Coronavirus: Was wir aus dem Tamiflu-Debakel lernen können

    Jochen Tempelmann
    Jochen Tempelmann

    Basel,

    Vor 15 Jahren hamsterte die Welt das Medikament Tamiflu aus Sorge vor einer Grippe-Pandemie. Haben wir in Bezug auf das Coronavirus von damals gelernt?

    Tamiflu Coronavirus Medikament
    Tamiflu galt als Retter in der Vogelgrippe-Krise. Mittlerweile wird seine Wirksamkeit stark angezweifelt. - Keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Politiker fordern schnelle Lösungen in der Corona-Krise und leiten übereilte Schritte ein.
    • Die Medikamentenforschung benötigt jedoch Zeit – und gut belegte Wirksamkeitsstudien.
    • Am Beispiel Tamiflu könnten wir lernen, wie man es nicht machen sollte.

    Das Coronavirus stellt eine globale Gefahr dar. Die Politik fordert schnelle Lösungen – und lässt sich zu übereilten Schritten verleiten: Die US-Regierung hat bereits Millionen Dosen des Malaria-Medikaments Hydroxychloroquin gebunkert. Doch die Wissenschaft zweifelt schon jetzt dessen Wirkung gegen das Coronavirus an.

    Hydroxychloroquin Medikament Coronavirus
    Erste Länder decken sich bereits mit Hydroxychloroquin ein – dabei ist dessen Wirksamkeit gegen das Coronavirus noch lange nicht erwiesen. - Keystone

    Dabei gibt es Präzedenzfälle: Schon 2005 sah sich die Welt mit der Bedrohung durch ein neuartiges Virus konfrontiert. Damals deckte man sich voreilig mit Tamiflu ein. Neuere Studien erheben jedoch erhebliche Zweifel an dessen Wirksamkeit. Was können wir aus der Vergangenheit lernen, um in Zeiten des Coronavirus nicht die gleichen Fehler zu machen?

    Sorge um mögliche Pandemie

    Ärzte prognostizierten schon seit längerem eine Viren-Pandemie wie die aktuelle. Viren wie das Coronavirus können sich sehr schnell verändern und durch Kreuzung mit anderen Viren im Wirt ihre Eigenschaften ändern.

    Als 2005 die Vogelgrippe grassierte, sah man sich mit einem derartigen neuen Erreger konfrontiert. Wie heute war bald klar, dass die Entwicklung eines Impfstoffs viele Monate dauern könnte. Schnell mahnte die WHO: Man solle vorsorglich Vorräte antiviraler Medikamente anlegen.

    WHO Genf
    Das Hauptgebäude der WHO in Genf. - Keystone

    Doch welches Medikament eignet sich für die Bekämpfung eines neuartigen Virus? Damals wie heute wurde die Heilmittelsuche intensiviert. Klinische Studien wurden angeregt, Medikamente im Schnelldurchlauf auf ihre Wirksamkeit getestet.

    Was heute Remdesivir und Plaquenil sind, war damals Tamiflu. Das Medikament des Schweizer Pharmakonzerns Roche war ein aussichtsreicher Kandidat für die Behandlung.

    Tamiflu: Hoffnungsträger der Vogelgrippe-Pandemie

    Der Tamiflu-Wirkstoff Oseltamivir wurde in den 90er-Jahren entdeckt und erforscht. 1996 hatten die klinischen Studien für eine Zulassung begonnen. 1999 wurde das Medikament in zuerst in der Schweiz zugelassen. Die Europäische Union zweifelte zu dem Zeitpunkt noch an den Roche-Daten zur Wirksamkeit des Medikaments.

    Bis 2005 wurde das Medikament jedoch nur in kleinen Mengen eingesetzt. Die Vogelgrippe verhalf Tamiflu zum Durchbruch. Als möglicher Kandidat zur Behandlung wurde das Medikament in den Medien bekannt. Die WHO empfahl den Staaten, einen Vorrat für 25 Prozent der Bevölkerung anzulegen.

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    Weltweit wurden während der Vogelgrippe-Epidemie Tamiflu-Vorräte angelegt (Bild: Indonesien). Für den Pharmakonzern Roche war es das bis dato erfolgreichste Jahr. - Keystone

    Tamiflu wurde zum Verkaufsschlager. Roche verzeichnete 2006 den bis dahin grössten Gewinn der 110-jährigen Firmengeschichte. Tamiflu hatte mit einem Umsatz von 2,6 Milliarden Franken einen grossen Anteil an den Rekordergebnissen.

    Roche-Studienergebnisse im Nachhinein widerlegt

    Anfang der 2010er-Jahre nahm sich die Cochrane Collaboration, ein unabhängiges Netzwerk verschiedener Medizinwissenschaftler, dem Wirkstoff an. Die klinischen Studien von Roche wurden erneut unter die Lupe genommen und auf ihre empirische Relevanz geprüft.

    Die unabhängigen Forscher deckten schwere Versäumnisse in den Studien von Roche auf. Das Unternehmen hatte nur die Studien selektiert, welche Tamiflu gute Wirksamkeit attestierten. Andere Studien wurden vom Pharmakonzern unter Verschluss gehalten.

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    Basel hat besondes von der Pharma-Industrie profitiert. - Keystone

    Das Ergebnis der unabhängigen Forscher: Tamiflu konnte lediglich die Dauer von Grippeerkrankungen um 21 Stunden senken. Die Patienten mussten genauso oft ins Spital wie ohne das Medikament. Für die von Roche belegte Verringerung der Ansteckungsgefahr konnten keine Nachweise gefunden werden.

    Schlimmer noch: Der Wirkstoff, welcher auch präventiv eingenommen wurde, erzeugte schwere Nebenwirkungen. Bei Jugendlichen wurden negative psychische und neurologische Nebeneffekte festgestellt, die von Roche verschwiegen worden waren.

    Roche hat kein Interesse an kritischen Studien

    2017 stufte die WHO Tamiflu für die Grippebehandlung von «essenziell» auf «ergänzend» herunter. Die grossen Vorräte, die viele Länder, darunter die Schweiz, angelegt hatten, sind aufgrund des abgelaufenen Verfallsdatums mittlerweile vernichtet.

    Roche hatte selbstverständlich nie grosses Interesse an negativen Ergebnissen. Dennoch liegt die Verantwortung für die Medikamenten-Studien in den Händen der Pharmakonzerne.

    «Bei der Auftragsforschung wird nur das veröffentlicht, was der Auftraggeber will», bestätigt Barbara Bialucha-Nebel, Oberärztin an der Kirchberg-Klinik in Deutschland. Schon lange besteht die Forderung, dass sich diese Praxis ändere. Die Pharmakonzerne gehen darauf jedoch nicht ein.

    Coronavirus: So bereiten wir uns am besten vor

    «Wir wissen im Voraus nie, welches Virus die nächste Epidemie auslösen wird», gibt Bialucha-Nebel zu bedenken. Sich präventiv mit Medikamenten einzudecken, ergebe daher wenig Sinn. Man müsse bei einem Ausbruch der Wissenschaft genügend Zeit für ausführliche Studien verschaffen – überstürzte Medikamentenkäufe helfen niemandem.

    Coronavirus Medikament Schutzmasken
    Vielerorts sind die Schutzmasken knapp – in der aktuellen Situation kommt über die globalen Lieferwege nicht genügen Nachschub. (Symbolbild) - Keystone

    Hingegen sei es viel wichtiger, dass die einzelnen Länder die Versorgung mit medizinischen Materialien sicherstellen, um einer Pandemie zu begegnen. Der weltweite Bedarf an Schutzmasken, Desinfektionsmittel und anderen medizinischen Massengütern ist seit dem Coronavirus-Ausbruch drastisch gestiegen. Lokale Engpässe müssen verhindert werden.

    «Die aktuelle Pandemie zeigt, dass wir uns in einer solchen Situation nicht auf die internationale Zusammenarbeit verlassen können,» so Bialucha-Nebel. «Um den steigenden Anforderungen schnell gerecht zu werden, sollten die lokalen Märkte wieder gestärkt werden.»

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