Confiseur muss jungen Mitarbeitenden «guten Morgen» beibringen
Ein St. Galler Confiseur schlägt Alarm: Junge Mitarbeitende betreten zunehmend stumm ihren Arbeitsplatz. Das «guten Morgen» müsse man ihnen erst beibringen.

Das Wichtigste in Kürze
- «Ich möchte gerne ein herzhaftes ‹guten Morgen› hören.»
- Das wünscht sich der St. Galler Confiseur Martin Schnyder von seinen Mitarbeitenden.
- Er stellt fest: Immer häufiger kommen junge Mitarbeitende stumm in die Confiserie.
Ob Pralinés, Truffes oder Biberli: Die Mitarbeitenden der Confiserie Roggwiller in St. Gallen treffen den Geschmack. Regelmässig holen sie an Berufswettkämpfen Medaillen.
Keine Medaille würden einige von ihnen aber von ihrem Chef bekommen – wenn es um interne Höflichkeit geht. Er stellt nämlich fest: Besonders ganz junge Mitarbeitende verzichten oft auf höfliche Floskeln.
Confiseur will «guten Morgen» hören
«Ich möchte gerne ein herzhaftes ‹guten Morgen› hören», sagt Confiseur Martin Schnyder zu Nau.ch. «Herzhaft bedeutet laut und deutlich.»
Auch wünsche er sich, dass sich alle Mitarbeitenden mit «auf Wiedersehen» und «noch einen schönen Tag» verabschieden.
Beim Essen sollen sich seine Mitarbeitenden «en Guete» wünschen. Und hat ihnen jemand geholfen, sollen sie es mit «danke vielmals» quittieren.
Den Wunsch äusserte Martin Schnyder zuerst in einer Kolumne auf der Webseite des Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verbands. «Verlernte Höflichkeit», lautet der Titel.
Die zwischenmenschliche Geste höflicher Floskeln komme abhanden, stellt der Confiseur darin fest. Das Phänomen stellt er besonders bei Mitarbeitenden zwischen 15 und 20 Jahren fest.
Es geht auch um Sicherheit: «Hatten schon Unfälle»
Martin Schnyder beschreibt seinen Betrieb als etwas verwinkelt. Das scheint es für einige noch verlockender zu machen, ohne «guten Morgen» hereinzuschleichen.
Schnyder erklärt: «Wenn jemand nicht grüssen möchte, kann er einfach an der Abteilung vorbeigehen.»
Dem Confiseur geht es aber nicht nur um Höflichkeit. Es gehe beim Grüssen auch um ein Zeichen für die Verantwortlichen des Betriebs. «Wir wollen wissen, ob alle sicher bei uns angekommen sind.»
95 Prozent der Mitarbeitenden kommen laut Schnyder von ausserhalb. Viele junge Mitarbeitende kämen mit dem Roller. «Wir hatten auch schon Unfälle von Lernenden. Wenn diese nicht erscheinen wie geplant, dann telefonieren wir den Eltern.»
Ein Gruss bedeute auch «He, ich bin dann auch da, ihr müsst euch keine Sorgen machen», sagt der Chef.
«Jeder hängt nur am Handy»
Die Höflichkeitsformeln sieht der Konditor nicht in erster Linie als Kontrollmittel.
«Die Höflichkeitsformeln machen das Zusammenleben aus», sagt er. Er lege auch Wert darauf, dass sich die Mitarbeitenden untereinander austauschten.
«Es kann doch nicht sein, dass im Pausenraum sechs Personen sitzen und jeder hängt nur am Handy.»
Die Höflichkeitsformeln sind in der Confiserie bereits seit 20 Jahren Teil des Betriebsreglements.
«Das Grüssen et cetera zeugt meiner Meinung nach von Respekt und gegenseitiger Achtung untereinander», sagt Martin Schnyder. Doch bei der Generation Z scheinen diese Regeln nichts ausrichten zu können.
Auch andere Betriebe klagen
Die Confiserie Roggwiller ist nicht der einzige Betrieb, der mit dem Phänomen kämpft.
In einem Berner Betrieb macht das HR die neuen Mitarbeitenden am Einführungstag auf die Höflichkeitsformeln aufmerksam.
«Sie kamen morgens ins Büro, trugen Kopfhörer und grüssten nicht», sagt die Chefin des Betriebs, der anonym bleiben will. «Wir haben das eine Zeit lang vor allem bei jungen Mitarbeitern beobachtet.»
Ein höflicher Umgang mit allen sei dem Betrieb sehr wichtig, sagt die Chefin. «Weshalb wir das Grüssen und Verabschieden dann eingeführt haben.»
Ein «guten Morgen» brachten sie aber nicht etwa aus reiner Unhöflichkeit über die Lippen.
«Was wir merkten: Den Betroffenen war gar nicht bewusst, dass ihr Verhalten unhöflich wirkte», sagt die Chefin. Mittlerweile gehöre der Gruss selbstverständlich bei allen dazu.
Verlernt – oder einfach gar nie gelernt?
Generationenforscher Rüdiger Maas zweifelt daran, dass die Generation Z das Höflichsein verlernt hat. «Hat sie es denn gelernt?», lautet die provokative Gegenfrage, sagt er.
Tatsächlich nehmen ältere Beschäftigte laut Maas jüngere häufiger als «weniger höflich» oder «weniger respektvoll» wahr.
Studien zu intergenerationellen Konflikten im Arbeitskontext zeigten zudem, dass Unterschiede meist auf abweichende Normerwartungen zurückgingen. «Nicht auf tatsächlichen Respektmangel.»

In stark digitalisierten Arbeitsumgebungen wie Remote-Arbeit oder hybrider Arbeit entstehen laut Maas automatisch informellere Kommunikationsnormen. Also etwa im Homeoffice.
In Start-up-Kulturen oder flachen Hierarchien wiederum seien Rituale oft weniger formalisiert als in traditionellen Organisationen.
Junge sind sich von Online-Kommunikation anderes gewöhnt
Kurz: Wer morgens stumm ins Büro läuft, muss kein ungehobelter Mensch sein.
«Wir dürfen nie die Wahrnehmungsverzerrung vergessen», mahnt der Generationenforscher. Ältere Beschäftigte interpretierten das Verhalten gegebenenfalls eher normativ im Stil von «Das gehört sich so».
Jüngere interpretierten es dagegen funktional. So hielten sie ein «guten Morgen» nicht mehr für nötig, da sie dachten: «Ich habe dich doch eben im Chat begrüsst.»
Maas macht darauf aufmerksam, dass sich die Höflichkeitsformen in der digitalen Kommunikation verändern. So ersetzten Statusanzeigen wie «online» physische Begrüssung. Zudem führe digitale Kommunikation zu verkürzten Höflichkeitsformeln.
Wer stark digital sozialisiert ist, erlebt laut Maas auch weniger ritualisierte Übergänge wie die Ankunft oder den Abgang einer Person. «Dadurch kann die Sensibilität für diese Signale im physischen Raum geringer ausgeprägt sein – vor allem in hybriden Settings.»












