«Essstörung» möglich: Expertin warnt vor «High Protein»-Hype
Shakes, Müesli und sogar Tiefkühlpizza: Supermärkte preisen viele Produkte mit «High Protein» an. Eine Ernährungspsychologin warnt vor dem «Marketing-Gag».

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Ernährungspsychologin warnt: Der Protein-Hype kann Essstörungen befeuern.
- Für gesunde Erwachsene reicht laut dem Bund eine ausgewogene Ernährung meist aus.
- Einzelne Detailhändler bauen ihr «High-Protein»-Sortiment wegen steigender Nachfrage aus.
Protein ist längst nicht mehr nur ein Thema für Bodybuilder. Wer heute durch die Regale von Supermärkten geht, entdeckt auf immer mehr Produkten den Hinweis «High Protein» oder «Extra Protein».
Von Joghurt und Pudding bis hin zu Pizza, Müesli und sogar Nudeln. Die Supermärkte bauen ihr Angebot stetig aus, oft auch mit Eigenmarken.
Doch steckt hinter dem Protein-Hype ein echtes Bedürfnis der Konsumenten oder vor allem geschicktes Marketing?
Fitnesssucht geht oft mit Essstörung einher
Daniela Schenk ist ernährungspsychologische Beraterin aus Bern und sieht die Ursache für den «Marketing-Gag» unter anderem in den sozialen Medien. «Es ist schon ein Hype, der unnötig ist, wenn man keinen aktiven Muskelaufbau betreibt», sagt sie.
Der Fitness-Wahn nehme meist ungesunde Züge an: Online würden Schönheitsideale beworben. «Dies kann zu einer Essstörung führen, die manchmal mit einer Fitnesssucht einhergeht.» Jedoch seien die sozialen Medien nie der einzige Grund für diese Erkrankung, betont sie.

Von dieser speziellen Essstörung seien meist junge Männer betroffen. Nach wie vor seien es aber häufiger Frauen, die unter einer Essstörung leiden würden.
Magerquark ist jetzt «High Protein»
Das Credo junger Männer, «Muskeln um jeden Preis», könne zu einer Essstörung führen. In manchen Fällen bräuchte es sogar eine jahrelange Therapie, um wieder ein normales Körperbild und Essverhalten zu entwickeln.
Auch der Magerquark, der schon immer proteinreich gewesen sei, werde jetzt als «High Protein» beworben, sagt die Beraterin. An den Inhaltsstoffen habe sich hingegen nichts geändert.
Der Quark sei von Natur aus proteinreich und brauche keine künstlichen extra Proteine.
Der «High-Protein»-Quark liefert zwar rund vier Gramm mehr Eiweiss pro 100 Gramm, kostet aber mehr als doppelt so viel wie der normale. Für die meisten Menschen ist normaler Magerquark daher die deutlich günstigere Proteinquelle
Protein sei sehr wichtig für den Körper, betont Schenk, jedoch nicht in diesem hohen Ausmass. Die ernährungspsychologische Beraterin empfiehlt deswegen proteinreiche Lebensmittel verteilt auf verschiedene Mahlzeiten am Tag.
Abschliessend betont sie: «Es gibt sogar neue Studien, die zeigen, dass zu viel tierisches Protein die Niere schädigen kann.» Also etwa Fleisch und Käse.
Bund sieht keinen besonderen Bedarf für gesunde Personen
Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) liefert konkrete Zahlen: «Gesunde Erwachsene können ihren Proteinbedarf – 0,8 bis 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht – problemlos mit einer ausgewogenen Ernährung decken.»
Für Senioren und Schwangere sollte es etwas mehr Protein pro Kilogramm Körpergewicht sein: bis 1,2 Gramm.
BLV-Mediensprecherin Sarah Camenisch empfiehlt täglich eine Portion eines proteinreichen Lebensmittels. Denn Proteine würden wichtige Aminosäuren liefern.
Es entstehe aber «kein Vorteil, wenn Personen ohne besonderen Bedarf mehr Protein zu sich nehmen als empfohlen wird».
Expertin Schenk bestätigt die Zahlen des BLV bezüglich Proteingramm pro Kilogramm Körpergewicht. Alles darüber hinaus sei nur für für Schwangere und Stillende, Frauen ab den Wechseljahren, Senioren und aktive Sportler nötig.
Aldi: «Bewusstsein gestiegen»
Auf Nau.ch-Anfrage beziehen verschiedene Detailhändler Stellung zum Protein-Hype.
Andrina Augustin von Aldi Suisse bestätigt den Trend: Das gesellschaftliche Bewusstsein für eine «gesunde Lebensweise» sei in den letzten Jahren gestiegen.

Augustin sagt: «Sollte die Nachfrage nach proteinreichen Produkten weiterhin anhalten, können gesundheitsbewusste Kundinnen und Kunden auch künftig mit neuen Produkten rechnen.» Die Nachfrage bestimmt also das Angebot.
Lidl: «High Protein»-Produkte als funktionale Ergänzung
Auch Sandro Kissayi von Lidl Schweiz bestätigt die steigende Nachfrage. «Kundinnen und Kunden legen grossen Wert auf zuckerreduzierte und kalorienarme Produkte, die sich unkompliziert in den Alltag integrieren lassen.»

Primär jedoch empfiehlt Lidl eine gemüse- und obstreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen.
Die «High Protein»-Produkte sieht Lidl daher als funktionale Ergänzung zum Gesamtsortiment. Sie seien gezielt für spezifische Bedürfnisse wie Muskelaufbau gedacht.
Coop: Vor allem für fleischlose Ernährung sinnvoll
Coop-Mediensprecher Kevin Blättler verweist auch auf Artikel, welche von Natur aus proteinreich und schon lange im Sortiment sind. Beispielsweise Sojaprodukte, Quark, Hülsenfrüchte oder Nüsse.
Doch da die Nachfrage nach Extra-«High Protein»-Artikeln steige, habe Coop schon vor geraumer Zeit eine Eigenmarke lanciert. Diese Marke sei speziell auf Proteinpulver, Riegel und Müesli ausgelegt.
Blättler empfiehlt vor allem Menschen, die sich fleischlos ernähren, proteinreiche Produkte.
Transparenz sei auch für Coop wichtig: «Angesichts des wachsenden Angebots an veganen und vegetarischen Alternativen wird bei der Produktentwicklung darauf geachtet, dass diese ausreichend Protein enthalten. Plus entsprechende Kennzeichnung.»
Migros: Höherer Bedarf für sportliche Menschen
Die Migros sieht ebenfalls ein Wachstum: «Auch bei Migros wird das Eigenmarken-Sortiment weiter ausgebaut, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden», sagt Sprecher Tobias Ochsenbein.
Für die meisten Menschen lasse sich durch ausgewogene Ernährung der erforderliche Proteinbedarf decken, weiss aber auch die Migros. Für «sportlich Aktive oder ältere Menschen» gebe es jedoch zusätzlichen Bedarf.
Konkrete Zahlen zum Absatz-Wachstum der «High Protein»-Artikel wollte kein Detailhändler nennen.















