Berufsbildner haben zu wenig Zeit für ihre Lernenden
Viele Lernende kämpfen mit psychischen Problemen – gleichzeitig fehlt Ausbildnern oft die Zeit. Das hängt offensichtlich zusammen.

Das Wichtigste in Kürze
- Zeitmangel hindert Berufsbildner daran, Probleme der Lernenden frühzeitig zu erkennen.
- 24 Prozent der Lernenden brechen vorzeitig ihre Ausbildung ab.
- Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert mehr Schutz und strengere Kontrollen.
Die Schweizer Lehre gilt als Erfolgsmodell – doch hinter den Kulissen zeigen sich Risse. Die «WorkMed»-Studie von 2025 der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigt: 76 Prozent der Berufsbildner haben zu wenig Zeit für die Ausbildung von Lernenden. Gleichzeitig kämpft ein grosser Teil der Lernenden mit psychischen Problemen.

Zwei Entwicklungen, die eine zentrale Frage aufwerfen: Steckt hinter der Belastung vieler Lernender ein strukturelles Problem im System der Berufsbildung?
Die aktuelle Studie bestätigt: «Je stärker die Unterstützung durch den Lehrbetrieb, die Berufsbildenden sowie die Lehrpersonen ist, desto seltener denken Lernende an einen Abbruch.»
Umgekehrt gilt: Fehlt diese Unterstützung, ziehen Lernende einen Lehrabbruch häufiger in Betracht.
Unwohlsein frühzeitig erkennen
Nadia Lamamra ist Professorin an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung EHB und forscht zur Situation von Lernenden und Ausbildenden. «Wenn Ausbildende mehr Zeit dafür haben, Lernende zu begleiten, sind sie besser in der Lage, Unwohlsein frühzeitig zu erkennen.»
Denn: «Der Umgang mit gesundheitsbezogenen Fragen hängt heute oft vom persönlichen Engagement der Ausbildenden ab», sagt sie.

Die Forschung von ihr und ihrem Team zeigt, dass es auch einen Zusammenhang zwischen physischer Gesundheit (Arbeitssicherheit) und dem Zeitmangel der Ausbildenden gebe.
Wenn Lernende Aufgaben selbstständig erledigen würden, damit Ausbildende die Produktion oder den Service sicherstellten, fehle oft die Zeit für Betreuung. «So bleibt etwa keine Möglichkeit, Bewegungsabläufe oder die Körperhaltung bei der Arbeit zu überprüfen.»
Gibt es ein strukturelles Problem?
«Leider gibt es zu viele Betriebe, die schlecht ausbilden, aber diese Gründe werden kaum seriös erfasst», sagt Nicole Cornu. Sie ist Bildungsexpertin und Gewerkschafterin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Sie verweist auf Zahlen des Bundesamts für Statistik. Es wurden 53'400 Personen befragt, die 2018 erstmals eine duale berufliche Grundbildung begonnen hatten.

«Die Zahlen zeigen, dass 24 Prozent der Lernenden mindestens eine Lehrvertragsauflösung erleben.» 62 Prozent dieser Vertragsauflösungen würden bereits im ersten Lehrjahr erfolgen. Besonders betroffen seien das Coiffeur- und Gastgewerbe.

Die Gründe für Lehrabbrüche seien divers, sagt Cornu: «Es ist ein Zusammenspiel von individuellen Voraussetzungen, sozialen Konflikten am Arbeitsplatz sowie betrieblichen und beruflichen Ausbildungsbedingungen.»
Entscheidend seien häufig nicht mangelnde Motivation oder fehlende Leistungsbereitschaft der Jugendlichen, sondern «die Qualität der Ausbildung und der Arbeitsbedingungen».
Es braucht mehr zeitliche Ressourcen
Welche Massnahmen könnten helfen? Lamamra sagt: «Ein Lösungsansatz könnte darin bestehen, mehr zeitliche Ressourcen in Form einer Entlastung für die Ausbildenden vorzusehen – dies insbesondere zu Beginn der Ausblidung und kurz vor den abschliessenden Prüfungen.» Für manche Branchen sei dies wegen saisonal unterschiedlicher Belastung allerdings herausfordernd.

Cornu positioniert sich deutlicher: «Lernende sind häufig minderjährig und damit sehr verletzlich. Sie befinden sich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum Lehrbetrieb und benötigen deshalb besonderen Schutz.»
Aus Sicht des SGB brauche es deshalb insbesondere mehr Zeit und bessere Qualifizierung für Berufsbildnerinnen und Berufsbildner. Ebenfalls werden eine «stärkere kantonale Lehraufsicht und mehr systematische Kontrollen der Ausbildungsqualität» gefordert.
Die Forderung des SGB lautet deshalb acht Wochen Ferien für Lernende. «Erholung ist kein Luxus», sondern sei gerade bei Jugendlichen eine Voraussetzung für Gesundheit und Lernfähigkeit.
Trotz der Umstände macht eine Zahl aus der Studie Hoffnung: Knapp die Hälfte der Lernenden (47.3 Prozent) kann sich vorstellen, ihr Wissen später als Berufsbildnerin oder Berufsbildner weiterzugeben.








