische Initiative gestartete grösste systematische Monitoringprogramm untersucht Klimaauswirkungen auf die Flora von Berggipfeln.
Sie führten zwischen 2001 und 2022 vier Erhebungen über das Vorkommen und die Häufigkeit von Pflanzen auf Dauerbeobachtungsflächen auf 62 europäischen Berggipfeln in 16 Gebirgsregionen durch.
Johannes Wessely und Stefan Dullinger vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien und ihr Team suchten dabei nach Arten, die im Laufe der Zeit verschwinden.
Und sie untersuchten, ob diese lokalen Verluste mit der Erwärmung, einem früheren Rückgang der Pflanzenhäufigkeit oder dem Vorkommen einer Art nahe der unteren Grenze ihres üblichen Höhenverbreitungsbereichs zusammenhingen.
Zunehmender Artenschwund
«Die Daten zeigen, dass der Prozentsatz der Arten, die nicht wiedergefunden werden konnten, von Erhebung zu Erhebung angestiegen ist», erklärte Wessely gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA.
Betroffen seien dabei insbesondere jene Pflanzenarten, die an noch höher gelegene, kühlere Standorte angepasst sind. Als «Verlierer» könne man hierzulande etwa den Gletscher-Hahnenfuss (Ranunculus glacialis) oder den Alpen-Mannsschild (Androsace alpina) bezeichnen.
Dabei dürften für solche Hochgebirgsspezialisten, also den bisher auf Gipfeln üblichen Arten, nicht die höheren Temperaturen das Hauptproblem sein. «Es liegt sehr nahe, dass es der Konkurrenzkampf ist, der sie verdrängt», so Wessely.
Waren die Regionen oberhalb der alpinen Baumgrenze vor dem klimawandelbedingten Anstieg der Temperaturen aufgrund kurzer Wachstumsperioden, geringer Wärmesummen und des fast ganzjährigen Frostrisikos für viele Pflanzenarten nicht besiedelbar, rücken nun immer mehr wärmeliebende Pflanzenarten in die Gipfelregionen vor und konkurrieren mit den alpinen Spezialisten.
Auch die Konkurrenz nimmt zu
Es zeigte sich auch ein klarer Zusammenhang zwischen dem Ausmass des Temperaturanstiegs auf den einzelnen Gipfeln und dem dortigen Artenverlust. Dabei seien nicht einzelne Arten betroffen, «sondern alle Arten an der unteren – also warmen – Grenze ihres Höhenverbreitungsbereichs – weil da die Konkurrenz der anderen Arten zunimmt», so der Ökologe.
Weil die Hochgebirgsspezialisten sehr stressresistent und langlebig sind, deuteten frühere Studien darauf hin, dass sich das lokale Aussterben dieser Arten verzögern kann – die Wissenschaft spricht von einer «Aussterbeschuld».
Tatsächlich konnten die Forschenden eine längere Phase des Rückgangs der Bestandsdichte feststellen, die dem Verschwinden von Arten auf den Untersuchungsflächen vorausgeht.
Das könnte bedeuten, dass die steigenden Verluste von Arten die verzögerte Reaktion auf die jahrzehntelange Klimaerwärmung widerspiegeln. Diese These müsse aber noch durch weiterführende Untersuchungen belegt werden.
Der Rückgang der Bestandsdichte, die vielen lokalen Aussterbeereignissen vorausging, könnte jedenfalls ein Frühwarnzeichen für drohende Verluste von Arten sein.













