Bei diesen Produkten drohen jetzt höhere Preise und Engpässe

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Die Folgen des Iran-Kriegs treffen mehr als Benzin und Heizöl. Auch Verpackungen, Medikamente und Dünger geraten in der Schweiz unter Druck.

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Die Folgen des Kriegs treffen mehr als Benzin und Heizöl. Auch Verpackungen, Medikamente und Dünger geraten in der Schweiz unter Druck. - pexels/keystone/unsplash

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Iran-Krieg verteuert nicht nur Sprit, sondern auch viele Alltagsprodukte.
  • Kunststoffe und Verpackungen werden teurer, erste Rohstoffe sind knapper.
  • Bei Medikamenten drohen später Engpässe, vor allem bei absatzschwachen Nischenpräparaten.
  • Auch Dünger kostet mehr, weil Erdgas zentral für die Produktion ist.

Seit der (inzwischen teilweise aufgehobenen) Blockade der Strasse von Hormus dreht sich fast alles um Ölpreise, Treibstoff und Energieversorgung. Doch die Auswirkungen des Iran-Kriegs reichen weit über Benzin, Diesel und Heizöl hinaus.

Denn ein Teil von Öl und Gas wird nicht verbrannt, sondern weiterverarbeitet – etwa zu Kunststoffverpackungen, Düngemitteln oder Arzneimitteln.

Wenn Rohstoffe teurer werden, Lieferketten ins Stocken geraten oder Vorprodukte fehlen, macht sich das auch in der Schweiz bemerkbar.

Welche Produkte neben Sprit könnten bald teurer werden? Und wo muss mit Verzögerungen und Engpässen gerechnet werden? Nau.ch hat in drei besonders sensiblen Branchen nachgefragt.

Kunststoffbranche meldet erste Probleme

Etwa 99 Prozent aller weltweit hergestellten Plastikarten werden aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Entsprechend alarmiert zeigt sich der Branchenverband Kunststoff Swiss.

«Verschiedene Kunststoffe sind bereits schwieriger zu beschaffen», sagt Sprecherin Debora Rondinelli gegenüber Nau.ch. Betroffen seien insbesondere auch die Logistikketten.

Bereits Ende März warnte der Verband in einer Stellungnahme: Die Blockade der Strasse von Hormus, durch die fast 20 Prozent der weltweiten Rohöl- und Flüssigerdgastransporte verschifft werden, sei für die Kunststoffindustrie «besonders kritisch».

Denn diese Rohstoffe und deren Vorprodukte seien «essenziell für die Polymerproduktion in Europa». Synthetische Polymere bilden die Grundlage zahlreicher Alltagskunststoffe wie PET oder Polyurethan.

Zwar gilt die Versorgung der Schweiz mit Mineralölprodukten offiziell noch als sichergestellt. Laut dem Bund ist mittel- bis langfristig jedoch mit Preissteigerungen, Transportverzögerungen und Engpässen zu rechnen.

«Beim viel verwendeten Polyethylen zeigt der Index bereits eine Verdoppelung des Preises an», gibt Rondinelli zu bedenken. Polyethylen wird hauptsächlich für Folien und Verpackungen verwendet. Der vielseitig verwendbare Kunststoff kommt aber auch für Rohre und Kabelisolationen zum Einsatz.

«Verpackungen und Bauanwendungen sind die grössten Einsatzgebiete von Kunststoffen. Die Preise dieser Produkte werden steigen», stellt die Sprecherin unmissverständlich klar.

Plastiksäckli Jungfreisinnige
Polyethylen (PE) ist der am häufigsten verwendete Kunststoff für Plastiksäckli. Sein Preis hat sich seit Beginn des Iran-Kriegs verdoppelt. - Keystone

Patrick Penfield, Professor für Supply-Chain-Praxis an der Syracuse University, warnte kürzlich gegenüber dem US-Sender CNN: Produkte wie Einwegbesteck, Getränkeflaschen und Müllsäcke könnten in den kommenden Wochen deutlich teurer werden.

Nicht nur das: Höhere Verpackungskosten könnten innert zwei bis vier Monaten auch Lebensmittel verteuern, so Penfield.

Zumal die Spielräume der Branche begrenzt sind. Zwar gebe es alternative Lieferanten und Routen, sagt Rondinelli. «Sie sind aber sehr teuer, logistisch komplex und nicht immer sofort verfügbar.» Zudem seien bei Spezialprodukten Zulassungen erforderlich.

Arzneimittel vorerst stabil, aber längerfristig anfällig

Auch in vielen Medikamenten steckt Erdöl als Rohstoff. Etwa neun von zehn Tabletten werden heute aus Erdöl-Derivaten hergestellt.

Noch präsentiert sich die Lage in der Schweiz stabil. Bei der Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips) seien bislang keine direkten Rückmeldungen zu Versorgungsengpässen eingegangen, sagt Geschäftsführer Ernst Niemack.

Auch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hält auf Anfrage fest: «Aktuell ist die Versorgung mit Arzneimitteln in der Schweiz nicht vom Iran-Krieg betroffen.»

Arzneimittel
Derzeit ist die Versorgung mit Arzneimitteln in der Schweiz nicht vom Iran-Krieg betroffen. - unsplash

Doch je nach Dauer und Entwicklung des Krieges kann sich das ändern. Denn die Schweiz ist bei Medikamenten stark vom Ausland abhängig. «Die Arzneimittel-Branche ist global angelegt», betont das BWL. Viele Wirkstoffe und Hilfsstoffe würden in Asien hergestellt und über mehrere Länder weiterverarbeitet.

Heisst: Kommt es dort zu Verzögerungen oder höheren Kosten, kann sich das bis in die Schweiz auswirken.

Die Vips geht denn auch davon aus, dass die Herstellungs- und Logistikkosten im Zuge der aktuellen Krise steigen werden. «Weil die Preise kassenpflichtiger Medikamente in der Schweiz gesetzlich festgelegt sind, können die Kostensteigerungen aber nicht überwälzt werden», sagt Niemack.

Dadurch könnten laut der Vips vor allem volumenschwache Nischenprodukte unter Druck geraten. Darunter fallen zum Beispiel Kindermedikamente, Antibiotika oder Impfstoffe.

Gerade die teure Produktion von patentabgelaufenen Wirkstoffen in der Schweiz und in Europa dürften noch unrentabler werden, sagt Niemack.

Bereiten dir steigende Preise von Alltagsprodukten wegen des Iran-Kriegs Sorgen?

Betroffen seien aber auch «sehr billige» Präparate, also solche mit sehr tiefem Fabrikabgabepreis. Dort ist die Marge besonders klein – schon leicht höhere Produktions- oder Transportkosten können diese Produkte wirtschaftlich unattraktiv machen.

Wie bei den Kunststoffen sind auch bei den Arzneimitteln die Möglichkeiten, rasch zu reagieren, begrenzt. «Die Erschliessung alternativer Bezugsquellen benötigt immer sehr viel Zeit, da jeder Hersteller von Swissmedic geprüft werden muss», erklärt Niemack. Die Prüfung nehme ein bis zwei Jahre in Anspruch.

Zudem braucht auch die Anpassung von Produktionsmengen eine Vorlaufzeit von rund einem Jahr.

Einen gewissen Puffer bieten die Pflichtlager: Laut BWL reichen sie bei lebenswichtigen Humanarzneimitteln je nach Bereich für zwei bis vier Monate. Zudem soll die seit Sommer 2025 digitalisierte Meldeplattform drohende Engpässe frühzeitig sichtbar machen.

Dünger werden bereits teurer

Auch bei Düngemitteln spielt Erdgas eine Schlüsselrolle. Vor allem Harnstoff und andere Stickstoffdünger sind in der Herstellung extrem energieintensiv. «Konkret machen die Energiekosten bis 80 Prozent der Produktionskosten aus», erklärt Bänz Keller, Geschäftsführer des Düngemittelanbieters Landor.

Entsprechend haben sich die Turbulenzen im Nahen Osten bereits auf die Preise ausgewirkt. «Die Preise für Stickstoffdünger sind in Europa im Verlaufe der letzten Wochen insbesondere wegen steigender Gaspreise gestiegen», sagt Keller.

Dünger
Weil Dünger bereits im letzten Herbst im Vorbezugsystem erworben wurde, sind Schweizer Bauern derzeit weniger von Preisschwankungen betroffen. - afp

Die gute Nachricht aus Schweizer Sicht: Die Warenverfügbarkeit ist hierzulande aktuell sichergestellt – Wenn auch zu höheren Preisen.

Das hat massgeblich mit dem Schweizer Beschaffungssystem zu tun: Ein grosser Teil der Düngermenge für das Frühjahr wurde bereits im letzten Herbst vorbezogen – zu tieferen Preisen.

«Dadurch sind Schweizer Landwirte weniger stark von den Preisschwankungen und Logistikproblemen betroffen als Landwirte im übrigen Europa», sagt Keller.

Das könne sich aber ändern, wenn der Krieg im Iran noch lange andauere. In diesem Szenario sei auch damit zu rechnen, dass die anhaltend hohen Düngerpreise auf die Konsumentenpreise durchschlagen.

Kommentare

User #4727 (nicht angemeldet)

Autoreifen bestehen zu bis zu 60 Prozent aus Rohöl

User #4727 (nicht angemeldet)

Mineralöl wurde unter anderem von foodwatch bereits in zahlreichen Lebensmitteln wie Brühwürfeln, Schokolade, Reis, Babymilchpulver oder Speiseölen nachgewiesen . Wenn wir von Mineralöl sprechen sind sogenannte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe gemeint. Das sind chemische Verbindungen, die hauptsächlich aus Rohöl stammen .11.04.2022

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