Deutschland spart hart – Schweizer stürzen sich auf Bio
Die Schweizer achten stärker aufs Geld und kaufen mehr Eigenmarken. Anders als in Deutschland gibt es hierzulande aber keinen Bio-Einbruch – im Gegenteil.

Das Wichtigste in Kürze
- Auch in der Schweiz wird preisbewusster eingekauft, vor allem bei Eigenmarken.
- Lidl spürt den Spartrend besonders stark und gewinnt viele neue Kundinnen.
- Zugleich bleiben Bio und Nachhaltigkeit gefragt, teils wachsen sie sogar überdurchschnittlich.
In Deutschland greifen Konsumentinnen und Konsumenten immer häufiger zu Eigenmarken.
Laut einer Studie der Boston Consulting Group kaufen 55 Prozent der Befragten bei Lebensmitteln häufig oder fast ausschliesslich Hausmarken. Im europäischen Schnitt sind es 39 Prozent.
Gleichzeitig sind nur noch 17 Prozent der Deutschen bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen. Über die Studie berichtete kürzlich die Nachrichtenagentur Reuters.
Und in der Schweiz?
Auch hier achten viele Menschen stärker aufs Geld. Denn Mieten, Krankenkassenprämien und zuletzt gestiegene Treibstoffpreise belasten das Budget.
Eine Umfrage von Nau.ch bei grossen Detailhändlern zeigt: Der Schweizer Einkauf wird zwar preisbewusster. Von einem Einbruch bei Bio und Nachhaltigkeit kann aber keine Rede sein.
Lidl profitiert vom Sparkurs
Am deutlichsten spürt Lidl Schweiz den Sparkurs. «Kundinnen und Kunden sind preissensibler geworden», bestätigt Sprecherin Nicole Graf.
Das zeige sich unter anderem daran, «dass Aktionen gefragter sind denn je und Eigenmarkenprodukte stärker nachgefragt werden».
Zudem greife ein Teil der Kundschaft vermehrt zu XXL- oder Familienpackungen, «wo sie einen direkten Preisvorteil haben».
Bei Lidl schlägt sich das auch im Geschäftsgang nieder. Man erlebe «eine positive Dynamik» und wachse derzeit «sehr stark», insbesondere durch viele Neukunden.
Auch das Einkaufsverhalten habe sich verändert. Immer mehr Menschen erledigten ihren kompletten Wocheneinkauf bei Lidl, heisst es.
Graf hält fest: «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Discounter wie Lidl Schweiz derzeit stark von ihrer Positionierung profitieren.»
Migros sieht keine neue Dynamik
Bei der Migros spricht Sprecher Tobias Ochsenbein von einer «Fortsetzung bestehender Trends». Die Kundinnen und Kunden achteten bewusst auf Preise, legten aber weiterhin Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit.
In verschiedenen Sortimenten sehe die Migros «eine etwas höhere Nachfrage nach preisgünstigeren Angeboten». Eine grundlegend neue Dynamik seit März oder seit den höheren Treibstoffpreisen beobachte man aber nicht.
Ähnlich tönt es bei Coop. Sprecherin Clara Demin sagt: «Für den Zeitraum seit März 2026 zeigen sich keine nennenswerten Hinweise auf aussergewöhnliche Verschiebungen im Einkaufsverhalten unserer Kundinnen und Kunden.»
Günstige Eigenmarken florieren aber auch bei Coop. Die Billiglinie Prix Garantie wuchs 2025 um 7,5 Prozent und entwickelt sich laut Coop auch dieses Jahr überdurchschnittlich.
Gleichzeitig habe Coop 2025 rund 1900 Produkte im Preis gesenkt. In diesem Jahr seien es bereits weitere 1100 Produkte, sagt Demin.
Bio-Produkte wachsen trotz Preisdruck
Die naheliegende Vermutung wäre nun: Wenn die Kundschaft stärker spart, geraten Bio- und Nachhaltigkeitsprodukte zunehmend unter Druck. Doch genau das ist laut den Detailhändlern nicht der Fall.
Migros sagt, die Nachfrage nach hochwertigen und nachhaltigen Produkten bleibe hoch.
«Im Bio-Bereich verzeichnet die Migros aktuell ein überdurchschnittliches Wachstum. Sowohl beim Umsatz als auch beim Absatz im Vergleich zu konventionellen Alternativen:», so Sprecher Ochsenbein.

Auch Coop sieht «keine allgemeine Schwäche von Bio-, Nachhaltigkeits- oder Markenprodukten».
Im Gegenteil: Der Bio-Bereich wachse auch in diesem Jahr, nachdem er bereits 2025 um 6,6 Prozent zugelegt hatte. Der Nettoerlös mit Bio-Produkten lag damals bei rund 2,4 Milliarden Franken.
Lidl stellt ebenfalls fest: Trotz gestiegener Preissensibilität werde hierzulande «weiterhin sehr viel Wert auf Qualität und Regionalität der Produkte sowie auf das Einkaufserlebnis gelegt». Preiswerte Bio-Produkte würden nach wie vor nachgefragt.
Bio bleibt im Alltag verankert
Wie aber lässt sich erklären, dass oft teurere Bio-Lebensmittel trotz Preisdruck stabil bleiben oder gar zulegen?
Nachhaltigkeit habe in den letzten 15 Jahren stark an Bedeutung gewonnen, sagt Hanna Stolz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL.
In dieser Zeit hätten sich in der Bevölkerung «insgesamt sehr positive Einstellungen gegenüber Bio-Lebensmitteln» verankert. Solche Haltungen veränderten sich nicht von heute auf morgen.

Deshalb blieben Kaufentscheide zugunsten von Bio «auch in wirtschaftlich anspruchsvolleren Zeiten vergleichsweise robust», erklärt Stolz.
Hinzu kommt: Bio-Produkte sind in der Schweiz heute breit verfügbar, inzwischen auch bei Discountern.
Die grossen Detailhändler hätten sie über Jahre sichtbarer gemacht und als «selbstverständlichen Bestandteil des alltäglichen Einkaufs» etabliert, so die Konsumentenforscherin.
Hohe Einkommen stützen Bio-Nachfrage
Eine Rolle spielt auch die hohe Kaufkraft. Schweizer Haushalte geben zwar viel Geld für Lebensmittel aus. Gemessen am Einkommen fällt der Anteil aber vergleichsweise klein aus.
Laut Bundesamt für Statistik entfielen 2023 im Schnitt 6,2 Prozent des Bruttoeinkommens auf Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke. Das schafft Spielraum.
Zugleich gilt: Bio muss man sich auch in der Schweiz leisten können. Wie das Biobarometer Schweiz zeigt, wird die Nachfrage vor allem von einkommensstärkeren Haushalten mit einem Brutto-Monatseinkommen ab 9000 Franken getragen.

«Hohe Einkommen begünstigen die Nachfrage nach Biolebensmitteln», sagt Stolz, die das Biobarometer leitet.
Ganz immun gegen Preisdruck ist Bio deshalb nicht. Sollte der Mittelstand weiter an Kaufkraft verlieren, könnte die Nachfrage stärker unter Druck geraten, sagt Stolz.
Sie rechne dann aber nicht zwingend mit einem Einbruch, sondern eher mit einer Verschiebung innerhalb des Bio-Regals: Teurere Premium-Bio-Produkte könnten vermehrt durch günstigere Bio-Alternativen ersetzt werden.











