Blinde Seniorin: «Habe mich an E-Trottis schon verletzt»
Brigitte Bächtold ist mit 16 Jahren erblindet. Die Seniorin bewegt sich dank weissem Stock und Hund sicher in der Stadt. Doch E-Trottis seien ein Problem.

Das Wichtigste in Kürze
- Brigitte Bächtold, eine erblindete Person, spricht über Hürden und Unterstützung im Alltag.
- E-Trottinette sieht die Zürcherin als Gefahr: Sie hat sich daran bereits verletzt.
- Bächtold wünscht sich von den Mitmenschen mehr Rücksicht.
Eines Tages wachte Brigitte Bächtold auf und sah nichts mehr. Die damals 16-Jährige besuchte ein Internat für sehbehinderte Menschen in Zollikofen BE, ihr wurde vier Jahre zuvor eine unbekannte Augenkrankheit diagnostiziert, die heute Uveitis genannt wird. Ihre Sehkraft nahm schleichend ab, doch dass sie so plötzlich erblindet, darauf war sie nicht vorbereitet.
«Ich weiss noch, wie ich meiner Zimmerkollegin Maya sagte, sie soll das Licht anmachen, es sei dunkel, doch dieses war bereits an», sagt Bächtold. Danach lernte sie schnell, Blindenschrift und Blindenstock zu verwenden.
Handy schwätzt
Heute hat sich Bächtold ihrem Schicksal gefügt. Die 62-Jährige lebt in einer Genossenschaftswohnung in Altstetten mit ihrem Blindenführhund Solo, einem schwarzen Labrador.
Das neu gebaute Haus ist mit hochtechnologischen Geräten ausgestattet, doch die Genossenschaft hat auf ihren Wunsch Herd und Backofen mit Schalter eingebaut, denn Displays kann sie nicht bedienen.

In der Wohnung ist es dunkel trotz Tageslicht. Bächtold entschuldigt sich: «Mir macht das eben nichts aus.» Meistens sieht sie Grau, manchmal ein Kaleidoskop an Farben.
Dass sie früher sehend war, hilft ihr beim räumlichen Vorstellungsvermögen. Das Wohnzimmer ist blitzblank, das verdankt die gebürtige Schaffhauserin ihrer «Putzperle», wie sie die Putzfrau nennt. Auch sonst bekommt sie viel Unterstützung.
Im Haus kennt man sie, die Nachbarn helfen ihr oder gehen mit dem Hund spazieren. Mit sehbehinderten Bekannten tauscht sie Tipps aus, doch es sei auch wichtig, am Leben der Sehenden teilzunehmen. Bächtolds Alltag ist bestens eingespielt.
Die Wege, die sie häufig geht, hat der Hundeinstruktor mit Solo trainiert. So kann sie einkaufen sowie Gassi, zur Arbeit oder zum Arzt gehen. Die heutige Technologie hilft ihr sehr.
Sie kann das Handy mit der Stimme bedienen und dieses «schwätzt» zurück, wie Bächtold lachend sagt. Auch der Laptop liest ihr die Mails vor, schreiben kann sie mit dem Zehnfingersystem.
Zu viele Leute
Am Abend ist die Seniorin jeweils müde, denn sich in der Stadt zu bewegen, brauche viel Konzentration. Zürich sei eine ziemlich hektische und anstrengende Stadt. Vor allem am HB sei ihr mit den vielen Leuten zu viel los.
Deswegen fragt sie nach einer Bahnhofshilfe, wenn sie ihre Tochter im Berner Oberland besuchen geht. «Ich freue mich, wenn ich in meine Oase zurückkehren kann», sagt Bächtold. Für sie sei nun Zeit, etwas herunterzufahren.
Zurzeit arbeitet sie noch als Blindenschriftlehrerin beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband, doch sie bereitet sich auf die Pensionierung vor. Abgesehen von den gestressten Leuten sei Zürich gut für blinde Menschen ausgestattet.
Bächtold schätzt die Leitlinien an Bahnhöfen wie auch an Tram- und Bushaltestellen. Auch die Aufmerksamkeitsfelder, welche die erste Türe des ÖV markieren, seien hilfreich. Die vordersten Sitze sind für Menschen mit beeinträchtigter Mobilität reserviert.
Zwar erlebt Bächtold, dass die meisten aufstehen und ihr einen Platz freimachen, doch es gebe immer jemanden, der mit Stöpseln in den Ohren aufs Handy glotzt und nichts merke. «Ich wünschte mir, dass die Leute achtsamer unterwegs sind, zum Teil fehlt es ein wenig an Rücksicht.»
Es brauche auch mehr Aufklärung, denn einige wüssten nicht, für was die Leitlinien sind und würden diese nicht freihalten. Bächtold würde es auch begrüssen, dass die Ampeln anstatt zu vibrieren ein akustisches Signal von sich geben würden.
Zudem fände sie es sinnvoll, wenn an Bahnhöfen mehr Informationen akustisch vermittelt würden. Doch das grösste Problem für sehbehinderte Menschen in Zürich seien die E-Trottinette. «Sie stehen einfach wild herum, sie sind gefährliche Hindernisse, ich habe mich schon oft darin verheddert und sogar verletzt», sagt Bächtold.

Zudem flitzen diese geräuschlos an einem vorbei. Die Behörden wollen ab nächstem Jahr die Zahl der Fahrzeuge um die Hälfte reduzieren. «Meiner Meinung nach gehören sie ganz abgeschafft.»
Hund mit einem Job
Nach dem Gespräch geht Bächtold mit dem Hund raus. Es regnet, doch sie zieht die Kapuze hoch und schreitet bestimmt dem Trottoir entlang. Mit Solo, ihrem sechsten Hund, spricht sie Italienisch, die schweizerische Blindenführhundesprache.
Wenn sie «scala» sagt, hält Solo prompt bei den Stufen inne. Sagt sie «destra», geht er nach rechts. Blindenhunde können bis zu 30 Kommandos verstehen und werden in spezialisierten Zuchten trainiert, die Kosten trägt die IV.
«Es ist ein normaler Hund, einfach mit einem Job.» Wir erreichen die Strasse. Bächtold lauscht vorsichtig und hört Autos schon von weitem. Erst wenn es ganz ruhig ist, geht sie über die Strasse und läuft von dannen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








