Arm und reich: Schweizer Kita-Schere gehört zu den grössten Europas

    Simon Ulrich
    Simon Ulrich

    Bern,

    Eine Studie zeigt: Kaum wo ist die Kita-Nutzung so stark vom Einkommen abhängig wie bei uns. Experten sehen vor allem bei den hohen Kosten Handlungsbedarf.

    Kita
    Nur 13 Prozent der Kinder aus einkommensschwachen Familien besuchen in der Schweiz eine Kita. Hohe Kosten und komplizierte Anträge erschweren den Zugang. (Themenbild) - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • In der Schweiz hängt die Kita-Nutzung stark vom Einkommen der Eltern ab.
    • Bei Unter-Dreijährigen beträgt die Lücke zwischen arm und reich 37 Prozentpunkte.
    • Hauptgrund sind hohe Kosten, da Eltern rund 70 Prozent selbst zahlen.
    • Subventionen, Anträge und fehlende Angebote erschweren den Zugang zusätzlich.

    Ob man sein Kind in eine Kindertagesstätte schickt oder nicht, hängt in der Schweiz besonders stark vom Einkommen ab. Das zeigt eine neue Auswertung des deutschen ifo Instituts auf Basis von OECD-Daten.

    Die Schweizer Kita-Quote bei Kindern unter drei Jahren liegt im reichsten Einkommensdrittel demnach 37 Prozentpunkte höher als im ärmsten Drittel. Nur Frankreich weist eine noch grössere Differenz auf. Reiche Schweizer können es sich also viel öfter leisten, ihre kleinen Kinder in die Kita zu schicken.

    Henning Hermes vom ifo Zentrum für Bildungsökonomik hält gegenüber Nau.ch fest: «Das ist für ein so wohlhabendes Land eher untypisch.»

    Zum Vergleich: In den nordischen Ländern beträgt der Unterschied zwischen einkommensschwachen und einkommensstarken Familien weniger als zehn Prozentpunkte.

    Besonders auffällig ist, woher die Schweizer Differenz kommt: Im unteren Einkommensdrittel besuchen nur rund 13 Prozent der Kinder eine Kita.

    «Das ist einer der niedrigsten Werte in Europa», sagt Hermes. Mit rund 50 Prozent liege das obere Drittel dagegen im europäischen Mittelfeld.

    Hohe Kosten schrecken ab

    Der Hauptgrund für die grosse Kita-Schere dürften die Kosten sein.

    Hermes verweist auf einen deutlichen Unterschied zum Ausland: Im OECD-Durchschnitt übernimmt die öffentliche Hand rund 80 Prozent der Betreuungskosten.

    In der Schweiz bezahlen die Eltern laut dem Bildungsökonomen dagegen etwa 70 Prozent selbst. «Das trifft Familien mit niedrigem Einkommen besonders stark», sagt er.

    Susanne Stern
    Susanne Stern ist Geschäftsleiterin des Zürcher Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der familienergänzenden Betreuung. - Infras

    Auch Susanne Stern, Geschäftsleiterin des Forschungs- und Beratungsunternehmens Infras, sieht die hohe finanzielle Belastung als zentralen Erklärungsfaktor.

    Je nach Wohnort könne sie für Familien mit tiefen Einkommen sehr gross sein. «Nicht selten müssen Familien bis zu einem Drittel ihres Jahreseinkommens für eine Kita-Betreuung von zwei Kindern an zwei Tagen pro Woche ausgeben», sagt Stern.

    Dass Geld Familien tatsächlich von zusätzlicher Betreuung abhält, zeigen auch Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS).

    Bei Eltern mit ungedecktem Betreuungsbedarf waren finanzielle Gründe bereits 2018 der am häufigsten genannte Hinderungsgrund.

    Geld allein erklärt die Lücke nicht

    Doch hohe Tarife sind laut Stern nicht das einzige Problem.

    Häufig hängen Subventionen davon ab, dass beide Eltern arbeiten. Gerade Familien mit mehreren Belastungen (z.B. gesundheitliche Probleme, geringe schulische Bildung) erfüllen diese Voraussetzung nicht immer.

    Hinzu kommen komplizierte Anträge. Teilweise müssen Eltern die Kita-Rechnung zunächst vollständig bezahlen und erhalten später einen Teil zurück. «Dies ist eine hohe Hürde», sagt Stern.

    Was hält Familien deiner Meinung nach am ehesten davon ab, ihre Kinder in eine Kita zu schicken?

    Auch fehlende Informationen können abschrecken. Familien, die mit dem Schweizer Betreuungssystem wenig vertraut sind, müssten sich vielerorts selbst bei mehreren Kitas anmelden und sich auf Wartelisten setzen lassen.

    Anders läuft es etwa in Genf oder Lancy. Dort erfolgt die Kita-Anmeldung zentral über die Stadt, was den Zugang vereinfacht.

    Doch selbst ein unkompliziertes Verfahren hilft wenig, wenn vor Ort das Angebot fehlt. Gerade auf dem Land gebe es teilweise schlicht keine passende Betreuung, so Stern.

    Gemeinde entscheidet mit

    Ohnehin ist die Kinderbetreuung in der Schweiz stark vom Wohnort abhängig.

    Laut Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, unterscheiden sich die Bedingungen nicht nur kantonal, sondern oft von Gemeinde zu Gemeinde.

    Wie gross dabei die Spannweite sein kann, zeigt eine Credit-Suisse-Studie aus dem Jahr 2021, auf die der Branchenverband verweist.

    Demnach zahlte eine Familie mit mittlerem Einkommen je nach Wohnort bis zu fünfmal mehr für familienergänzende Betreuung.

    Vergleichsweise günstige Elterntarife fanden sich in Genf und Neuenburg. Besonders teuer war die Betreuung unter anderem in Uri sowie in mehreren weiteren Zentralschweizer Kantonen.

    Auch Stern sieht die Romandie als Vorbild. Besonders Genf investiere stark in die Kinderbetreuung. Gleiches gelte für Basel-Stadt.

    Hat sich die Situation inzwischen verbessert?

    Die ifo-Auswertung beruht für die Schweiz auf Daten aus dem Jahr 2021. Seither haben verschiedene Kantone und Gemeinden ihre Unterstützung ausgebaut.

    Die jüngsten BfS-Zahlen deuten zumindest auf eine Verbesserung hin. Allerdings umfassen sie sämtliche Kinder bis zwölf Jahre und alle Formen familienergänzender Betreuung.

    2024 wurden in der tiefsten Einkommensklasse 48 Prozent der Kinder familienergänzend betreut. Ein Jahr zuvor waren es 46 Prozent.

    In der höchsten Einkommensklasse sank der Anteil im gleichen Zeitraum leicht von 85 auf 84 Prozent.

    Einkauf Familie
    Laut BfS-Zahlen ist die Kita-Quote bei einkommensschwachen Familien zuletzt leicht angestiegen. Ein klarer Trend lasse sich daraus aber nicht ableiten. (Symbolbild) - keystone

    Ein klarer Trend lasse sich daraus allerdings nicht ableiten, erklärt das BfS gegenüber Nau.ch.

    Die Stichprobe sei zu klein, um zuverlässig zu sagen, ob sich die Unterschiede zwischen einkommensschwachen und einkommensstarken Familien über mehrere Jahre tatsächlich verkleinert haben.

    Stern sieht dennoch Fortschritte. Einzelne Kantone hätten neue Kita-Gesetze eingeführt.

    Zugleich hält sie den internationalen Befund weiterhin für aussagekräftig: «Ich denke, dass die OECD-Zahlen ein gutes Bild vermitteln.»

    Denn selbst dort, wo vergleichsweise viel Geld in Kinderbetreuung fliesse, bleibe die Nutzung durch einkommensschwächere Familien bescheiden.

    Neues Gesetz soll Eltern entlasten

    Zusätzliche Verbesserungen soll nun auch das neue Bundesgesetz zur familienergänzenden Kinderbetreuung bringen, das voraussichtlich Anfang 2028 in Kraft tritt. Berufstätige Eltern erhalten neu monatlich bis zu 500 Franken Betreuungszulage.

    Kibesuisse-Mediensprecher Maximiliano Wepfer spricht von einem «guten ersten Schritt in die richtige Richtung». Der Verband hätte sich allerdings eine weitergehende Lösung gewünscht.

    Wepfer betont: «Obwohl die Eltern mit der Betreuungszulage finanziell entlastet werden, tragen sie nach wie vor den grössten Teil der Betreuungskosten.»

    Kita
    Kibesuisse erachtet das neue Bundesgesetz als «guten ersten Schritt in die richtige Richtung». Nach wie vor trügen Eltern jedoch den grössten Teil der Betreuungskosten. (Symbolbild) - keystone

    Kibesuisse fordert deshalb auch Kantone und Gemeinden dazu auf, sich stärker und dauerhaft an der Finanzierung zu beteiligen.

    Dabei geht es nicht nur darum, ob Eltern mehr arbeiten können.

    Stern weist auf einen weiteren Punkt hin: «Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien würden am meisten von guter Kita-Betreuung profitieren.»

    Ohne diesen Zugang drohten ihnen schlechtere Startbedingungen in der Schule – mit möglichen Folgen für ihre gesamte Bildungslaufbahn.

    Kommentare

    User #3617 (nicht angemeldet)

    Die Kinderbetreuung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war flächendeckend, staatlich organisiert und ein zentrales politisches Instrument, um Frauen als Arbeitskräfte in die Wirtschaft zu integrieren. Die Erziehung war stark kollektiv- und ideologieorientiert. Schon früh gab es feste Pläne, Lieder und gemeinschaftliche Rituale, die auf den sozialistischen Staat vorbereiten sollten. Kritiker und spätere wissenschaftliche Aufarbeitungen (etwa durch Studien zu Wochenkrippen) wiesen auf die oft starren Abläufe, den Schlafmangel, den Personalmangel und mögliche traumatische Folgen der sehr frühen und langen Trennung von den Eltern hin.

    User #4556 (nicht angemeldet)

    Das ist alles gut und richtig so.

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