Der Roman «Der Feuerturm» handelt von vier Generationen der Feuerwehrfamilie Stoica. An ihrem Beispiel erzählt der Autor Catalin Dorian Florescu eindrucksvoll ein bewegtes Jahrhundert rumänischer Geschichte bis zum Revolutionsjahr 1989.
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Bücher auf einem Stapel. (Symbolbild) - unsplash

Das Wichtigste in Kürze

  • Rumänien ist ein beliebtes Sujet in der Schweizer Literatur.

Dana Grigorcea, Andrei Mihailescu, Eugène oder Marius Daniel Popescu haben in ihren Büchern das Land und seine Geschichte in den schillerndsten Facetten beschrieben.

Mit zu dieser Gruppe gehört natürlich auch Catalin Dorian Florescu. Er wurde 1967 in Timisoara geboren, mit 15 floh er mit der Familie in die Schweiz. In seiner Geburtsstadt im Norden Rumäniens begann 1989 auch der Aufstand gegen die Ceausescu-Diktatur. Mit ihr fand eine lange Geschichte der Unterdrückung ein Ende. Vor ihrem Hintergrund spielt die Erzählung von Viktor Stoica und seiner Familie.

Die Stoicas waren seit Generationen leidenschaftliche Feuerwehrleute. Ihr Leben drehte sich um den legendären, 1892 erbauten Feuerturm, den Foisorul de Foc in Bukarest. Oft hatten Vasile, Darje und Ionel Stoica auch politische Brandherde zu löschen, die regelmässig aufloderten. Erst Viktor, der Erzähler, bricht mit dieser Tradition, indem er Geschichte studiert.

An der Universität wird er jedoch bei der Securitate denunziert und zu zehn Jahren Haft verurteilt. In einem System der perfiden Willkür braucht es wenig, um schuldig zu sein. Viktor übersteht die brutale Haft, indem er sich an sein Zuhause und seine Familie erinnert. Nur die Hoffnung verliert er endgültig. Er findet sie auch nicht wieder, als 25 Jahre später seine Tochter Iana die Vorgänge in Timisoara euphorisch mit verfolgt.

Catalin Dorian Florescu geht in seinem Buch überzeugend aufs Ganze. Kühn setzt er im 16. Jahrhundert an, um in einem grossen Bogen die Tradition der Demütigung und Angst zu skizzieren, die die rumänische Geschichte seit je prägte und unter Ceausescu ihren Höhepunkt fand. Zuflucht und Schutz bietet einzig die Familie, die bei den Stoicas von einer warmen Solidarität getragen ist. Während die Männer die Brände in der Stadt löschen, sorgen ihre Frauen für eine Geborgenheit, die allen Unterschlupf bietet. Dennoch sind selbst die Stoicas nicht vor Verrat gefeit.

«Der Feuerturm» ist ein höchst beeindruckender Roman. Er schildert differenziert und stimmig, wie private Geschichte und politische Herrschaft miteinander in Konflikt geraten. Besonders die Frauen erweisen sich dabei als starke Figuren, die ihre Menschlichkeit nie verraten. Bei den Männern fällt die Bilanz zwiespältiger aus, vielleicht auch, weil sie politisch stärker in die Pflicht genommen werden.

Catalin Dorian Florescu gelingt es auf ebenso kluge wie ungezwungene Weise, seine Erzählfäden miteinander zu verknüpfen. Dabei bleibt ein Faden am Ende lose hängen, denn 1989 steht der Wandel noch auf Messers Schneide. Wie wir wissen, wird Ianas Hoffnung fürs erste Recht behalten.

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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