Die Swiss Dance Days zeigen das Brodeln der freien Tanzszene
Am Mittwoch trifft sich die freie Tanzszene für die Swiss Dance Days in Bern. Dem Publikum führt sie während vier Tagen vor Augen, dass Tanz nicht etwa erst dort beginnen muss, wo wir ihn lange vermutet haben.

Während in der einen Vorstellung ein Performer am Seil hängt, wird in anderen das Headbangen zum meditativen Akt oder kongolesische Gruppentänze werden neu interpretiert: Die Swiss Dance Days, die alle zwei Jahre in einer anderen Schweizer Stadt stattfinden, zeigen, was die freie Tanzszene aktuell bewegt. Herzstück des Festivals sind 13 Produktionen, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind und die eine Fachjury aus fast 200 Eingaben ausgewählt hat.
Pascale Altenburger aus Bern war Mitglied dieser Jury und somit an der Auswahl der Stücke beteiligt. «In der Tanzszene brodelt und köchelt es im Moment so richtig», sagt sie gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Vor allem, was Tanzstil und Ästhetik angeht, aber auch die Themen, mit denen sich die Compagnien auseinandersetzen, seien «extrem vielseitig».
An den Swiss Dance Days ist etwa «Bl0Wn» von Joseph Baan zu sehen, das manche eher an eine Kunstperformance erinnern dürfte, als an eine Tanzvorstellung, wie man sich diese im klassischen Sinne vorstellen würde. Eine andere Gruppe namens Fuego Contigo, bestehend aus jamaikanischen Tanzschaffenden, lässt mit «1Guh Watch» Dancehall für einmal ausserhalb des Clubs im Bühnenkontext erfahren und greift dazu auch zum Mikrofon. Am Ende lässt sie die Zuschauenden mittanzen, wenn sich die Vorstellung zur Party auflöst.
Altenburger ist Tanzschaffende und -pädagogin und in Street- und Clubstyles zuhause. Ausserdem leistet sie Antirassismus-Arbeit, unter anderem auch am Theater. Dass urbane Tanzstile auf etablierte Bühnen finden, mache den Tanz aktuell aufregend, findet sie.
Neben anderen Kriterien war der Jury etwa die Sichtbarkeit von Ausdrucksformen wichtig, die in Schwarzen kulturellen Kontexten verwurzelt sind. Diese seien auf Tanzbühnen nicht selten untervertreten. «Wer sich an einer Institution als Tänzerin oder Tänzer bewirbt, wird oftmals nach der Ästhetik von klassischen und zeitgenössischen Tanzstilen bewertet. In der Schweiz gibt es eben keine anerkannte Hochschulausbildung für urbanen Tanz.»
Ein Wandel finde aber durchaus statt, und dass nun auch andere Ausdrucksformen Anerkennung bekommen, die über diese traditionellen Idealvorstellungen hinausgehen, sei an den Swiss Dance Days spürbar, so Altenburger.
Als sie mit dem Tanzen begann, gab es noch wenig Berührungspunkte zwischen den unterschiedlichen Tanzszenen, erinnert sich die Jurorin. «Diese Grenzen verschwimmen und das bietet nun viel Potenzial für den Tanz.»
Diese Verwischung zeigt sich etwa in der Produktion «Same Love» der Company MEK, zu sehen an den Swiss Dance Days. Hier performen Hip-Hop-Tänzerinnen und -Tänzer und solche mit einer zeitgenössischen Ausbildung gemeinsam.
Im ortsspezifischen, an mancher Stelle theatralisch anmutenden Stück erzählen die Tanzenden von unterschiedlichen Arten der Liebe. Getanzt wird zum Teil im Freien, die Zuschauenden folgen der Performance vom Schlachthaus Theater aus bis zum Kulturzentrum Progr.
Bühnen, auf denen alle Stile getanzt werden können, seien in Bern dünn gesät: «In vielen Theater- und Tanzhäusern sind die Bühnen nicht gemacht für Turnschuhe, und beim Breakdance bräuchte es einen rutschigen Boden.» Nicht immer, aber oft könne das Tanzen im Freien also auch als politische Reaktion verstanden werden.
Wo Tanz anfängt und wo er aufhört, diese Frage habe die Auswahl der Stücke für die Swiss Dance Days zudem begleitet. Wird sich das Publikum mal fragen, ob das noch Tanz oder schon Theater, Kunstperformance oder Akrobatik ist?
Für die Zuschauenden sprechen könne sie zwar nicht, so Altenburger, dafür aber eine Empfehlung abgeben: «Wenn einem etwas ungewohnt oder gar merkwürdig vorkommt, dann sollte man sich nach dem Warum fragen: Habe ich eine fixe Vorstellung von Körpern? Oder habe ich andere bestimmte Bilder von Tanz im Kopf, die nun hier nicht reinpassen?»






