Autismus & Epilepsie! «Ein Assistenzhund könnte mein Leben retten»
Anna-Maria Hofmann aus Romanshorn sammelt über GoFundMe für einen Assistenzhund. Dabei spricht die 28-Jährige offen über ihr komplexes Krankheitsbild.

Schon die ersten Worte des Spendenaufrufs machen klar, dass es hier um etwas Ernstes geht, dass hier jemand einen Hilferuf in die Online-Welt gesendet hat. Die Ausführungen, die nach «Mein letzter Ausweg» folgen, beschreiben eine Lebens- und Leidensgeschichte im Detail:
«Was von aussen vielleicht unauffällig wirkt, ist für mich jeden Tag ein enormer Kampf. Denn ich lebe gleichzeitig mit drei schweren Erkrankungen: Autismus, komplexe posttraumatische Belastungsstörung und Epilepsie.»
Anna-Maria Hofmann ist an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem ihre drei schweren Erkrankungen alle aufkommenden Lichtblicke schnell wieder zu verdunkeln scheinen.
Doch ein letzter Hoffnungsschimmer besteht. Denn Menschen mit einem ähnlichen Krankheitsbild konnten durch die Unterstützung eines Assistenzhundes wieder etwas Halt im Leben gewinnen.
Spendenaufruf gestartet
Anna-Maria Hofmann ist der Weg an die Öffentlichkeit nicht leicht gefallen. Doch die 28-Jährige ist mittlerweile so verzweifelt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sieht.

«Ein Assistenzhund könnte mein Leben retten. Doch hier in der Schweiz werden Assistenzhunde nur für Blinde und Kinder finanziert – und eine Ratenzahlung ist auch nicht möglich», erzählt Anna-Maria Hofmann in der Cafeteria der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, wo sie derzeit eine mehrwöchige ambulante Therapie macht.
Ein Assistenzhund wäre nicht nur ein Begleiter, der ihr in herausfordernden Situationen Unterstützung bieten würde, sondern er könnte in bestimmten Situationen im wahrsten Sinne des Wortes zum Lebensretter werden.
«Ein epileptischer Krampfanfall dauert bei rund 80 Prozent der Betroffenen rund 30 Sekunden. Meine Anfälle hören jedoch häufig nicht von selbst auf», erklärt Anna-Maria Hofmann. Ihr längster Anfall habe über drei Stunden gedauert, da sie nicht sofort die nötige Hilfe erhalten habe.
Und gerade darum würde in solchen Situationen ein Assistenzhund Gold wert sein. Denn er würde nicht nur das Bevorstehen eines Krampfanfalls bemerken und sie so zum Niederlegen auf den Boden auffordern, sondern er könnte auch Passanten in der Nähe zu Hilfe rufen:
«Der Hund würde durch Bellen auf das Ereignis aufmerksam machen. Und auf seiner Einsatzweste wären Instruktionen angebracht, die hilfsbereiten Menschen mitteilen würden, was sie zu machen haben.»
Der Krankheit ausgeliefert
Wenn Anna-Maria Hofmann einen epileptischen Krampfanfall hat, dann ist sie der Krankheit total ausgeliefert: «Ich nehme die Anfälle nicht bewusst wahr, sondern bin weg und nicht ansprechbar. Doch im Nachhinein zeigen sich mir häufig einzelne Erinnerungsfetzen des Geschehenen.»
Es dauere jedoch immer rund eine halbe Stunde, bis sie diese Orientierungslosigkeit überwunden habe und wieder klar denken könne. Und ein Assistenzhund könnte sie auch in dieser Phase unterstützen: «Der Assistenzhund würde sich dann auf mich legen, mich beschützen und mir durch seine Nähe Ruhe vermitteln.»
Anna-Maria Hofmann gibt während des Gesprächs jedoch auch zu verstehen, dass es den von ihr so gewünschten Assistenzhund momentan noch nicht gibt: «Jeder Hund ist einzigartig und muss auf die Person und deren Situation angepasst werden. Ein ausgebildeter Trainer würde mich bei der Ausbildung unterstützen.»

Somit wäre der Assistenzhund nicht nur ein wertvoller Begleiter und Unterstützer für die 28-Jährige, sondern auch eine Aufgabe, die ihrem Leben mehr Sinn geben würde: «Ein Assistenzhund wäre die meiste Zeit ein normaler Hund. Nur wenn er die Einsatzweste tragen würde, wäre er als mein Assistent am Arbeiten.»
Dieses «Gestältli», das auch Kenndecke genannt wird und nur von ausgebildeten Assistenzhunden getragen werden darf, sei darum wie eine Uniform bei uns Menschen. Und genau wie bei uns Menschen würden auch die Träger von ihr oft eine wichtige Dienstleistung erbringen.
Krankheiten, die prägen
Während die Epilepsie wohl die gefährlichste Erkrankung von Anna-Maria Hofmann ist, ist es nicht ihre einzige. Bei ihr wurde ebenfalls Autismus und eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.
«Ich war so froh, als ich die Diagnose bekam. Denn vorher habe ich immer gedacht, ich sei komisch und nicht krank», sagt sie während des Gesprächs und teilt Erinnerungen aus ihrer Kindheit mit, in denen sie sich oft unverstanden und allein gefühlt habe.
Denn selbst ihre Mutter hätte ja nicht ahnen können, dass hundsgewöhnliche Dinge bei ihr zu einer Reizüberflutung führen: «Meine Haare zu föhnen ist der Horror für mich. Denn der Lärm und der warme Windzug sind zu viel gleichzeitig für meine Sinne.»
Der Autismus ist dafür verantwortlich, dass ihr Hirn nicht die von ihm erwartete Filterfunktion übernimmt. Und dies nicht nur beim Föhnen, sondern auch in einer Konversation: «Ich höre alles gleichzeitig. Mein Hirn sagt mir nicht, was wichtig ist und was nicht.»
Was sie genau damit meint, zeigt sich ein paar Augenblicke später, als ein Arbeiter einen leeren Plattformwagen über den Vorplatz der Cafeteria zieht, was ein rumpelndes Geräusch erzeugt: «Solche Ablenkungen bringen mich total aus dem Konzept raus und ich beginne sofort zu stottern.»
Darum habe sie immer spezielle Ohrstöpsel, sogenannte Loops, griffbereit. Denn diese würden wie Kopfhörer mit Noise-cancelling-Funktion den Umgebungslärm für sie herausfiltern.
«Ohne diese Loops wäre ich auf grossen Bahnhöfen völlig verloren. Denn sie helfen meinem Hirn, den ganzen Umgebungslärm auszublenden und andere Dinge wahrzunehmen», erklärt Anna-Maria Hofmann.
Doch nicht nur ihr Gehör kann mit Reizen überflutet werden, erklärt die 28-Jährige: «All meine Sinne reagieren so auf Reize. Darum war das Essen von Rosenkohl lange Zeit für mich unmöglich und darum dusche ich immer mit kaltem Wasser.»
Der Autismus ist auch dafür verantwortlich, dass Anna-Maria Hofmann zeitblind ist: «Das Schlimmste für mich sind Termine am späten Nachmittag, zum Beispiel um 16 Uhr. Ich bin dann bereits um 9 Uhr morgens bereit, Schuhe angezogen, und warte, bis es Zeit zu gehen ist.»
Ihre Wahrnehmung von Zeit sei einfach anders, weshalb sie immer mehrere analoge Uhren bei sich trage und auch in der eigenen Wohnung mehrere aufgehängt habe:
«Manchmal meine ich, dass fünf Minuten vergangen sind, doch in Tat und Wahrheit waren es drei Stunden. Darum stelle ich vor Terminen alle Viertelstunde einen anderen Wecker – auch wenn dies heisst, dass es dann acht Weckrufe gibt.»
Auch die komplexe posttraumatische Belastungsstörung hat einen grossen Einfluss auf das Leben von Anna-Maria Hofmann. Ihre Traumata würden immer wieder zu Flashbacks und Panikattacken und somit zu einer Überforderung führen.
Obwohl sie auch viel Leid von anderen Menschen erfahren habe, hat vor allem auch das fehlende Verständnis für ihre Krankheiten tiefe Narben hinterlassen: «Mir wurde schon einige Male in medizinischen Institutionen vorgeworfen, dass ich nur simuliere und alles psychosomatisch ist. Und dies in Situationen, die bestimmt niemand freiwillig durchleben würde.»
Auch wenn sie jetzt eine Diagnose und eine 100-Prozent IV-Rente habe, die ihre Erkrankungen bestätigen würden, und sie wieder arbeiten wolle, sei es immer noch ganz schlimm für sie, wenn jemand ihr nicht glaube.
Ein verzweifelter Hilferuf
Die ganze Zeit während des Gesprächs spielt Anna-Maria Hofmann mit einem Fidget Toy. Sie habe immer mehrere dabei, denn diese würden ihr sehr dabei helfen, einer Konversation folgen zu können.
Und obwohl es den Anschein macht, dass sie dem Gespräch auch mit den Augen folgt, ist dem nicht so: «Blickkontakt ist zu viel für mich. Darum konzentriere ich mich beim Reden immer auf die Nasenspitze meines Gegenübers.»
So schwer es ihr auch falle, wolle sie dieses Gespräch trotzdem führen. Um auf ihren Wunsch, aber auch Autismus allgemein aufmerksam zu machen. Wie sehr sie die Unterstützung zu schätzen weiss, die sie auf ihren Aufruf bereits erhalten hat, ist auf ihrer GoFundMe-Seite zu sehen.
Sie bedankt sich persönlich für Spenden und betont, dass es ihr ein grosses Anliegen ist, im Gespräch, dies immer persönlich zu tun: «Ich nehme mir Zeit, mich für jede Spende zu bedanken. Ich tue dies nicht mit ‹Copy & Paste› und auch nicht mit Chat GPT, sondern immer von Herzen.»
Wer sich ein paar Minuten Zeit nimmt, ihren Spendenaufruf dort zu studieren, der merkt schnell, dass hier jemand einen Hilferuf in die Welt hinaus geschickt hat, der in einem Assistenzhund einen Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation gefunden hat: «Ich hätte dann eine Aufgabe und wäre nicht allein. Das würde mir meinen Alltag unglaublich erleichtern.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.







