Beschnittene Männer blechen für Vorhaut-Wiederherstellung

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Die meisten Beschneidungen sind medizinisch gesehen nicht notwendig. Betroffene kämpfen mit Sex-Frust. Ein teurer Eingriff verspricht Abhilfe.

Plastische Chirurgie
Die plastische Chirurgie kennt immer mehr Methoden zur chirurgischen Vorhauts-Wiederherstellung. Doch der Eingriff ist mit Risiken verbunden. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Schätzungsweise sind über zehn Prozent aller Schweizer Buben und Männer beschnitten.
  • Viele in jungen Jahren beschnittene Männer leiden unter den Folgen. Und wollen ihre Vorhaut zurück.
  • Neben Dehnübungen gibt es immer mehr chirurgische Eingriffe zur Vorhaut-Wiederherstellung.
  • Die Eingriffe sind teuer und bergen Gefahren.

Kaum ein religiöses Ritual sorgt so früh im Leben eines Kindes für eine Entscheidung über den eigenen Körper: die Beschneidung.

Jüdische Buben werden traditionell am achten Tag nach der Geburt beschnitten. Auch in anderen Religionen und aus hygienischen Gründen ist der Eingriff verbreitet. Oft wird nicht gewartet, bis das Kind einer Beschneidung einwilligen kann.

Und dies, obwohl die Beschneidung medizinisch gesehen in der Regel nicht nötig wäre.

«Beschneidung nur selten notwendig»

Laura Zaccaria von der Schweizerischen Gesellschaft für Kinderchirurgie bestätigt gegenüber Nau.ch: «Eine vollständige Beschneidung ist aus kinderchirurgischer Sicht nur selten notwendig.»

Nur in bestimmten Fällen könne ein Eingriff medizinisch angezeigt sein: etwa bei wiederkehrenden Entzündungen mit Narbenbildung, einer chronischen Hauterkrankung wie Lichen sclerosus, einer eingeklemmten Vorhaut oder Schmerzen bei der Erektion.

Diese Tatsache sorgt bei manchen Betroffenen für Frust. Männer, die im Kindesalter beschnitten wurden, kritisieren, dass sie in diese Entscheidung nicht einbezogen wurden.

Reddit
In Online-Foren tauschen sich beschnittene Männer über die Möglichkeiten nach einer Vorhaut-Wiederherstellung aus. - Screenshot Reddit

In Online-Foren berichten Betroffene von Sex-Frust. Sie führen dies unter anderem darauf zurück, dass die Vorhaut mit ihren Nervenenden entfernt wurde und die Eichel dauerhaft freiliegt.

Dadurch stumpfe der Penis ab. Manche berichten von weniger Sensibilität oder sexuellen Schwierigkeiten wie Erektionsstörungen.

Schönheitschirurgie antwortet auf Sex-Frust von beschnittenen Männern

Für einige Männer ist daher klar: Sie wollen ihre Vorhaut zurück.

Die österreichische Zeitung «Der Standard» berichtete kürzlich über den Lifestyle-Trend der Subkultur. Im Fokus stehen demnach zwei Methoden: das manuelle Ziehen an der Haut sowie chirurgische Eingriffe.

In der Schönheitschirurgie gibt es dafür verschiedene Methoden: Entweder wird Haut eines anderen Körperteils, etwa vom Hodensack, transplantiert.

Oder aber Haut wird verschoben oder der Penis vorübergehend in anderes Gewebe eingebettet, damit neues Gewebe entstehen kann.

Nau.ch weiss: Auch hierzulande werden solche Eingriffe durchgeführt.

Matthias Waldner, Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie an der Zürcher Clinic Utoquai, bestätigt gegenüber Nau.ch: «Das ist ein spezielles Thema, mit dem ich in der Tat schon öfters in Kontakt gekommen bin.»

«Invasives Verfahren, das Risiken birgt»

Er erklärt: «Es ist technisch durchaus möglich, chirurgisch Haut zu rekrutieren.»

Allerdings handle es sich dabei um «ein recht invasives Verfahren, das Risiken birgt».

Zudem geht der Eingriff ins Geld: «Kostenmässig liegen wir hier bei rund 7000 bis 8000 Franken

Matthias Waldner
PD Dr. med. Matthias Waldner ist Arzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Er rät zu konservativeren Methoden zur Wiederherstellung der Vorhaut. - www.clinicutoquai.ch

Dieser Eingriff sei daher nicht die erste Wahl, so Waldner. «Ich bevorzuge zunächst konservativere Methoden wie Dehnen, um die Situation zu verbessern.»

Und: «Eine sexualtherapeutische Begleitung in diesem Prozess ist durchaus sinnvoll.»

Weit verbreitet sind die Eingriffe in der Schweiz aber offenbar nicht.

«Würde nie schöner aussehen»

David Eyer, Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie an der Clinique Delc in Biel und Grenchen, sagt zu Nau.ch: «Noch nie hat mich ein Mann nur schon angefragt über eine Vorhaut–Wiederherstellung.»

Bei ihm melden sich stattdessen vor allem Betroffene nach misslungenen Beschneidungen. Sie fragen nach möglichen Korrekturen, Verbesserungen oder suchen Hilfe bei bestehenden Schmerzen.

Guiliano Lenz von der Gentlemen’s Clinic in Zürich ergänzt gegenüber Nau.ch: «Wir stellen selbst keine Vorhaut her, wenn diese einmal entfernt wurde.»

Er würde dies auch nicht empfehlen. «Durch die vielen ‹Schwankungen› durch den Schwellkörper würde das nie wirklich schöner und besser aussehen oder funktionieren.»

Auch Ephraim und Manasseh Seidenberg bestätigen im Gespräch mit Nau.ch: Vorhautrekonstruktionen mittels chirurgischer Eingriffe bleiben bislang ein seltenes Randphänomen.

Seidenberg
Ephraim Seidenberg (links) und Manasseh Seidenberg setzen sich für genitale Selbstbestimmung ein. - zvg

Die beiden Brüder stammen aus einer jüdischen Familie aus Zürich. Beide wurden früh beschnitten und kämpfen bis heute mit den Folgen der Beschneidung.

Mit ihrem Verein «prepuce.ch» setzen sie sich für den Schutz von Kindern vor medizinisch nicht notwendigen Beschneidungen ein. Im Mittelpunkt steht das Recht auf genitale Selbstbestimmung.

Betroffene sehen chirurgische Vorhaut-Wiederherstellung kritisch

Chirurgische Eingriffe zur Vorhaut-Wiederherstellung müsse man kritisch betrachten, meint Ephraim Seidenberg.

«Die Beschwerden entstehen durch das Abschneiden der Vorhaut, also durch einen chirurgischen Eingriff. Wer versucht, diese Probleme mit einem weiteren Eingriff zu beheben, geht damit jedoch auch das Risiko neuer Komplikationen ein.»

Sein Bruder Manasseh Seidenberg betont, dass chirurgische Eingriffe vor allem dann sinnvoll sein könnten, wenn zusätzliche Probleme bestehen. Wie starke Narben oder Schmerzen.

«Dann kann ein Eingriff eine Verbesserung bringen», sagt er. «Aber es bleibt immer ein Eingriff an einem Körperteil, dessen ursprünglicher Zustand nicht zurückgebracht werden kann.»

Deshalb seien solche Massnahmen «wirklich die allerletzte Möglichkeit».

Dehnung
Für den Dehnungs-Prozess gibt es verschiedene Hilfsmittel zu kaufen. - ARGUS-Kinderschutz (www.argus-kinderschutz.org)

Bei Dehnungsmethoden wird die verbliebene Haut über längere Zeit schrittweise gedehnt, sodass zusätzliches Gewebe entstehen kann. Hierfür sind verschiedene Hilfsmittel und Geräte erhältlich, die den Dehnungsprozess unterstützen.

Auch Ephraim und Manasseh Seidenberg haben diesen Weg gewählt. Der Prozess sei jedoch anspruchsvoll und langwierig. «Das braucht viel Ausdauer und Geduld. Es kann sich über Jahre hinziehen», beschreibt Ephraim Seidenberg seine Erfahrungen.

Wie lange der Prozess dauert, hängt unter anderem davon ab, wie viel Gewebe ursprünglich entfernt wurde. Ausserdem spielt eine wichtige Rolle, wie konsequent die Betroffenen die Dehnungsübungen durchführen.

Menschliche Vorhaut ist 80 Quadratzentimeter gross

Die Fläche der menschlichen Vorhaut beträgt bei Erwachsenen im Durchschnitt rund 80 Quadratzentimeter. Die nach einem Eingriff übriggebliebene Vorhaut wird also nach vorne gedehnt.

Doch: Die durch das Dehnen gewonnene Vorhaut ist nicht vergleichbar mit der ursprünglichen.

«Die neu gewonnene Haut kann zwar bestimmte Funktionen und Eigenschaften teilweise übernehmen. Die ursprüngliche Vorhaut mit all ihren Strukturen ist aber für immer verloren», sagt er.

Ephraim Seidenberg
Ephraim Seidenberg sagt: «Es ist ein ganz anderes Grundgefühl. Der Prozess hat sich gelohnt.» - zvg

Trotzdem berichten die Brüder von positiven Erfahrungen. «Es ist ein ganz anderes Grundgefühl», sagt Ephraim Seidenberg. «Für uns beide hat sich der Prozess gelohnt.»

Dabei gehe es nicht nur um sexuelle Aspekte, sondern auch um den Alltag. Die Bedeckung der Eichel könne etwa Reibung reduzieren und das eigene Körpergefühl verändern. «Die Eichel ist dadurch wieder geschützt und nicht mehr ständig äusseren Reizen ausgesetzt», sagt Ephraim Seidenberg.

Manasseh Seidenberg beschreibt den Prozess insbesondere auch als Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. «Ich habe meinen Körper neu kennengelernt», sagt er.

«Bin nicht aufgewacht und dachte, mir fehlt meine Vorhaut»

Viele Betroffene würden erst mit der Zeit verstehen, welche Bedeutung die Vorhaut eigentlich habe. Gerade auch, weil der Eingriff oft schon im Kindesalter durchgeführt wird.

«Ich bin nicht einfach eines Tages aufgewacht mit dem Gedanken: Jetzt fehlt mir meine Vorhaut. Erst als ich mich bewusst damit auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, welche Funktionen dieses Körperteil überhaupt hat. Ich erkannte, was der Verlust für mich bedeutet.»

Manasseh Seidenberg
Manasseh Seidenberg sagt: «Ich erkannte, was der Verlust für mich bedeutet. - zvg

Diese Erfahrungen führen Seidenberg und seinen Bruder aber zurück zu einer grundsätzlichen Kritik an Beschneidungen im Kindesalter.

«Das Hauptproblem ist, dass der Eingriff ohne das Einverständnis der betroffenen Person erfolgt. Das missachtet ihre körperliche Selbstbestimmung», sagt Manasseh Seidenberg. «Es ist ein Übergriff.»

Ein weiteres Problem sei, dass für den Eingriff keine wissenschaftlichen Standards bestünden, weder in der Indikationsstellung noch in der Durchführung. Gerade im religiösen Kontext führten ihn zudem oft Personen ohne medizinische Ausbildung durch.

Anzeige in Zürich wegen gefährlichen Beschneidungen

Dabei kommt es immer wieder zu wüsten Szenen.

Erst im Mai wurde bekannt, dass bei der Zürcher Staatsanwaltschaft eine Anzeige wegen mutmasslich gefährlicher Beschneidungen eingereicht wurde. Dabei soll unter anderem nach dem Eingriff unter anderem Blut von der frischen Wunde mit dem Mund abgesaugt worden sein.

Die eingegangene Anzeige befinde sich weiterhin in Prüfung, teilt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit.

Sollten Beschneidungen aus nicht-medizinischen Gründen bei Kindern verboten werden?

Der Verein «prepuce.ch» lehnt nur medizinisch nicht notwendige Beschneidungen bei Kindern ab. Er stellt sich auf den Standpunkt, dass diese als Körperverletzung bereits verboten sein müssten.

Erwachsenen Männern stehe es frei, den Eingriff nach vollumfänglicher Aufklärung auf eigenen Wunsch durchführen zu lassen.

Immer mehr Erwachsene lassen sich beschneiden

Trotz der Nebenwirkungen entscheiden sich offenbar immer mehr erwachsene Männer zu einem solchen Schritt.

Guiliano Lenz von der Gentlemen’s Clinic in Zürich, die Beschneidungen erst ab 18 Jahren durchführt, bestätigt gegenüber Nau.ch: «Wir verzeichnen seit 2020 eine Zunahme von etwa elf Prozent pro Jahr.»

Die meisten würden den Eingriff aus hygienischen oder ästhetischen Gründen durchführen. «Einige sagen zudem, sie wollen sich beschneiden lassen, weil sie beim Sex zu schnell kommen.»

Die Männer erhoffen sich, dass die Eichel nach dem Eingriff weniger sensibel ist. Ob der gewünschte Effekt tatsächlich eintritt, sei der Klinik aber bislang noch nie zurückgemeldet worden. Bislang seien zumindest alle zufrieden gewesen, meint Lenz.

Wie viele Buben und Männer genau in der Schweiz insgesamt beschnitten sind, ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge liegt der Anteil bei über zehn Prozent.

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Kommentare

User #5529 (nicht angemeldet)

Sich als Mann die Vorhaut entfernen zu lassen hat in der modernen Zeit überahupt nichts mehr mit Religion zu tun sondern nur noch mit Hygiene. Es stinkt nicht mehr.

User #4508 (nicht angemeldet)

Eine Vorhaut aus Latex, nein danke

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