Bund rät, keinen Wein zu trinken – Händler hässig
Auch das erste Glas Wein ist schädlich: Eine Expertengruppe des Bunds rät nun offiziell dazu, gar keinen Alkohol zu trinken.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Forschung zeigt: Alkohol ist noch schädlicher als lange angenommen.
- Eine Expertengruppe des Bunds rät nun offiziell dazu, gar keinen Alkohol zu trinken.
- Die Wein-Branche stört sich an der Empfehlung – sie sei «angsteinflössend».
Ein Glas Wein am Tag ist gesund für das Herz – diese alte Faustregel ist inzwischen als Mythos entlarvt. In den vergangenen Jahren zeichnete sich zunehmend ab, dass Alkohol noch schädlicher ist als lange angenommen.
Nun reagiert auch eine Expertenkommission des Bunds. Sie empfiehlt ab sofort in einer Mitteilung offiziell, gar keinen Alkohol zu trinken.
Hintergrund ist ein neuer Bericht der Kommission, in dem sie die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Alkoholkonsum zusammengetragen hat.
«Am sichersten, keinen Alkohol zu trinken»
Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention EKSN schreibt: «Alkohol verursacht eine erhebliche Krankheitslast und Sterblichkeit.»
Der aktuelle Forschungsstand zeige, dass auch der Konsum geringer Mengen mit Gesundheitsrisiken in Verbindung gebracht werde. «Insbesondere mit verschiedenen Krebsarten», heisst es.

Frühere Annahmen, dass eine geringe Menge Alkohol möglicherweise gesundheitsfördernd sei, seien methodisch nicht ausreichend abgesichert gewesen. Die Forschung dazu war also qualitativ ungenügend.
Der Rat der Expertenkommission: «Für die eigene Gesundheit ist es deshalb am sichersten, keinen Alkohol zu trinken, vor allem in bestimmten Lebensabschnitten. Für alle, die nicht auf Alkohol verzichten wollen oder können, gilt: Weniger ist besser.»
Die Kommission räumt ein, dass es eine individuelle Entscheidung sei. Sie stellt zwei neue Dokumente mit den neuesten Erkenntnissen zur Verfügung, damit man diese Entscheidung gut informiert fällen könne.
«Angsteinflössende Aussage»
In der Schweizer Weinbranche kommt die Mitteilung der Experten nicht gut an. Für rote Köpfe sorgt insbesondere die deutliche Äusserung, es sei am «sichersten, keinen Alkohol zu trinken».
Olivier Savoy von der Branchenorganisation Vereinigung Schweizer Weinhandel VSW kritisiert bei Nau.ch: «Das ist eine undifferenzierte, marktschreierische und angsteinflössende Aussage.»
Er gibt zu bedenken, dass 13 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz einen Freizeitunfall erleiden. «Trotzdem werden an Skiliften keine Warntafeln mit dem Hinweis aufgestellt, dass Sport zu schweren Verletzungen führen oder tödlich sein kann!»
Dabei liege der Prozentsatz bei Freizeitunfällen in der Grössenordnung der rund 15 Prozent der Bevölkerung, die «einen risikoreichen Alkoholkonsum haben».
«Anders gesagt: 85 Prozent der Bevölkerung weiss, wie mit dem Konsum von Wein und anderen alkoholischen Getränken umzugehen ist. Wir haben keinen alkoholpolitischen Notstand in der Schweiz.»
Die neuesten Zahlen zum Alkoholkonsum stammen aus dem Jahr 2022 – das Bundesamt für Statistik erhob sie bei einer Gesundheitsbefragung. Der genaue Anteil der Personen, die riskant trinken, beträgt 16,4 Prozent. 3,9 Prozent weist laut der Befragung einen chronisch problematischen Konsum auf.
Schweizer trinken weniger Alkohol
Für die Weinhandel-Branchenorganisation ist darum klar: «Wir sehen keinen Grund, von den bewährten Prinzipien von Wine in Moderation (Deutsch: Wein in Massen, Anmerkung d. Redaktion) abzuweichen.»
Ja zum Genuss also, stellt Savoy klar. Gleichzeitig betont auch er, dass der missbräuchliche Alkoholkonsum zu bekämpfen sei.
Die neue Empfehlung kommt nicht aus dem Nichts. Bereits seit einigen Jahren zeigen Studien immer wieder auf, dass Alkohol schädlicher ist als bisher angenommen.
Auch Konsumentinnen und Konsumenten haben bekanntlich bereits reagiert: In der Schweiz wird immer weniger Alkohol getrunken.
Die Schweizer Weinbranche trifft das natürlich besonders. Weil die Umsätze stark eingebrochen sind, greift ihr sogar die Politik unter die Arme.
Politik unterstützt Winzer
Das Parlament sprach im Dezember zehn Millionen Franken zur Unterstützung der Branche. Vergangene Woche hat der Bundesrat zudem eine staatliche «Abwrackprämie» beschlossen.
Das heisst: Winzerinnen und Winzer erhalten Subventionen dafür, wenn sie weniger Reben anbauen. Das Geld bekommt in den nächsten zwei Jahren, wer Teile seiner Reben rodet und Flächen stilllegt.
Finanziert wird das Ganze aus den zehn Millionen, die das Parlament beschlossen hat. Beide Massnahmen sind umstritten. Kritik kommt vor allem von Links.
Ein weiterer Lichtblick für die Weinbranche: «Es wird wohl weniger getrunken. Doch qualitativ deutlich besser und zu interessanteren Umsätzen», sagt Savoy von der Vereinigung Schweizer Weinhandel.
Zudem werde die Qualität von alkoholreduzierten und -freien Alternativen immer besser. Die Nachfrage nach alkoholfreiem Wein steige langsam.














