«Alle sind gegen mich»: So denken immer mehr Schweizer
Wut, Rachegelüste und endlose «Was wäre, wenn ...»-Schlaufen: Viele Menschen fühlen sich ungerecht behandelt. Das Phänomen hat inzwischen gar einen Namen.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Thema Verbitterungsstörung ist in der Fachwelt derzeit in aller Munde.
- Immer mehr Menschen klagen beim Arzt über andauernde Verbitterung.
- Dafür gibt es verschiedene Gründe – Social Media und Corona spielen eine Rolle.
Alle sind gegen mich. Das Leben ist so ungerecht – und: Eines Tages werden sie das noch bereuen. Solche und ähnliche Glaubenssätze bekommen Ärztinnen und Ärzte immer häufiger zu hören.
Viele fühlen sich heute derart unfair behandelt, dass es dafür inzwischen einen Begriff gibt: Die sogenannte Posttraumatische Verbitterungsstörung.
Hanne Scheerer, Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich PUK, sagt zu Nau.ch: «In Hausarztpraxen, Ambulatorien und Beratungsstellen nimmt die Gesprächshäufigkeit über anhaltende Verbitterung nach Unrechtserleben zu.»
Verbitterung erhält mehr Aufmerksamkeit
Über Verbitterung geklagt wird also häufiger – doch konkrete Zahlen fehlen. Ein Grund: Die Verbitterungsstörung ist keine offizielle Diagnose, sondern ein psychologisches Konzept.
Fachleute diagnostizieren Betroffenen laut Hanne Scheerer in der Regel eine Anpassungsstörung. Das ergänzende Konzept Verbitterungsstörung helfe, die Beschwerden genauer zu verstehen. So könnten sie besser behandelt werden.
Was ist eine Verbitterungsstörung?
Die typischen Merkmale:
1) ein klar benennbares Schlüsselerlebnis mit starkem Unrechtseindruck
2) dominierende Verbitterung mit Kränkung, Misstrauen und ausgeprägtem Gerechtigkeitsfokus
3) anhaltendes Grübeln («Was‑wäre‑wenn»-Schleifen), häufiges gedankliches Wiederaufrollen des Vorfalls sowie Reizbarkeit
4) aufdrängende Erinnerungen und situative Trigger (Jahrestage, Orte, Personen)
5) sozialer Rückzug und Verlust von Interesse an zuvor bedeutsamen Aktivitäten
6) körperliche Begleitsymptome wie Schlaf‑, Spannungs‑ oder Schmerzbeschwerden. Die Fähigkeit, andere Emotionen zu verspüren, bleibt oft erhalten; die Belastung ist thematisch eng auf das erlebte Unrecht fokussiert.
Die Expertin ordnet das Phänomen so ein: «Es ist denkbar, dass Schweizerinnen und Schweizer verbitterter geworden sind. Es ist aber auch möglich, dass es nur eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema gibt.»
Also, dass mehr Menschen ihre Verbitterung überhaupt ansprechen und die Fachwelt öfter darüber spricht.
Die Ursachen: Behörden-Entscheid, Degradierung und Co.
Die Symptome: «Verbitterung, Grübeln und Rückzug halten nach einem als ungerecht empfundenen Ereignis wochen- bis monatelang an.»
Das Umfeld merke das beispielsweise, weil viele Betroffene «das als Unrecht Erlebte häufig wiedererzählen».
«Weitere Warnzeichen sind unter anderem Reizbarkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Leistungseinbruch.»
Spätestens wenn Beschwerden über Wochen bestehen oder der Alltag merklich leidet, rät die Expertin zu einer fachlichen Abklärung.
«Posttraumatisch» bezieht sich bei der Verbitterungsstörung nicht auf ein lebensbedrohliches Ereignis, wie das bei der posttraumatischen Belastungsstörung sein kann.
Der Begriff beschreibt laut Scheerer hier ein als massives Unrecht erlebtes Geschehen. Dieses Ereignis muss wichtig sein für die Identität der betroffenen Person und ihren Selbstwert erschüttern.
«Zum Beispiel eine Kündigung, eine Zurücksetzung im Job oder ein behördlicher Entscheid», sagt sie.
Betroffene (48) grübelt nach Kündigung nächtelang
Sie berichtet über ein anonymisiertes Beispiel*, das ihr aus der Praxis bekannt ist: «Eine 48-jährige Fachperson verlor nach einem Organisationsumbau ihre Stelle. Sie erlebte das Vorgehen als ‹brüsk› und zutiefst unfair.»
Die Folge: «In den Monaten darauf dominierten Verbitterung, nächtliches Grübeln und sozialer Rückzug.»
Das hatte auch Auswirkungen auf das Berufsleben der betroffenen Person. «Versuche des Wiedereinstiegs scheiterten an der fixierten Beschäftigung mit dem Vorfall», erzählt Scheerer.
Soziale Medien verstärken Kränkungs-Gefühle
In diesem Fall war es also eine Kündigung, die die Störung auslöste. Doch warum scheinen immer mehr Menschen betroffen zu sein?
«Zum Eindruck einer Zunahme tragen verschiedene Faktoren bei», sagt die Expertin. «Die Menschen sind heute sensibilisierter, wenn es um Gerechtigkeits- und Würdefragen geht.»

Eine Rolle spielen dabei auch die sozialen Medien. «Sie verstärken Kränkungs-Narrative», erklärt Scheerer. Das Hauptproblem seien die bereits seit Jahren kritisierten Echokammern, auch Bubbles genannt.
«Im zwischenmenschlichen Kontakt sind wir stets anderen Perspektiven ausgesetzt», sagt die Expertin.
Anders sieht es im Netz aus: «Algorithmen in sozialen Medien neigen bekanntermassen dazu, mehr und intensiveres des Gleichen anzubieten. Dadurch werden wir weniger mit anderen Perspektiven konfrontiert.»
Das fühle sich oft angenehm an. Doch es hat eben auch Nachteile. Scheerer erklärt: «So kommen uns Fähigkeiten wie die Auseinandersetzung mit anderen Ansichten und Perspektivübernahme abhanden.»
Fähigkeiten, die eigentlich wichtig wären – gerade «im Umgang mit Ärger, Kränkung und Einsamkeit.»
Corona hat immer noch einen Einfluss
Doch auch die Pandemie beeinflusst das Phänomen, wie Hanne Scheerer sagt. «Konflikte und Überlastung wirken immer noch nach.»

Hinzu kommen wirtschaftliche Unsicherheiten und verdichtete Arbeits- und Organisationsprozesse. In vielen Betrieben muss mehr schneller gemacht werden – auch das birgt das Potenzial, dass sich Mitarbeitende unfair behandelt fühlen.
«Gleichzeitig führt bessere Früherkennung dazu, dass Betroffene früher Hilfe suchen», sagt Scheerer.
Wie Verbitterung Radikalisierung fördern kann
Sozialer Rückzug, ein grosses Ungerechtigkeits-Empfinden, Reizbarkeit – die Symptome der Verbitterungsstörung können unbehandelt noch weitreichendere Folgen haben.
Man denke an politische oder religiöse Radikalisierung. Auch diese Menschen haben meist eine grosse Wut auf eine bestimmte Gruppe von Menschen und schotten sich sozial ab.

Hanne Scheerer erklärt: «Theoretisch können Risikokonstellationen entstehen: Anhaltendes Kränkungserleben, starke Gerechtigkeits- und Sinnorientierung, sozialer Rückzug und Kontakt zu radikalisierenden Online-Gemeinschaften.»
Wenn sich Betroffene also im Netz nach Gleichgesinnten umschauen, die sich genauso ungerecht behandelt fühlen, kann es gefährlich werden.
Denn: Hier tummeln sich radikales Gedankengut und Gemeinschaften, die sich gegenseitig darin bestärken.
Frauenhass-Influencer und Co. bieten Gekränkten einfache Lösungen
In den letzten Jahren sorgten beispielsweise Frauenhass-Influencer immer wieder für Schlagzeilen.
Die Lösung, die sie gekränkten oder verunsicherten jungen Männern bieten: Die Botschaft, sie seien ganz grundsätzlich wertvoller als Frauen.

Scheerer gibt aber auch Entwarnung: «Ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Verbitterungsstörung und Radikalisierung ist nicht belegt.» Die grosse Mehrheit driftet nicht ab.
Ob aus einer Verbitterungsstörung eine Radikalisierung wird, hänge schliesslich von vielen Faktoren ab. «Etwa, ob die Person ein gutes soziales Netz hat, Menschen, die dagegen reden und Zugang zu Hilfe.»
Heilversprechen gibt es nicht – Ziel ist Stabilisierung
Wichtig seien Prävention und frühe Erkennung.
«Ziel ist passgenaue Hilfe: Belastungen reduzieren, Handlungsfähigkeit zurückgewinnen und die Verbitterung schrittweise in den Hintergrund treten lassen.»
So konnte auch der Fachperson aus dem Beispiel geholfen werden, die nach ihrem Job-Verlust nicht aus dem Grübeln hinauskam.
In der Psychotherapie wurde mit ihr unter anderem besprochen, wie sie besser mit dem Grübeln umgehen kann. «Zudem wurden ihre starren Zuschreibungen überprüft», erzählt Scheerer.
Daneben wurde mit der Person ein Aktivierungs- und Schlafprogramm erarbeitet und ein Arzt beurteilte ihre Begleiterkrankungen.
«Innerhalb einiger Wochen stabilisierte sich der Alltag. Die Verbitterung trat schrittweise zurück, Entscheidungs- und Beziehungsfähigkeit nahmen wieder zu.»
Ein Heilversprechen gebe es jedoch nicht, gibt die Oberärztin an der Zürcher PUK zu bedenken. «Realistisch ist eine schrittweise Stabilisierung mit wachsender Handlungsfähigkeit.»
*Details zur Person verfremdet, um Anonymität zu wahren
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